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Wolfgang Kemp: Foreign Affairs Unser deutscher Sommer der Liebe

 ·  Ein Stück Kulturgeschichte, das geschrieben werden musste: Wolfgang Kemp erzählt in „Foreign Affairs“ mitreißend und inspiriert von der abenteuerlichen Germanophilie englischer Intellektueller zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.

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Die vielgerühmte englische Exzentrizität, ebenso ästhetisch stimulierend wie sozial gewöhnungsbedürftig, übertraf sich spätestens in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts selbst, als sie ihre Germanophilie entdeckte.

Zwar gab es Ausnahmen. Virginia Woolf brauchte lange, bis sie sich von ihrem Besuch in Berlin im Januar 1929 erholt hatte; in Deutschland kranke man an „unbeschreiblicher Mediokrität“, befand sie. Ihre Freundin Vita Sackville-West sekundierte: „Oh, that filthy, filthy place. How I loathe it.“ Ihr Mann, der Publizist und Politiker Harold Nicolson, befand, dass es den Deutschen an Distinktion mangele. Damit sind die auffallendsten (Vor-)Urteile der prominenten Deutschland-Besucher aus England in jener Zeit aber auch schon aufgearbeitet.

Andere Stimmen klingen erheblich differenzierter, informierter, aufschlussreicher, sofern sie nicht vom aufkommenden Hitlerismus geradezu enthusiasmiert waren; andere verstanden es jedoch durchaus, man denke an Christopher Isherwood und Stephen Spender, sich mit diesem grauenvollen Phänomen kritisch auseinanderzusetzen. Genaueres erfährt man darüber in „Foreign Affairs“, Wolfgang Kemps lesenswerter Studie über die „Abenteuer einiger Engländer in Deutschland“ zwischen Jahrhundertwende und dem Ende der vierziger Jahre, ein unverzichtbares Stück Kulturgeschichte, das geschrieben werden musste.

Mit Elizabeth von Arnim nach Rügen

Kemp hält sich nicht mit langen Erörterungen der germanophilen Aspekte des Viktorianismus und der zunehmend anglophoben, flottenpolitisch aufgeheizten Stimmung im Wilhelminismus auf oder bei dem bizarren musikalischen Symbol, dass „God save the Queen“ und „Heil dir im Siegerkranz“ derselben Melodie folgen, sondern begleitet einleitend die gebürtige und erzenglisch erzogene Australierin Elizabeth von Arnim nach Rügen, Jerome K. Jerome und seine „three men“ auf einen „Bummel“ durch deutsche Lande und zeigt in stets gefälligem Stil, der trotz der gebotenen Informationsfülle nie überladen wirkt, wie die Reiseerzählung und nicht der Reisebericht das zunächst wichtigste Vermittlungsmedium englischer Deutschland-Erfahrungen gewesen ist.

Natürlicherweise wirkten die biedermeierhaften, industriefernen Deutschland-Bilder des neunzehnten Jahrhunderts in britischen Reisezeugnissen noch lange im zwanzigsten Jahrhundert nach. Deutschland stellte sich interessierten Briten weiterhin als ein Land der Musik (Ethel Smyth), der Kuranstalten und guten medizinischen Versorgung dar, der Frühstückspensionen (Katherine Mansfield, Dorothy Richardson) und Gelehrtenwelt (Ford Maddox Ford). Kemp gelingt es, die „Abenteuer einiger Engländer“ auch zu einer Entdeckungsreise für seine Leser zu verwandeln, indem er unerwartete thematische Schwerpunkte setzt, Persönlichkeiten schildert, deren deutsche Konnexionen durchaus nicht zum Allgemeingut gehören, und angenehm beiläufig wertvolle Quellen einführt, die es neu zu erschließen gilt; ein Beispiel für viele ist sein Hinweis auf Cecily U. Sidgwicks für ihre Zeit einzigartige Untersuchung „Life in Germany“ (London 1904).

Der Rhein als britischer Grenzstrom

Zwar konzentriert sich Kemp vorwiegend auf die literarischen Kulturbeziehungen, aber er behandelt sie nicht losgelöst von ihren sozialen und politischen Kontexten sowie ihren räumlichen Zentren, zum Beispiel Marburg, Leipzig und Gießen vor dem Ersten Weltkrieg, in der Hauptsache natürlich Berlin in den Zwischenkriegsjahren und – ebenso offensichtlich – die britische Besatzungszone seit 1945, wobei der Umstand, dass so der Rhein zeitweise zu einem britischen Grenzstrom wurde, nie genug reflektiert werden kann.

Deutschland vor und nach dem Ersten Weltkrieg, dieser Befund Kemps überrascht vielleicht am meisten, erschien britischen Intellektuellen als ein vergleichsweise liberales Land, etwa in Fragen des Scheidungsrechts. Man konnte sich libertinagehaft einrichten in der deutschen Provinz, zumindest für eine gewisse Zeit, so etwa der bedeutende Schriftsteller und Ästhet Ford Maddox Ford mit seiner ihre Emanzipation theatralisch zur Schau stellenden Violet Hunt, die per Hosenrock Gießen unsicher machte und sich mit ihrem Liebhaber Ford Maddox als eine in Deutschland „erwünschte Fremde“ sah, um den Titel ihres gemeinsam verfassten und 1913 veröffentlichten Reiseberichts zu zitieren, der vor Freude an (fast) allem Deutschen geradezu triefte. Ford interessiert auch deswegen, weil er, halb deutschstämmig geboren als Ford Hermann Madox Hueffer, wie die königliche Familie während des Ersten Weltkrieges in einem schrittweise vollzogenen Selbstanglisierungsprozess seinen Namen änderte, indem er zuerst den Mittelnamen „Hermann“ strich und dann dessen englische Bestandteile verdoppelte.

Alles so schön freizügig hier

Es ist eine selten reflektierte Tatsache, dass, wie Kemp betont, „das berühmteste Gedicht der Moderne“, T. S. Eliots „The Waste Land“, im Münchener Hofgarten beginnt und auffallend pointiert Deutsches ins Spiel bringt. Das verdankt sich Eliots kurze, aber intensive Vorkriegserfahrungen in Marburg, wo er bei Edmund Husserl studierte. Und diese Verbindung von deutschen Erfahrungswerten mit der englischsprachigen Moderne setzte sich während der Weimarer Republik fort, nämlich im literarischen Schaffen Christopher Isherwoods, W. H. Audens und Stephen Spenders. Diese jungen Autoren genossen das im Gegensatz zum damaligen Britannien moralisch „freizügige“ Deutschland, das sie als einen einzigen „summer of love“ wahrnahmen. Die Licht- und Freikörperkultur der Weimarer Republik wirkte auf diese Autoren des „Jungen England“ ebenso magisch wie (sexuell und intellektuell, wohl in dieser Reihenfolge!) befreiend. Vor allem Isherwoods Berlin-Faszination ließ ihn literarisch zu einem Neoimpressionisten werden, der sich angesichts der überwältigenden Vielfalt dieser Metropolis mehr und mehr nur noch als eine schreibende „Kamera“ verstand.

Umso harscher wirkte auf diese Ästheten der Kulturbruch von 1933. Kemp zeigt jedoch an einigen ebenso bedenklichen wie bedenkenswerten Fällen, sie reichen von der Hitler-Anbeterin Unity Mitford, Oswald und Diana Mosley bis zu William Joyce, der als „Lord Haw Haw“ sich bis 1945 in den Dienst der antienglischen Nazi-Propaganda stellen ließ, wie die (elitäre) Germanophilie ins Faschistoide umschlagen konnte. Selbst ein so populärer Schriftsteller wie P. G. Wodehouse hatte sich zeitweise von den Nazis vereinnahmen lassen, ohne dass er dafür nach 1945 von seinen Landsleuten zur Rechenschaft gezogen wurde. Hier wäre übrigens auch ein Wort zu Winifred Wagner, einer gebürtigen Waliserin, am Platz gewesen, nicht weniger zu Lloyd George, der vom alles Deutsche hassenden Kriegspremier zum Hitler bewundernden Besucher auf dem Berghof wurde. Doch soll hier nicht noch mehr Material eingeklagt werden; was Wolfgang Kemp bietet und in einem angenehmen, von geradezu englischer Ironie durchwirkten Gesprächston aufbereitet, ist reichhaltig genug.

Keine steife Oberlippe

Am Ende dieser abenteuerlichen Germanophilie „einiger Engländer“ steht ein zweideutiger, um nicht zu sagen: zwielichtiger Eindruck. Die „englische Wacht“ an Rhein, Elbe und Spree nach 1945 schien einer kulturkonservativen Renaissance Vorschub zu leisten, die sich sowohl in der erschütternden Bestandsaufnahme „Deutschland in Ruinen“ (Stephen Spender) als auch in der von christlicher Abendlandrhetorik bestimmten britischen Zonenreise T. S. Eliots manifestierte, unübertrefflich karikiert übrigens in Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“.

Die Moderne sah sich einstweilen gestundet. Ein Jahrzehnt später freilich entdeckten neue junge englische Abenteurer Deutsches, nämlich die Musikszene in Hamburg; sie nannten sich „The Beatles“, und mit ihnen begannen sich die deutsch-britischen Kulturbeziehungen zu popularisieren und zu globalisieren. Aber dieses Kapitel gehört bereits in ein anderes Buch.

Wolfgang Kemp: „Foreign Affairs“. Die Abenteuer einiger Engländer in Deutschland 1900–1945. Hanser Verlag, München 2010. 383 S., Abb., geb., 24,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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