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Wolfgang Herrndorf: Tschick : Wenn man all die Mühe sieht, kann man sich die Liebe denken

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Wolfgang Herrndorf: Tschick Bild:

Tom Sawyer und Huck Finn kreuzen im geklauten Lada durch den wilden Osten: Wolfgang Herrndorf ist in seinem neuen Roman „Tschick“ ganz groß in Fahrt.

          Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?“, tönte es früher im Abspann des Zeichentricks vom rosaroten Paulchen Panther, und tatsächlich war man jedes Mal traurig, dass die Sendung schon vorbei war. Das Beste am Jungsein ist ja, dass es ewig dauert, von Moment zu Moment, sogar noch in der Pubertät, obwohl man die ja meistens so schnell wie möglich hinter sich lassen möchte. Erst viel später sieht man sich plötzlich nur noch im Zeitraffer.

          Langsam fernsehen geht nun einmal nicht, langsam lesen schon. Und hier ist ein Roman, den man ganz besonders langsam lesen möchte, damit er nie zu Ende geht. Denn er versetzt einen buchstäblich zurück in die Gegenwart, die zugleich ganz neu und seltsam vertraut ist: in diesen Sommer, als wir vierzehn waren.

          „Tschick“ erzählt von einem Aufbruch, einer Freundschaft und einer Rückkehr, es ist ein Road-Movie und eine Coming-of-Age-Story, ein Abenteuer- und ein Heimatroman. Vor allem aber ist es ein großartiges Buch, egal, ob man nun dreizehn, dreißig oder gefühlte dreihundert ist. Das liegt natürlich am Autor Wolfgang Herrndorf, aber das vergisst man beim Lesen ziemlich schnell, weil man völlig damit beschäftigt ist, Maik zuzuhören, der die Geschichte erzählt.

          Vom Erwachsensein eines Vierzehnjährigen

          Maik ist vierzehn, hat gerade die siebte Klasse Gymnasium in Berlin-Marzahn hinter sich, und vor ihm erstreckt sich die Unendlichkeit von zwei Wochen Sommerferien allein zu Hause. Die Mutter ist auf einer „Schönheitsfarm“, so das familiäre Codewort für ihren regelmäßigen Alkoholentzug, und der Vater ist derweil mit seiner hübschen Assistentin zu einem ausgedehnten „Geschäftstermin“ aufgebrochen. Maik hat er zweihundert Euro dagelassen und die Anweisung, „keinen Scheiß zu machen“; notfalls könne er anrufen. „Okay fand ich immerhin, dass mein Vater gar nicht erst versuchte, irgendein großes Theater abzuziehen.“

          Maik ist selbst auch keiner, der irgendein Theater abzieht, erst recht nicht jetzt, wo die umschwärmte Tatjana ihn als einen der wenigen Klassenkameraden nicht zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen hat, dabei hatte er ihr schon ein Geschenk gemacht, ein mit großem Aufwand selbst gezeichnetes Bild ihrer Lieblingssängerin Beyoncé: „Wahrscheinlich wollte ich, dass man sieht, dass ich mir Mühe gemacht hab. Weil, wenn man das mit der Mühe sieht, kann man sich den Rest auch denken.“ Was Gefühlsäußerungen angeht, hat Maik es noch nicht so mit Worten, aber als lakonischer, ehrlicher, witziger und außerdem liebenswerter Ich-Erzähler der Abenteuer dieses Sommers ist er eine Wucht.

          Maiks Erzählung folgt dem künstlerischen Grundmuster seines Bildes für Tatjana: Kapitel um Kapitel werden Episoden, Eindrücke, Szenen, Momente erzählt, und unversehens steht man vor einer Meisterleistung. Denn gerade als Maik die vietnamesische Putzfrau losgeworden ist und sich ungestört seiner Tatjana-Melancholie hingeben will, kommt Tschick angefahren. Tschick heißt eigentlich Andrej Tschichatschow, ist noch neu in Maiks Klasse und ziemlich klug, wenn er nicht gerade betrunken ist.

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