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: Witzlose Zukunft

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Der Verlag hält große Stücke auf seinen neuen Autor und läßt uns auf dem Umschlag wissen, daß das auch andere tun: "Der neue Superstar der Science Fiction!" wird die ehrbare "New York Times" sogar mit Ausrufezeichen zitiert. Was da steht, ist wahr: In Kreisen, in denen Technikspekulationen und Sozialutopien das Tagesgeschäft bestimmen, gilt Charles Stross derzeit viel.

          Der Verlag hält große Stücke auf seinen neuen Autor und läßt uns auf dem Umschlag wissen, daß das auch andere tun: "Der neue Superstar der Science Fiction!" wird die ehrbare "New York Times" sogar mit Ausrufezeichen zitiert. Was da steht, ist wahr: In Kreisen, in denen Technikspekulationen und Sozialutopien das Tagesgeschäft bestimmen, gilt Charles Stross derzeit viel. Die Unterstellung jedoch, daß das, was er schreibt, so neu ist wie sein Erfolg, trifft nicht zu. Denn was er auftischt, ist in Wahrheit so verzweifelt altbacken, daß man sich übers Lob samt Ausrufezeichen ärgern könnte, wenn das alles nicht so exemplarisch und bezeichnend wäre.

          Denn das einzig Neue, dafür aber sehr Lehrreiche an Stross und seinem Roman "Singularität" ist die Unbekümmertheit, mit der hier wie längst auch in anderen Bereichen des kulturellen, aber auch sozialen und politischen Lebens der reichen westlichen Länder aus Dingen, die in den sechziger Jahren gegen den Widerstand Mächtiger - und sei es nur, wie in diesem Fall, der Größen eines popkulturellen Genres - mühsam durchgesetzt wurden, gedankenlos aufwandsarme Ornamente gebastelt werden, mit denen man sich moralisch ins Recht setzen sowie Frauen, arme Leute und andere putzige Tierchen unverbindlich loben kann.

          Als Theodore Sturgeon das Tabu brach, das die Schilderung menschlicher wie nichtmenschlicher Sexualität in der technophilen Literatur untersagte, und als Barry Malzberg die Astronautengeschichte zum Vehikel der Infragestellung des deterministischen Menschenbilds der Technokraten nutzte, entstanden verblüffende und noch heute mit Gewinn zu studierende Reibungseffekte zwischen wissenschaftlicher Weltaneignung und politisch-ästhetischen Programmabsichten der Schriftsteller.

          Bei Stross ist daraus die unbeholfen zusammenklischierte Geschichte einer sexuell aktiven, kampfsporterfahrenen und rundum kompetenten Geheimagentin geworden, die sich in einer unaufgeräumten Ecke des Kosmos mit einem zwar technisch hochgerüsteten, sozial aber im tiefsten Viktorianismus arretierten Imperium anlegt, dessen uralte Herrscher inkontinent und schwachsinnig sind und die technische Entwicklung an die kurze Kette militärischer Notwendigkeiten und Forderungen gelegt haben, obwohl doch in ihrem Reich der Kapitalismus herrscht, der sich solche Fesseln bekanntlich auch im England des 19. Jahrhunderts keineswegs hat gefallen lassen. Die Dame hat einen naiven, aber tapferen Technikerfreund, und beide kommen aus der Metropole, das heißt von der Erde, wo eine künstliche Superintelligenz herrscht, die in einem Moment der "Singularität" (dieser Ausdruck für eine derartige technische Wende mit nicht vorhersehbaren Ergebnissen stammt von Vernor Vinge) die Menschheitsgeschichte usurpiert hat.

          Auf fast fünfhundert Seiten setzt es zahllose historische Inakuratessen: Die Pappkameradengesellschaft, die Stross angreift, könnte es so nie geben. Der tapfere Erzähler schreibt mit Verve gegen Rassismus, Sexismus und alle Unarten des liberalen Wertekanons an, aber was fehlt, ist jede Neugier darauf, wie diese Übel in die Welt kommen, wie sie sich selbst am Leben halten und was gegebenenfalls geändert werden müßte, um ihnen den sozialen und ideologischen Nährboden zu entziehen - die anderen sind halt blöd und ranzig, wir selber sind flott und der Zukunft zugewandt, und jetzt laß uns ein paar Sachen in die Luft jagen, ein bißchen über relativistische Zeitdilatationseffekte und Quantencomputer fachsimpeln und ungezogenen Spaß haben.

          Auslöser der emanzipatorischen Umwälzung sind am Ende nanotechnische Füllhornmaschinen, mit denen die Frauen, die sich fortan Stoffe, Besteck und anderen Haushaltskram einfach wünschen können, viel sensibler umgehen als die Männer - Stross fragt sich nicht, ob das feministisch gemeinte Lob für die vernünftige Hausfrau eventuell bevormundend ist und ob man sich vielleicht auch anderes wünschen könnte als die perfekte Küche, denn seine Botschaft lautet: Menschen, die technisch alles erschaffen können, werden frei sein. Und dafür die umständliche Reise ins Jahr 2400? Schade um die Zeit; denn das Gegenteil ist wahr: Nur freie Menschen könnten überhaupt etwas erschaffen, das der Rede wert wäre.

          DIETMAR DATH

          Charles Stross: "Singularität". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Usch Kiausch. Heyne Verlag, München 2005. 494 S., br., 8,95 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.05.2005, Nr. 119 / Seite 30

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