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Wolfgang Herrndorf: Sand : Wo Schmuggler, Hippies, Künstler und Agenten auftanken

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Bild: Verlag

Im vergangenen Jahr begeisterte er mit der Ausreißergeschichte „Tschick“. Jetzt legt Wolfgang Herrndorf einen literarischen Thriller vor: den grandiosen Wüstenroman „Sand“.

          Wer Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ (2010) gelesen hatte, ein Buch von franker Lustigkeit und herzerwärmender Solidarität mit der Jugend, der konnte sich den Autor nur als einen glücklichen Menschen vorstellen. So ist es schockierend, aus seinem Blog zu erfahren, dass er schon länger mit dem Tod um die Wette schreibt. Und so erregt schon der Umschlag seines neuen Romans die Assoziationen, die sich seit biblischen Zeiten angesammelt haben. Sand, der unaufhörlich durch das Stundenglas rinnt, den wir uns gegenseitig in die Augen streuen, auf den alles Menschenwesen gebaut ist, der die Spuren verweht und bald vielleicht das Gesicht der Menschheit.

          Die Befürchtung aber, es könnte sich bei dem Roman um ein deprimierendes Exemplar der Gattung tapferer Krankheitsbewältigungsbericht handeln, ist unbegründet, wie sich rasch herausstellt. Nach wie vor ist hier ein gewitzter und universal belesener Artist am Werk, der auf seinem Hochseil mit Gewalt, Tod, Verderben und Vergessen jongliert und die Nichtigkeit der menschlichen Existenz als großes Kunststück aufführt.

          Ein verfremdetes Marokko als Schauplatz

          Zeit und Ort werden klassisch angelegt. Die Handlung spielt im September 1972. Bei den Olympischen Spielen in München nehmen die Terroristen des „Schwarzen September“ Mitglieder der israelischen Delegation als Geiseln. Bei der dilettantischen Befreiungsaktion kommen siebzehn Menschen ums Leben, weitere Tote folgten bei Racheaktionen des israelischen Geheimdiensts und in der Verschärfung des Palästina-Konflikts und den Auswirkungen in der arabischen Welt. Fortan wächst die Angst vor der Waffentechnologie in arabischen Händen.

          Schauplatz ist aber ein Land im Maghreb, halbzivilisiert, schmutzig, chaotisch, gewalttätig und korrupt. Der Erzähler stellt es dem Leser mit geographischer Akkuratesse vor. Eine Stadt am Meer, das Leere Viertel, das Salzviertel der Suq, die Touristenzone der Altstadt, das Sheraton Hotel mit seinen Bungalows, die Slums im Gürtel. Dahinter die Berge, dann die Wüste mit einer Piste, die zu einer Oase führt. Trotz verfremdeter Namen erkennt der Leser unschwer das Königreich Marokko mit seinen Residuen aus der französischen Kolonialzeit und der „Interzone“, das Tanger der berauschten Künstler und Literaten, der Partys bei amerikanischen Lebedamen, der schwulen Subkultur, die sich arabische Lustknaben in Adidas-Hosen hält, der bekifften Hippies und der Agenten, Schmuggler und Geschäftemacher aus aller Herren Länder.

          Auf dem Zentralkommissariat geht es zu wie im Taubenschlag

          Es beginnt damit, dass vier Mitglieder einer internationalen Hippiekommune in der Oase ermordet werden, mehr Tote folgen. Als Täter wird ein Junge mit dem hübschen Namen Amadou Amadou verhaftet und von zwei lustlosen Kommissaren verhört. Den einen, Polidario, beschäftigt mehr, dass er pünktlich um vier Uhr nachmittags unter Kopfschmerzen zu leiden beginnt, weshalb er schon vorsorglich Aspirin einwirft. Der andere, Canisades, ist in der Halbwelt der Künstler mit ihrem zynischem Gequatsche über „Atombomben in den Händen von Kameltreibern“ wohlbekannt. Seinem Kollegen, dem arabischstämmigen pieds-noir mit französischen Pass, geht das alles auf die Nerven. „Da eine Bombe rein.“

          Im Fall des Hippiemords geht es zum ersten Mal um einen Koffer, nämlich um einen voller Geld, leider in „Goethe“, nämlich in der Währung der DDR. Es scheint aber noch eine andere Bewandtnis damit zu haben, und das sorgt allein schon für reichlich Verkehr von der Stadt in die Wüste und zurück. Überhaupt wird viel Auto gefahren. Auch auf dem Zentralkommissariat geht es auch zu wie im Taubenschlag. Obwohl der Täter eindeutig überführt zu sein scheint, ist man höheren Orts nicht an seiner Verurteilung interessiert. Im Hafen landet derweil ein Schiff, dem die attraktive Amerikanerin Helen Giese entsteigt, die den Vertrieb von Kosmetika sondieren soll. Als ein Araberjunge ihr den Musterkoffer abnehmen oder entreißen will, entleert sich der Inhalt ins Meer.

          Im nordafrikanischen Babel

          Dann gibt es neben einem gewissen Cetrois, der offenbar der Kommune Versicherungen andrehen wollte, einen mysteriösen Lundgren, der sich in der Oase einfindet, wo er sich als Herrlichkoffer ausgibt und folglich eine Kofferübergabe anstrebt, bei der jedoch irgendetwas schiefgeht. Vor allem die Kommunikation, alle scheinen Zwecke zu verfolgen, reden aber aneinander vorbei. Überhaupt gibt es in diesem nordafrikanischen Babel ziemlich viele Missverständnisse, nicht nur wegen der Sprachenvielfalt. Die Tankstelle an der Piste, wo sich die Fäden der Handlung verknüpfen, macht jedenfalls gute Geschäfte, da kommen alle einmal vorbei.

          Das sind nach dem ersten Buch schon ziemlich viele, und was die ähnlich zahlreichen Personen angeht, so keimt bald der Verdacht, das einige davon nicht die sind, für die sie sich ausgeben. Was soll das werden, fragt sich der gespannte Leser, ein postkolonialer Gesellschaftsroman, ein exotischer Krimi, ein Spionagethriller, ein zeitgeschichtliches Melodram à la „Casablanca“?

          Vielleicht möchte das Ich einmal wandern gehen

          Aber dann geht es erst richtig los: „Tabula Rasa“. Drei Männer streiten sich um den Bastkoffer und scheitern an der Verfolgung von Cetrois. Ein Vierter gerät in den Tumult und bekommt einen Schlag mit dem Wagenheber auf den Hinterkopf. Als er aufwacht, weiß er nicht mehr, wer er ist und wie er heißt. Er kann sich an einiges erinnern, sein funktionales Gedächtnis ist intakt, sein Weltwissen noch vorhanden, aber es gelingt ihm nicht, „das Memorykärtchen seiner Identität“ umzudrehen. Er schleppt sich zur Tankstelle, wo Helen den Verwundeten einsteigen lässt.

          Zurück in der Stadt, beginnen seine Bemühungen, das Rätsel seiner Identität zu lösen. Papierfetzen die er bei sich hat, ergeben keinen Sinn, Sein Nachdenken gerät regelmäßig zum „Versinken im Nebel“, das Gehirn arbeitet pausenlos ohne Ergebnis, er träumt von hölzernen Ziegen, in denen verkleidete Priester sitzen. „Nichts von dem, was er erzählte, ergab einen Sinn.“ Helen kann ihm nicht helfen, ein dubioser Psychiater auch nicht. Der entdeckt freilich an der Krankheit des Mannes „Züge des Inexistenten“. Aber vielleicht möchte ja so ein Ich bei Gelegenheit einmal wandern gehen, hinaus aus dem Kerker der Identität ins Freie, in die Wüste, um sich als unbeschriebenes Blatt zu erleben.

          Das ist Leben ist auch ein Fehlerspiel an Zufällen

          Nun beginnt ein Leidensweg, schrecklich und quälend, zugleich beklemmend komisch. Wie in einem überlangen Slapstick stolpert der Held von einem Schlamassel zum nächsten. Er wird bedroht, entführt, verletzt und gefoltert, und er weiß nicht warum. Alle wollen etwas von ihm, von Kleingaunern und drogensüchtigen Prostituierten über Adil Bassi, den König der Schieber, bis zu einem zusammengewürfelten Haufen von Agenten. Er aber weiß nicht, was sie suchen, und der Leser weiß es vorerst auch nicht. Was der Mann sagt, ist vermutlich die Wahrheit, aber nicht das, was seine Peiniger aus ihm herausprügeln wollen. Da die Wahrheit so unwahrscheinlich klingt, erfindet er wahrscheinlichere Aussagen, aber der Zufall will ihm nicht zu Hilfe kommen.

          Dabei könnte das Ganze als eine Verkettung von dummen Zufällen erscheinen. Die Verbrecher, die Polizisten, die Geheimdienstagenten ergänzen sich in ihrer Stümperhaftigkeit. Die Ereignisse und Gewalttaten scheinen jeweils keinen oder einen falschen Grund zu haben. Das Leben ist auch ein Fehlerspiel von Zufällen, aber da nennt man es Schicksal. Gütigenfalls führt es einen aus der Wüste, wo das Gegenteil von Zivilisation nicht die Barbarei ist, sondern die Einsamkeit, an die Hotelbar. Für Michelle aus der Kommune, Helens Jugendfreundin, schlicht im Geiste, aber eine Meisterin des Tarot, fügt sich aber alles zum Sinn, selbst wenn sie die Karte mit dem Gehängten herauslässt. „Alles, was dabei herauskam, war so ungeheuer treffend, viel treffender noch als für gewöhnlich die Aussagen des Keltischen Kreuzes.“

          Triumph der Intelligenz über „die große Zerstörerin Zeit“

          Irgendwann geht dem Leser dann auch ohne Kartenlesen ein Licht auf. Offenbar gilt der ganze Aufwand von Gewalttätigkeit und Verstellung einer „Mine“. Aber was bezeichnet das? Ein Codewort, eine Bombe, Gold, ein Schreibgerät, eine Person? Der Leser muss es in Herrndorfs grandiosem Spiel der Mehrdeutigkeiten und Irrtümer selbst herausfinden. Verraten wird ihm hingegen, wer der identitätsvergessene Mann ist beziehungsweise war. Metaphorisch begabte Leser können sich in ihm aber auch selbst erkennen. Im Nachhinein erscheint jedenfalls alles so logisch wie bei Hitchcock, Stendhal oder Borges.

          Am Ende stürzt bei einer Säuberungswelle im Salzviertel ein Bauwerk zusammen, und der ganze Schamott wird nebst einer kleinen Leiche den Hügel hinabgeschoben. Das ist noch einmal ein bitterer Kommentar zum Irrsinn der globalisierten Welt, der blutigen Macht der universalen Unvernunft des Mängelwesens Mensch, zugleich aber eine Gebärde des Triumphs einer glasklaren poetischen Intelligenz über „die große Zerstörerin Zeit“.

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