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Wilhelm Genazinos neues Buch : All die schmutzige Wäsche dieser Welt

Scheitern als Kunst: Wilhelm Genazino Bild: Frank Röth

Wilhelm Genazinos neuer Roman verheißt nur im Titel „Glück in glücksfernen Zeiten“. Er erzählt leichthändig und doch ungewohnt giftig vom tragischen Scheitern einer zartbesaiteten Seele, die beschließt, eine „Schule der Besänftigung“ zu eröffnen.

          Den Sanftmütigen mag das Erdreich versprochen sein, aber bislang haben sie hienieden nicht viel zu melden. Das heißt nicht, dass sie nicht viel zu sagen hätten. Womöglich reden sie sogar unaufhörlich, es hört ihnen aber niemand zu. Diese Art von Kommunikation bedarf keiner Worte, um zu misslingen. Bei Wilhelm Genazino wird ihr Scheitern zur Kunst.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Scheitern entscheidet sich bereits am Blickwinkel. Der Blick, der im Betrachten einer Sache immer auch das Nichtbeachtetwerden dieser Sache durch alle anderen wahrnimmt, ist der befremdete Blick. Es ist der Blick, der dem Betrachter alles fremd werden lässt, die Sache, die anderen und am Ende auch sich selbst. Das führt, wenn alles gutgeht, zu den Genazinoschen Hauptempfindungen Schuld, Scham, Melancholie und Peinlichkeit. Wenn es nicht gutgeht, führt es in die Katastrophe.

          Das Zwangsabonnement der Wirklichkeit

          Genazino folgt in seinen Büchern gewiss nicht Friedrich Dürrenmatt, der seinen Geschichten gern die schlimmstmögliche Wendung gab. Eher hält er es mit Kleist, über dessen Arbeitsmethode er einmal gesagt hat: „Ist ein Unglück eingetreten, schiebt er gleich das nächste nach.“ Auch Genazinos Helden, all die Flaneure und Gesellschaftsbeobachter, Schuhtester, Controller und Wäschereiangestellten, die seine Werke durchziehen, gleiten in bedächtigster Arglosigkeit von einer Unbill in die nächste. Aber verglichen mit der Wucht Kleistscher Katastrophen, geht es bei Genazino um Schicksalsschläglein. Aus denen freilich gibt es keine Erlösung.

          Bild: Verlag

          Bei Kleist ist es ein Engel, der dem Käthchen von Heilbronn den Grafen vom Strahl als Geliebten verkündet, und auch in Genazinos neuem Buch spenden bereits nach wenigen Seiten geflügelte Wesen, allerdings gänzlich anderer Natur, Trost und Zuversicht. Gerhard Warlich, promovierter Philosoph, der seit seinem Abschluss in einer Wäscherei arbeitet, zunächst als Fahrer, schließlich als Geschäftsführer, sitzt in einem Straßencafé, beobachtet seine Umgebung und lauscht dem Wehklagen seiner ratlosen Seele. Sein Problem: Er möchte gerne etwas erleben, was der Zartheit seiner Seele entspricht, aber stattdessen ist er immerzu „dem Zwangsabonnement der Wirklichkeit ausgeliefert“.

          Das Außerordentliche selber machen

          In seiner Not fällt sein Blick zufällig auf einige geflügelte Ameisen, die zu seinen Füßen über den Betonboden laufen: „Trotz der Flügel können die Ameisen nicht abheben. Vermutlich sind die Flügel zu lang und zu schwer für die kleinen Körper.“ Geflügelte Wesen, die nicht fliegen können, eigentlich deprimierend. Aber nicht für Gerhard Warlich: „Mit diesem Anblick gelingt mir die Tröstung meiner Seele. Schau dir diese kleinen Wesen an, sage ich zu mir . . . sie schleppen ihre unnützen Flügel durch die Gegend und klagen nicht!“

          Dabei entspricht ein solcher Stoizismus eigentlich nicht Warlichs Ideal. Warlich ist ein Glückssucher. Mit seiner Lebensgefährtin Traudel, die eine Sparkassenfiliale in der Provinz leitet, führt er ein unauffälliges, äußerlich anspruchsloses Leben, weitgehend ereignisfrei, materiell sorglos, in metaphysischer Hinsicht jedoch ein absolutes Notstandsgebiet. Warlich leidet am zwangsläufig misslingenden Leben, und vor allem leidet er daran, dass außer ihm niemand daran zu leiden scheint. Das macht einsam. Auf der Suche nach einem Talent, um nicht zu sagen einer Berufung, der er folgen könnte, verfällt er auf die Idee, eine „Schule der Besänftigung“ zu eröffnen. Weil allein schon die Glückserwartung die Formkraft zum Schönen in sich trage, träumt der Philosoph davon, Vorlesungen in seinem Spezialgebiet zu halten: dem „Aufbau des Glücks in glücksfernen Umgebungen“. Die von Warlich empfohlene Methode: „Wir müssen uns das Außerordentliche selber machen, sonst tritt es nicht in die Welt.“

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