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William S. Burroughs: Naked Lunch : Der Kassenarzt der Vorhölle

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Bild: Verlag

Die Offenbarung der Beat-Generation in der ursprünglichen Fassung: William Burroughs' Kult-Roman „Naked Lunch“. Erst die neue Übersetzung macht für deutsche Leser nachvollziehbar, warum Burroughs als größter Satiriker seit Swift gefeiert wurde.

          Drogen und Wahn, Sex bis zum Abwinken, keine Handlung – so machte Literatur um 1960 Furore. Was ist heute davon geblieben? Der vielleicht immer noch radikalste Roman, der je geschrieben wurde. Auch wer „Naked Lunch“ nie gelesen hat, kennt seinen Ruf. Sein Einfluss ist enorm: Die Popkultur sog viel süßes Gift aus ihm, eine Handvoll Bands fand hier zu ihrem Namen, wie etwa Steely Dan – im Roman steht die Bezeichnung für einen Dildo der Extraklasse.

          In vielen Junkie-Büchern, man denke an die „Kinder vom Bahnhof Zoo“, verbindet sich kaum verhohlener Erfahrungsstolz mit der gerade deshalb eher unglaubwürdigen Drogenwarngeste; man kennt die Mischung auch aus zahllosen Rocksongs. Zwar wurde auch „Naked Lunch“ mit dem Junkie-Etikett zum Underground-Standardwerk. Der Reiz des Buchs besteht jedoch weniger im Drogen-Insidertum als in den schräg-surrealen Szenerien, die sich den Jahren der Sucht mit ihren Enthemmungen, Ängsten und Entzugsdelirien verdanken. Burroughs steigert sie mit aller Lust am Makabren und Schockierenden zum globalen Panorama: Eine völlig auf den Hund gekommene Menschheit gibt dem Affen Zucker und frönt „insektenhaften Gelüsten“. Danteske Szenen vergegenwärtigen eine Hölle, für die man nicht erst in den Erdtrichter klettern muss. Sie ist in den urbanen Wüsten gegenwärtig.

          Die Algebra des Verlangens

          „Naked Lunch“ beschäftigt sich mit der „Algebra des Verlangens“. „Junk“ steht für alles, was besinnungslos begehrt werden kann: Drogen, Liebe, Macht, Sex. Wo Abhängigkeit ist, ist auch Macht, und wo Macht ist, ist auch Kontrolle. So lässt sich der hohe Paranoia-Faktor des Buches – der literarische Kosmos Thomas Pynchons wäre ohne „Naked Lunch“ ja kaum denkbar – gleichsam organisch auf die Drogenerfahrungen zurückführen.

          Zu den Höhepunkten des Romans gehören grandiose, gelächtervolle Szenen über merkwürdige Überwachungsstaaten wie Interzone und die Auftritte von ärztlichen Autoritäten wie Dr. Benway, Mediziner der Vorhölle und Spezialist für Verhörtechniken, Gehirnwäsche und Kontrollpraktiken – und ein skrupelloser Schlächter in burlesk entgleisten Operationsszenen. Burroughs phantasiert die „Bürokraten geisterhafter Dienststellen“ und die „Amtsträger noch nicht errichteter Polizeistaaten“. An Aktualität gewonnen hat die satirische Darstellung der „Islam-AG“: „Unter die versammelten Konferenzteilnehmer mischen sich nationalistische Märtyrer, die irgendwann die Handgranate in ihrem Arsch zünden und so für erhebliche Verluste sorgen ... Und da gab es diese Geschichte mit Präsident Ra, der den englischen Präsidenten zu Boden warf und gewaltsam sodomisierte – ein Spektakel, das in der gesamten arabischen Welt im Fernsehen verfolgt werden konnte. Die wilden Freudenschreie waren noch in Stockholm zu hören.“

          Schreiben wie im Rausch?

          Er könne sich kaum an die Niederschrift des Romans erinnern, meinte Burroughs später. Die Auffassung, er habe „Naked Lunch“ im Heroinrausch geschrieben, ist aber wohl eher Legende. Zumindest würde sie schlecht passen zu den Zustandsbeschreibungen der Sucht im Roman: „völlige Gefühllosigkeit, Autismus und so gut wie keine Gehirntätigkeit mehr. Der Süchtige kann acht Stunden regungslos auf eine Wand starren.“ Sein Körper ist das „Werkzeug, mit dem er das Medium zu sich nimmt, in dem er lebt, er prüft sein Gewebe mit den kalten Fingern eines Pferdehändlers“. Und die Libido ist komplett abgeschaltet: „Dem Junkie bedeutet ein Orgasmus nichts.“ Genau das kann man von den manisch übererregten, von böser Lust besessenen Figuren des Romans nicht behaupten. Hier kehren die Fratzen des Begehrens zurück.

          Burroughs hat das Obszöne an die äußerste Grenze getrieben: atemlose Beschreibungen von Orgien und Exzessen, die irgendwo zwischen Hieronymus-Bosch-Vision, Karikatur à la Robert Crumb und Special-interest-Porno angesiedelt sind. Der Unterschied zu vielen Unterleibsromanen jüngerer Zeit besteht im surrealen Charakter der Darbietung. Was der Erzähler von „Naked Lunch“ notiert, sind keine Erlebnisse, die mit Authentizität punkten wollen, sondern Phantasmen des homosexuellen Extremgenusses. Es gibt da Momente sehr spezieller Komik, aber auch abgeschmackte Zumutungen, etwa die fixe Idee der finalen Stimulation durch Erhängen und Genickbruch. Burroughs wollte das später als Traktat gegen die Todesstrafe verstanden wissen. Nun ja.

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