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Wolfgang Hilbigs gesammelte Erzählungen : Der Gefangene kann sich nicht denken

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Bild: S. Fischer Verlag

Wehe der Klasse, wenn der Arbeiter einmal Bewusstsein entwickelt: Wolfgang Hilbig gestaltet in seiner glänzenden Prosa das ganze zerrissene Subjekt der deutschen Spaltungsgeschichte.

          Was immer in diesem zwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall an Literatur im Kontext der DDR schon erschienen sein mag – der nun vorliegende zweite Band einer Werkauswahl Wolfgang Hilbigs mit Erzählungen und kurzer Prosa ist von einer solchen ästhetischen Eindringlichkeit, dass er alles zusammenzufassen scheint. Die erschreckend oft gestellte Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, ist damit gleich mit beantwortet. Und das ohne jede Akklamation. Hilbig war viel zu sehr in den „Territorien der Seele“ unterwegs, dort, wo es keine Antworten und keine Sicherheiten mehr gibt, als dass er jemals abgeschlossene Meinungen wie Fertigteile für den Agitationsunterricht hätte bieten können. Seine literarischen Vorlieben waren dementsprechend: Edgar Allen Poe, Franz Kafka und vor allem E. T. A. Hoffmann, dessen Phänomenologie des Irrsinns mit den Bedingungen eines Fabrikarbeiters in den Erzählungen Hilbigs koinzidiert.

          Überhaupt sind es wohl die Romantiker, deren notorisches Unglück nur die Rückseite eines tiefen Begehrens nach Harmonie gewesen ist, die den Autor beeinflusst haben. Darüber hinaus gilt das gesamte literarische Werk dem einen großen Versuch, das Wort „Ich“ zu beschreiben. Jeder Prosatext, jedes Gedicht kreist um die Rückeroberung eines schon aufgegebenen oder nur noch in losen Verweisungen vagabundierenden Begriffs vom Subjekt, und genau darin steht er in der Tradition einer Moderne, die mit dem sogenannten sozialistischen Realismus naturgemäß nicht übereinging.

          Der schreibende Arbeiter

          Nun ist die Etablierung und Dekonstruierung des Ich-Begriffs ein wesentlicher Bestandteil der Philosophiegeschichte und wäre wohl denkbar unergiebig, würde die Literatur nur eine illustrierte Geschichte dazu liefern. Bei dem schreibenden Arbeiter aus Meuselwitz aber, der im „Sklavenstatus“ eines Kesselheizers die Sprachlosigkeit seiner angeblich herrschenden, in Wahrheit aber unterdrückten Klasse erleidet, hört die Philosophie über den Ich-Begriff auf und geht über in eine existentielle Demütigung, die zu beschreiben sein Anliegen wird. Wenn wir den Osten verstehen als einen Westen im Zustand seiner Rückständigkeit, was auch eine Langsamkeit brachte, die den technologischen Fortschritt subversiv unterlief, dann verhielt sich diese Gesellschaftsform wie die offene Wunde zur Theorie; sie war der kranke Körper, der sich noch berühren und behandeln ließ; sie lieferte die Bestätigung für postmoderne Diskurse, die andernfalls hätten leer um sich selbst kreisen müssen.

          Wir erinnern uns an die Liebe der Germanisten zum Ost-Berliner Untergrund, die schlagartig erlosch, als dieser politische Subtext sein Geheimnis verlor und entzaubert wurde von einer Handvoll Zuträgern der Stasi. Dieses Desaster haben literarisch nicht viele überlebt. Und Hilbig, der seit Mitte der achtziger Jahre schon in der Bundesrepublik lebte, war auch hier einen Schritt weiter und konnte von außen auf ein Trümmerfeld blicken und es fruchtbar für sich machen. Die ästhetischen Grundpositionen blieben dabei erhalten, die Leere in der Substanz zu beschreiben, anstatt, wie es schon zum Konzept der Postmoderne gehörte, Substanz und Leere gleichbedeutend ineinanderzuschieben. Die Geschichte liegt zwar in Brüchen, aber sie behält die Option, veränderbar zu sein.

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