01.04.2006 · Julia Donaldson erzählt ein altes englisches Märchen neu
Die Miniatur ist eins der beliebtesten Formate der Kinderliteratur, die sich von den Kleine-Welt-Spielen ihrer Leser zum Erzählen inspirieren läßt und damit freie Hand gewinnt für phantastische Effekte wie für komische und lehrreiche Maßstab- und Perspektivenwechsel. Die gegenläufige Variante einer Riesenwelt ist seltener, vielleicht weil das Kind lieber selbst den Riesen spielt, als von ihm eingesammelt und in die Spielzeugschachtel gesteckt zu werden. So ging es übrigens in Chamissos Ballade vom Riesenspielzeug dem Bauern, der bei Burg Niedeck pflügte, und dasselbe geschieht den Geschwistern Colette, Stephen und der kaum den Windeln entwachsenen Polly in Julia Donaldsons neuem Kinderbuch.
Ihr Riesenmädchen hüpft so vergnügt und neugierig übers Menschenland wie Chamissos Burgfräulein. Dabei hat die Autorin nicht die deutsche Ballade im Sinn, sondern das englische Märchen von Jack und der Bohnenranke. Der leichtfertige Trickster Jack hatte bunte Bohnen gegen die einzige Kuh seiner Mutter eingetauscht. Über Nacht wuchs aus den Bohnen eine Ranke bis in den Himmel. An ihr kletterte Jack hoch und kam zum Haus eines Riesen. Obgleich von der freundlichen Riesenfrau gut bewirtet, stahl er die Schätze ihres Mannes und kletterte an der Bohnenranke hinunter in Mutters Garten, nicht ohne den ihn verfolgenden Riesen durch Kappen der Ranke in den Tod zu stürzen.
Ein traumatisches Ereignis für die Riesen. Allerdings denkt in Magrolonien, einer Welt, die unserer sehr ähnlich ist, niemand mehr daran - mit zwei Ausnahmen: Der alte Possitsch beschuldigt die Minipopps, wie Jack und seinesgleichen genannt werden, sein Kuschelschäfchen geklaut zu haben, dessen Verlust er bis heute nicht verwinden kann. Er lebt in dauernder Angst vor den Kleinen und hat immer eine Kanne Unkrautgift dabei, um jede neue Bohnenranke sofort zu vernichten. Und für die neunjährige Megalilli ist Jacks Abenteuer die liebste Gutenachtgeschichte. Anders als Possitsch will sie aber partout einmal Minipopps zum Spielen haben, und da sie ein paar verschrumpelte Bohnen in ihrem Schatzkästchen findet, gelingt es ihr tatsächlich, sich diesen Wunsch zu erfüllen.
Während im Märchen der Blickwinkel des Helden dominiert, wechselt Julia Donaldson die Perspektiven, erzählt mal aus der Sicht Megalillis, mal aus der von Colette und läßt uns auch an den Gedanken und Gefühlen Possitschs teilhaben. Der Wechsel der Erzählperspektive zwingt zu wechselnder Parteinahme. Wir fühlen uns groß mit Megalilli, die die entführten Minipopps im Puppenhaus unterbringt, dann wieder erschrecken wir mit Colette, Stephen und Polly vor den Riesenhänden, irren hilflos durch Kinderzimmer-Wälder aus Dominosteinen, vorbei an berghohen Eierkartons und monströsen Schnecken, um fassungslos vor einer Treppenstufe zu stehen, die uns als (fast) unüberwindlicher Abgrund entgegengähnt. Beim Einblick in das Gemüt des alten Riesen lernen wir die eigentümliche Hartnäckigkeit kennen, mit der die Kindheit im Alter fortwirkt. Es geht uns wie Alice im Wunderland: Am Ende wissen wir nicht mehr, wie groß oder klein wir eigentlich sind - eine angemessene Lehre für ein Kinderbuch.
An weiteren Belehrungen hat Julia Donaldson zum Glück kein großes Interesse. Sie läßt ihre Minipopps selbst aushandeln, ob die Sammelleidenschaft, die die beiden Mädchen teilen, nur lästig oder auch nützlich ist, und sie bahnt für beide die Erfahrung an, daß ihre coolen Brüder sie im Ernstfall nicht im Stich lassen. Verblüfft nehmen schließlich alle zur Kenntnis, daß Polly als einzige sich die Riesensprache angeeignet hat, obgleich sie noch kaum richtig sprechen kann. Diese magrolonische Sprache ist übrigens ungemein geschickt ausgedacht (und von Mirjam Pressler übersetzt), kippt nie ins Alberne, ist leicht zu verstehen und doch fremd und kennt eingängige Verse und Lieder. Wer dennoch Schwierigkeiten mit schwippedippeln hat und den Sinn von wiggeldepim nicht aus dem Kontext erschließen kann, findet im Anhang ein Wörterbuch.
Nach allen Gefahren und Ängsten trägt jede Figur zu einem Ende bei, das man sich freundlicher nicht wünschen kann. Dabei geht es trotz der märchenhaften Zweiländerwelt ohne Magie ab, ohne den Fantasy-Kram, der die Imagination von Kinderbuchautoren heute zu lähmen droht. Wer aus dem "Grüffelo"-Alter und aus den Kleidern des "Riesen Rick" herausgewachsen ist, findet hier das bewährte Duo Donaldson/Scheffler in Höchstform wieder.
GUNDEL MATTENKLOTT
Julia Donaldson: "Das Riesenmädchen und die Minipopps". Aus dem Englischen übersetzt von Mirjam Pressler. Mit Bildern von Axel Scheffler. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2006. 223 S., geb., 12,90 [Euro]. Ab 6 J.