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: Willst du meine Briefmarkensammlung sehen, Marah?

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Eigentlich hätte Noomi Morholt die Finger von der Bücherkiste lassen sollen, die irrtümlich in die Polarstation gelangt ist. Doch die Wissenschaftlerin, die zusammen mit neun Männern ein Jahr in der Antarktis verbringt, kann nicht widerstehen. Das Konvolut, das für ein geplantes Museum bestimmt ...

          Eigentlich hätte Noomi Morholt die Finger von der Bücherkiste lassen sollen, die irrtümlich in die Polarstation gelangt ist. Doch die Wissenschaftlerin, die zusammen mit neun Männern ein Jahr in der Antarktis verbringt, kann nicht widerstehen. Das Konvolut, das für ein geplantes Museum bestimmt ist, enthält dreizehn Bücher über die Atlantikinsel Tristan da Cunha, ferner ein paar Bände aus dem Privatbesitz des künftigen Kustoden und schließlich die handschriftlichen Aufzeichnungen dreier Männer über einen Zeitraum von neunzig Jahren. "Eine seltsame Auswahl", kommentiert Noomi ihren Fund, "aber von der Bibliothek von Alexandria ist auch nicht mehr übriggeblieben - und vielleicht ließe sich anhand ihrer ebenfalls eine ganze Welt rekonstruieren."

          Natürlich wird das so deutlich markierte Vorhaben unmittelbar darauf in Angriff genommen. An dieser Stelle, nach kaum zwanzig Druckseiten, legt Raoul Schrotts üppiger Roman "Tristan da Cunha" bereits die Bedingungen offen, denen er seine Gestalt verdankt. Denn die Welt, die er so ausdauernd wie facettenreich nachzeichnet, ist das kreisrunde, karge und ständig sturmzerzauste Eiland im Nirgendwo des Südatlantik, das 1506 entdeckt und von 1816 an dauerhaft besiedelt wurde. Die Handbibliothek aus der fehlgeleiteten Bücherkiste liefert den Rohstoff zum Roman: Siedlungsgeschichte, Klima, Erfahrungsberichte von Seefahrern, Flora und Fauna, Naturbeobachtungen wie etwa die Schilderung des bislang letzten Vulkanausbruchs auf der Insel im Jahr 1961, der zu einem zweijährigen Exil der knapp 270 Bewohner in England führte, bis sie wieder in ihre unwirtliche Heimat zurückkehren konnten - ganz gegen den Willen der britischen Behörden, die das Eiland am liebsten menschenleer gesehen hätten.

          Mit den drei Manuskripten enthält die Bücherkiste aber gleichzeitig auch schon den größten Teil des beginnenden Romans: die Berichte dreier Männer, die der Insel auf unterschiedliche Weise und zu unterschiedlichen Zeiten verfallen sind, die sie aufsuchen, um auf ihr zu wohnen, die sie vermessen oder lediglich aus der Ferne erforschen. Wesentlich versteckter ist schließlich der Zusammenhang, den die "seltsame Auswahl" der übrigen Bücher aus dieser Kiste mit Schrotts Roman aufweisen: Lewis Carroll, Darwin, Dante und "ein Handbuch zum Gebrauch für Priester", ein brasilianischer Roman und vor allem das Epos von Tristan und Isolde. Dabei ist dieses scheinbar abseitige Konvolut das missing link zwischen den beiden anderen. Es spannt den Bezugsrahmen auf, vor dessen Hintergrund die Inselgeschichte erzählt und in die spezifische Form der drei Manuskripte überführt wird - in der Kiste sind paradoxerweise nebeneinander Stoff, Hinweise auf die Methode und das Ergebnis der literarischen Weltrekonstruktion zu finden, von der Noomi träumt. An ihr ist es nun, dem Fund ihre eigene Geschichte an die Seite zu stellen.

          Diese Konstellation ist es, die Schrotts polyperspektivische und alles andere als geradlinige Inselgeschichte von ähnlichen Versuchen unterscheidet, in einem starkleibigen Roman diachron von einer möglichst entlegenen Region zu berichten. Seine vier Erzähler - neben Noomi sind das ein Pfarrer, den es 1881 bis 1886 auf Tristan da Cunha verschlägt, ein Funker, der hier seine große Liebe findet und wieder verliert, ein Briefmarkensammler, der eine philatelistisch inspirierte Geschichte der Insel verfaßt - steuern einen jeweils eigenen Blickwinkel, Sprachstil und Hintergrund bei. Und weil die Konvolute in einzelne Abschnitte aufgelöst und munter gemischt dargeboten werden, ist oft die assoziative Verknüpfung dieser Teile von hohem Reiz, die unterschwelligen Signale, die das Journal Revals mit den Briefen Dogdsons, der Studie Thomsens und Notizen Noomi Morholts in Bezug setzen, gerade wenn sich Sprache und Stil der Manuskripte so auffällig voneinander unterscheiden.

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