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William T. Vollmann: Europe Central : Das Stimmwunder aus Krieg und Diktatur

Bild: Suhrkamp Verlag

William T. Vollmanns Riesenroman „Europe Central“ erzählt vom zwanzigsten Jahrhundert in Russland und Deutschland - vielstimmig, manisch und atemraubend interessant.

          Es dürfte in der Weltliteratur keine 2846,82 Dollar geben, die besser angelegt wurden als von William T. Vollmann. Denn für diese Summe ließ sich der amerikanische Autor die Briefe Dmitri Schostakowitschs übersetzen, die der russische Komponist in den Jahren 1934 und 1935 an seine Geliebte Elena Konstantinowskaja geschrieben hat. Der Forschung sind sie erst in den neunziger Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs bekanntgeworden, als sie in London versteigert wurden. Deshalb taucht Konstantinowskajas Name in den meisten Schostakowitsch-Biographien nicht auf, und William T. Vollmann musste sich von amerikanischen Lesern seines 2005 erschienenen Romans „Europe Central“ vorwerfen lassen, dass er die Dame ja nur erfunden habe.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Was wäre das für eine Erfindung gewesen! „Europe Central“, jetzt endlich auf Deutsch erschienen, hat mehr als tausend Seiten, umfasst die Zeit von 1906 bis 1975, erzählt aus Russland und Deutschland in den Zeiten ihrer schwersten ideologischen Verblendung und bietet gleich mehrere prominente Lebensgeschichten. Doch im Zentrum dieses Romans von Krieg und Unfrieden steht eine Liebe: die bedingungslose von Schostakowitsch zu Elena Konstantinowskaja. Der weltberühmte Komponist, dessen Geburts- und Sterbejahre die Eckdaten der Handlung bezeichnen, steht hier sein Leben lang im Bann der schönen Frau, die er kennenlernte, als sie zwanzig Jahre alt war. Die Studentin sollte ihm Deutsch beibringen.

          Das Mysterium um Elena Konstantinowskaja

          Die letzten beiden Fakten sind wahr, aber Vollmann übernimmt nur den Zeitpunkt der ersten Begegnung. Dass Elena die Deutschlehrerin von Schostakowitsch war, verschweigt das Buch (ein paar mal ist von Englischlektionen die Rede). Warum, wo doch das Thema von „Europe Central“ der politische und ideologische Dualismus ist, der das zwanzigste Jahrhundert in dessen größte Katastrophe gestürzt hat? Die Erklärung ist einfach: Das hätte eine russisch-deutsche Komponente in die für das Buch zentrale Liebe gebracht. Doch diese Liebe ist es gerade, was im Roman gegen Russland und Deutschland steht.

          Also jetzt noch einmal, aber ohne Irrealis: Was ist das für eine Erfindung, diese Elena Konstantinowskaja! Eine freie Frau, frei in der Liebe zu Männern und Frauen; frei in ihrer politischen Einstellung, die ihr unter Stalin erst Sibirien und dann den „Roten Stern für Tapferkeit“ wegen ihres Einsatzes im Spanischen Bürgerkrieg einbringt; frei im Denken, im Handeln, im Sein. Und eben fast zur Gänze frei dem Kopf von William T. Vollmann entsprungen, denn außer ihrer Beziehung mit Schostakowitsch, ihrem Tod (auch sie starb 1975), einer gescheiterten Ehe mit dem russischen Dokumentarfilmer Roman Karmen und der Ordensverleihung weiß man nichts über Elena Konstantinowskaja. Es ist bislang nicht einmal ein Foto von ihr aufgetaucht.

          Der Realist und der Schlafwandler

          Also steht im Zentrum der tausend Seiten ein Phantom. Doch Vollmann füllt es mit Leben, lässt auf ganzen Seiten Liebesekstasen entbrennen, folgt Elena durch ein ganzes Leben, das er ihr erdichtet hat - und hat dann doch kein Buch geschrieben, das besser „Elena Konstantinowskaja“ geheißen hätte. Denn es geht tatsächlich um viel mehr, um Europa im zwanzigsten Jahrhundert - einen Kontinent, der aber von Vollmann auch einmal explizit mit Elena gleichgesetzt wird.

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