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Wilfried F. Schoeller: Döblin : Tausend Fäden Aberwitz

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser Verlag

Nicht zu fassen, dass wir darauf Jahrzehnte warten mussten: Wilfried F. Schoellers Biographie Alfred Döblins schließt eine klaffende Lücke.

          Nicht nur wegen „Berlin Alexanderplatz“ gehört Alfred Döblin zu den fünf bedeutendsten deutschsprachigen Prosaautoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Kaum zu glauben deshalb, dass es bis vor wenigen Tagen keine angemessene Biographie gab. Kein Universitätsgermanist fühlte sich für die klaffende Lücke zuständig. Jetzt hat sich der Kulturjournalist Wilfried F. Schoeller der aufwendigen Vermittlungsarbeit angenommen - mit dem schönen Nebeneffekt, dass die neunhundert Seiten dieser überfälligsten aller Schriftstellerbiographien sehr lesbar geworden sind.

          Der Erzrivale, Antipode und heimliche Maßstab Döblins war der drei Jahre ältere Thomas Mann. Bei dem findet man, was man bei Döblin nicht findet: die Klassikeranmutung zu Lebzeiten, die stimmige Architektur eines Gesamtwerks, das noch heute ein geistiges Zuhause sein kann, weltanschaulich hochwertig möbliert, dazu als Kontrast die Verliese des Autobiographischen, die Tagebücher. Döblin hat für solche kulinarische Rezeption zu viele Turbulenzen produziert. Er lebte in improvisierten geistigen Gehäusen, oft windschief und instabil. Er liebte es, sich selbst den Boden wegzuziehen - ein „Verwerfungsclown“, der seine Auffassungen ständig revidierte. Döblin sei der „wandlungsfähigste Schriftsteller unserer Zeit“, rühmte Jorge Luis Borges. Für eine Biographie ist dieses rastlose Leben mit seinen Wendungen und Schicksalsschlägen eine grandiose Vorlage.

          Seine Klinikarbeit wird ihm zum erzählerischen Reservoir

          1878 wurde er in Stettin geboren; der Vater betrieb ein Schneideratelier. Zu Hause merkte man vom Judentum nicht viel. „Draußen begegnete mir der Antisemitismus wie selbstverständlich.“ Die gründliche Erschütterung der patriarchalischen Ordnung war das überschattende Erlebnis seiner Kindheit: Der Vater ließ die Mutter und die fünf Kinder im Stich und wanderte mit einer Geliebten nach Amerika aus. Armut und Sorge beherrschten Döblins Kindheit und Jugend, die ab 1888 in Berlin stattfand.

          Seine Doktorarbeit schrieb er über Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose: Trunksuchtbedingte Ausfälle werden mit Erinnerungen und Phantasiertem überblendet. Solche „Konfabulationen“ kennzeichnen auch die Figuren seiner frühen Erzählungen, die grotesken Gaukeleien der Einbildungskraft unterliegen und Obsessionen, Tics und Surrealismen produzieren. 1905 begann Döblin als Assistenzarzt in psychiatrischen Kliniken zu arbeiten; der Menschendarsteller schulte sich in der Arbeit mit den Kranken, erlernte anhand der physiognomischen Auffälligkeiten sein Repertoire des gestischen Erzählens. So wurde er zum Mitbegründer des Expressionismus in Deutschland - über den er bald schon spottete: „Das Vieh ist erst zehn Jahre alt und hat schon Epigonen in zwanzigster Generation.“

          Ein Epiker des Krieges

          Konsequent verbot Döblin sich die erzählerische Innenschau: „Psychologie ist ein dilettantisches Vermuten, scholastisches Gerede, spintisierender Bombast, verfehlte, verheuchelte Lyrik.“ Er plädierte fürs Beobachten statt fürs Bescheidwissen. In seinem Groteskroman „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“, einem Lieblingsbuch Brechts, bleibt von den Figuren nur ein Ensemble naturalistisch protokollierter Gebärden und Grimassen: depersonifiziertes Personal eines „enigmatischen Romangebildes“, in das „tausend Fäden Aberwitz gewirkt sind“, schreibt Schoeller.

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