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Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott : Eine Suada, die die Welt verändert

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Eigentlich, so stand zu befürchten, hatte Wolf Haas mit seinem Kultkrimihelden Brenner abgeschlossen. Aber dann fiel ihm glücklicherweise ein, dass sechs im Gegensatz zu sieben keine heilige Zahl ist, und so hat er ihm doch noch einen Roman gewidmet.

          Es soll ja Menschen geben, die prinzipiell keine Krimis lesen. Deshalb sei zunächst klargestellt: Ein Krimi von Wolf Haas ist in erster Linie ein Haas und erst in zweiter ein Krimi. Das heißt nun nicht, dass Haas – wie viele Trittbrettfahrer des Krimi-Booms – die Gesetze des Genres missachten und dem Plot samt erlösender Auflösung keine Sorgfalt widmen würde. Nein, da hat alles seine analytische Richtigkeit. Aber das Raffinement der Konstruktion ist es sicher nicht, was Wolf Haas über die Masse der Krimischriftsteller erhebt. Haas ist Haas wegen seiner Sprache.

          Die verdankt sich wesentlich einer urösterreichischen Form: der Suada. Eine scheindialogische Attitüde, die sich an ein Vis-à-vis richtet, das programmatisch nie zu Wort kommt, die ihm die Welt erklärt und im Übereifer Satzglieder verschluckt, weil sich die eh von selber verstehen: „Seelenverwandtschaft Hilfsausdruck“.

          Eine Suada als Heldin

          Die eigentliche Heldin des Buches ist diese Rede, die sich quasi materialisiert, die ihre Plastizität aus dem Gesprochenwerden bezieht und deshalb beim Vorlesen noch gewinnt – als würde ein unendlich redseliger Mensch am Wirtshaustisch schwadronieren, in einer Sprache allerdings, die den mündlichen Ausdruck zu einer höchst raffinierten Pseudonatürlichkeit verfremdet. Wer liest, also eigentlich zuhört, ist dem Redner ausgeliefert, seinen Idiosynkrasien, seiner Besserwisserei, seinem Hang zur Arabeske und zu gezielt danebengetroffenen Bildern: „Hör zu, warum soll jedes Blutbad mein persönliches Bier sein.“ Immerhin verfolgt das Ich den Weg des wenig ambitionierten, mitunter aus reiner Anständigkeit heldenhaften Detektivs Brenner, ehemals Kriminalinspektor, mit einer gewissen Sympathie.

          Das Besondere am Erzähler dieses neuen Buches ist, dass er eigentlich tot ist: verschieden am Ende von Brenner-Krimi Nummer sechs mit dem beziehungsvollen Titel „Das ewige Leben“. Wohl deshalb beginnt Nummer sieben nicht so, wie ein ordentlicher Haas-Krimi zu beginnen hat, nämlich mit dem Satz „Jetzt ist schon wieder was passiert.“ Stattdessen steht hier: „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“

          Sechs ist keine heilige Zahl

          Sätze wie diese sind in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen wie die Floskeln „Aber interessant“ oder „Ob du es glaubst oder nicht“. Haas ist Kult. Umso entsetzter war die lesende Gemeinde, als der Autor nach dem sechsten Band ankündigte, den ohnehin schwer getroffenen Brenner endgültig in Pension zu schicken. Aber dann hat es Herrn Haas doch wieder gejuckt, und gottlob ist ihm eingefallen, dass die Sechs eine unmögliche und jedenfalls keine heilige Zahl ist.

          Diesmal also arbeitet Simon Brenner als Chauffeur für den Münchner Bauunternehmer Kressdorf, der mit seiner Gattin, welche in Wien eine Abtreibungsklinik betreibt, eine Fernbeziehung führt. Herr Simon hat vor allem die verantwortungsvolle Aufgabe, das zweijährige Töchterlein Helena zwischen Wien und Kitzbühel, wo sich das Ehepaar auf halbem Wege zwischen den Domizilen trifft, hin- und herzubringen, eine Aufgabe, bei der er spektakulär versagt: Während er an einer Tankstelle Schokolade kauft, wird die kleine Helena geraubt. Verständlich, dass der Brenner nun auf eigene Faust ermittelt. Dabei lernt er eine nicht allein ihres Dialekts wegen attraktive Südtirolerin kennen, die, wie er selbst, die Welt dank der Einnahme von Antidepressiva mit einer gewissen Gelassenheit betrachtet. Und er bekommt es mit einem militanten Abtreibungsgegner zu tun, dessen Anhänger – „Kampfbeterinnen“ und „Rosenkranzrowdys“ – die Patientinnen der Klinik belästigen. Bei „Proleben“ findet man es eigentlich ganz in Ordnung, dass eine Ärztin, die Frauen hilft, ihre Kinder loszuwerden, nun um ihr Kind bangen muss.

          Eine Handlung, hautnah an der Wirklichkeit

          Das Buch war schon gedruckt, als in Wien ein heftiger Streit um die just am „Fleischmarkt“ gelegene Abtreibungsklinik entbrannte: Der Bürgermeister hatte zur Dreißigjahrfeier ins Rathaus geladen und musste das Fest nach Protesten in den Keller verlegen. Überhaupt scheint das Geschehen in diesem Buch nur durch eine hauchdünne Membran von der Wirklichkeit geschieden. Kressdorfs gigantomanisches Bauprojekt „Riesenland“ im Wiener Prater hat sein reales Pendant in einer architektonisch wie finanziell verunglückten „Revitalisierung“ des Vergnügungsparks. Und in der Runde der maßgeblichen Herren, die sich in Kressdorfs nobler Kitzbüheler „Almhütte“ treffen, ähnelt ein Bankdirektor und Jägermeister frappant einem in Österreich aus dem Fernsehen bekannten, nicht ganz so beliebten wie beleibten Raiffeisen-Manager: „Im Alltag hat er seine gütige Seite gewaltsam unterdrücken müssen. Was glaubst du, was da aus der Bank geworden wäre, wenn er sie mit seiner Jagdgüte geführt hätte.“

          Das macht das Hinterfotzige der Haas’schen Erzählhaltung aus: Sie stellt die Unmoral der Protagonisten bloß, indem sie Verständnis dafür suggeriert. Es scheint, als habe der Bruch seines Versprechens den Autor in „Der Brenner und der liebe Gott“ geradezu beflügelt. Haas’ Verhältnis zur Sprache ist nicht dogmatisch, sondern erotisch. Ob er ihr etwas abluchst oder ihr aber, als unermüdlicher Wörtererfinder, etwas anhängt: seine Freude ist eine diebische. Die im Titel anklingende Begegnung der überirdischen Art findet übrigens sieben Tote später in einer Senkgrube statt.

          Im Narrengärtlein der Kriminallliteratur

          Der Krimi gilt, namentlich in deutschen Landen, als Genre des literarischen Leichtgewichts und des schamhaft genossenen Zeitvertreibs. Weil das, was Haas schreibt, auch noch lustig ist, wird es gleich doppelt unterschätzt. Der Autor einer linguistischen Dissertation über „Die sprachtheoretischen Grundlagen der Konkreten Poesie“ weiß das natürlich: Im Narrengärtlein der Kriminalliteratur tobt er sich nach Herzenslust aus, listig duckt er sich unter der Messlatte des „Hochliterarischen“ durch. Auf die Dauer wird es ihm aber nichts nützen.

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