05.10.2011 · Nicht zu fassen, dass wir darauf Jahrzehnte warten mussten: Wilfried F. Schoellers Biographie Alfred Döblins schließt eine klaffende Lücke.
Von Wolfgang SchneiderNicht nur wegen „Berlin Alexanderplatz“ gehört Alfred Döblin zu den fünf bedeutendsten deutschsprachigen Prosaautoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Kaum zu glauben deshalb, dass es bis vor wenigen Tagen keine angemessene Biographie gab. Kein Universitätsgermanist fühlte sich für die klaffende Lücke zuständig. Jetzt hat sich der Kulturjournalist Wilfried F. Schoeller der aufwendigen Vermittlungsarbeit angenommen - mit dem schönen Nebeneffekt, dass die neunhundert Seiten dieser überfälligsten aller Schriftstellerbiographien sehr lesbar geworden sind.
Der Erzrivale, Antipode und heimliche Maßstab Döblins war der drei Jahre ältere Thomas Mann. Bei dem findet man, was man bei Döblin nicht findet: die Klassikeranmutung zu Lebzeiten, die stimmige Architektur eines Gesamtwerks, das noch heute ein geistiges Zuhause sein kann, weltanschaulich hochwertig möbliert, dazu als Kontrast die Verliese des Autobiographischen, die Tagebücher. Döblin hat für solche kulinarische Rezeption zu viele Turbulenzen produziert. Er lebte in improvisierten geistigen Gehäusen, oft windschief und instabil. Er liebte es, sich selbst den Boden wegzuziehen - ein „Verwerfungsclown“, der seine Auffassungen ständig revidierte. Döblin sei der „wandlungsfähigste Schriftsteller unserer Zeit“, rühmte Jorge Luis Borges. Für eine Biographie ist dieses rastlose Leben mit seinen Wendungen und Schicksalsschlägen eine grandiose Vorlage.
1878 wurde er in Stettin geboren; der Vater betrieb ein Schneideratelier. Zu Hause merkte man vom Judentum nicht viel. „Draußen begegnete mir der Antisemitismus wie selbstverständlich.“ Die gründliche Erschütterung der patriarchalischen Ordnung war das überschattende Erlebnis seiner Kindheit: Der Vater ließ die Mutter und die fünf Kinder im Stich und wanderte mit einer Geliebten nach Amerika aus. Armut und Sorge beherrschten Döblins Kindheit und Jugend, die ab 1888 in Berlin stattfand.
Seine Doktorarbeit schrieb er über Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose: Trunksuchtbedingte Ausfälle werden mit Erinnerungen und Phantasiertem überblendet. Solche „Konfabulationen“ kennzeichnen auch die Figuren seiner frühen Erzählungen, die grotesken Gaukeleien der Einbildungskraft unterliegen und Obsessionen, Tics und Surrealismen produzieren. 1905 begann Döblin als Assistenzarzt in psychiatrischen Kliniken zu arbeiten; der Menschendarsteller schulte sich in der Arbeit mit den Kranken, erlernte anhand der physiognomischen Auffälligkeiten sein Repertoire des gestischen Erzählens. So wurde er zum Mitbegründer des Expressionismus in Deutschland - über den er bald schon spottete: „Das Vieh ist erst zehn Jahre alt und hat schon Epigonen in zwanzigster Generation.“
Konsequent verbot Döblin sich die erzählerische Innenschau: „Psychologie ist ein dilettantisches Vermuten, scholastisches Gerede, spintisierender Bombast, verfehlte, verheuchelte Lyrik.“ Er plädierte fürs Beobachten statt fürs Bescheidwissen. In seinem Groteskroman „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“, einem Lieblingsbuch Brechts, bleibt von den Figuren nur ein Ensemble naturalistisch protokollierter Gebärden und Grimassen: depersonifiziertes Personal eines „enigmatischen Romangebildes“, in das „tausend Fäden Aberwitz gewirkt sind“, schreibt Schoeller.
Den Großepiker begreift er in Reaktion auf das Großereignis des Ersten Weltkriegs. Döblin diente als Militärarzt hinter der Westfront. Der monumentale „Wallenstein“ übersetzt die aktuellen Ereignisse in ein historisches „Schreckenskino“: Wallenstein als „moderner Industriekapitän des Todes“. Überhaupt ist Döblin ein Epiker des Krieges. Friedrich Becker in „November 1918“ ist ein Kriegsversehrter; das späte Schmerzensbuch „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“ entwickelt ein komplexes, mythologisch grundiertes Familiendrama aus einem Kriegstrauma. Dicht ist die Schlacht-Motivik auch in „Berlin Alexanderplatz“, wo Biberkopf seine Kriegsneurose von den Stellungskämpfen mit sich herumschleppt.
Schoeller folgt Döblin bewundernd in die „Vielseitigkeitsprüfung“ der zwanziger Jahre: Der Vater dreier Söhne schuftete als Armenarzt im Berliner Osten, seine Praxis war oft eine Sozialstation, allein im Jahr 1925 absolvierte er zweitausend Hausbesuche. Nebenbei schrieb er ein umfangreiches Werk nach dem anderen und verfasste unter dem Pseudonym „Linke Poot“ politische Glossen, in denen er mit der verratenen Revolution haderte. Um sein Budget aufzubessern, ließ er, der vom Theater wenig hielt, sich von der Breslauer Zeitung als Theaterkritiker engagieren - seine Texte, merkwürdig und spritzig, ergeben ein Panorama der Inflationszeit, als eine Theaterkarte eine halbe Milliarde kostete. Außerdem führte er Rundfunkdebatten, betrieb naturwissenschaftliche Studien, versenkte sich in Buddhismus und mystische Lehren. Aufgestört durch die Pogrome im Berliner Scheunenviertel 1923, begann er sich auch erstmals mit dem Judentum auseinanderzusetzen.
Nur einmal, im Herbst 1929, hatte er breitenwirksamen Erfolg mit „Berlin Alexanderplatz“. Und wurde dann doch gleich wieder in den Schatten gestellt von seinem Rivalen. Nach Thomas Manns Nobelpreis verkauften sich die „Buddenbrooks“ in nur sechs Wochen 700 000 Mal. Döblins Roman ist ein vibrierender Lobgesang auf die technisierte Metropole, ihr Tempo, ihre Dynamik, ihre wendigen, gewitzten Menschen. „Eindrucksvoll zart ist dieser Prolet Biberkopf angefasst“, schreibt Schoeller. Aber Biberkopf spricht nicht die Sprache des klassenbewussten Arbeiters, und der unorthodoxe Linke Döblin wurde zum Lieblingsfeind der linientreuen Marxisten. Eine der heftigsten Literaturfehden der Weimarer Republik folgte - die Auswirkungen bis ins Jahr 1978 hatte, als Klaus Schröter in seiner dogmatischen, bis heute nicht ersetzten Rowohlt-Monographie die alten Vorwürfe aus der „Linkskurve“ erneuerte. Döblin aber hatte bereits 1927 prophetisch die Übel des Staatssozialismus formuliert: „der schroffe Zentralismus, die Wissenschaftsgläubigkeit, der Militarismus, die ökonomische Verengung der Gedanken . . .“
Döblin war jetzt ein vielbeschäftigtes Mitglied diverser Dichter- und Künstlervereinigungen. Er polemisierte gegen die völkischen Autoren, diese „Herren vom allzu platten Lande“. Am Tag nach dem Reichstagsbrand ging er ins Exil. Illusionen machte er sich nicht: Das Schlimmste an Hitler sei, dass er den Deutschen „wie angegossen“ passe. Seine Kontakte zu französischen Diplomatenkreisen erwiesen sich in der Folgezeit als hilfreich. Im Juni 1940 aber musste er vor der Wehrmacht aus Paris flüchten - eine verstörende Irrfahrt folgte, Tage, die er als die „schwärzesten“ seines Lebens bezeichnete. Auf der Suche nach seinen Angehörigen in der Provinzstadt Mende gestrandet, vertiefte er sich in der dortigen Kathedrale in das Leidensbild des gekreuzigten Christus. Von diesem Erweckungserlebnis datiert sein Katholizismus, mit dem er viele Kollegen aus Weimarer Zeit irritierte.
Unermüdlich produzierte er weiter: „Hacke ich nicht täglich meine fünfzehn, zwanzig Schreibseiten herunter, ist mir nicht wohl.“ Dieses Tempo erzeugte, wenn es gut lief, eine Prosa von einzigartiger Dynamik und Gegenwärtigkeit, einen synkopischen, oft wie improvisiert wirkenden Stil. Im kalifornischen Exil sollte er als Lohnschreiber bei Metro-Goldwyn-Meyer für den Film „Mrs. Miniver“ probeweise ein Script liefern, und der Auftraggeber staunte nicht schlecht, als Döblin bereits nach zwei Tagen mit einem fertigen Text von vierzig Seiten anrückte.
Nach dem Krieg zögerte er keinen Augenblick, zurückzukehren nach Deutschland. Er wollte heraus aus der Isolation, mitwirken am Neuanfang. Im Dienst der französischen Besatzungsmacht entfaltete er bald rege kulturpolitische Aktivitäten, forderte etwa die Unterdrückung kriegsverherrlichender Werke - aber das einzige Buch, das er als Zensor verbot, stammte von ihm selbst: der kriegerische „Wallenstein“, der ihm selbst nicht mehr geheuer war. Bald zog er ein bitteres Resümee seiner Rückkehr: „Und als ich wiederkam - da kam ich nicht wieder.“
Mit viel Empathie beschreibt Schoeller die letzten Jahre des Siechtums. Döblin, ein geschlagener Hiob, an Parkinson erkrankt, von seiner Wirkungslosigkeit enttäuscht, ging noch einmal ins Exil nach Paris. Gelegentlich konnte er sich immer noch aufraffen, etwa zu einem maliziösen Nachruf (“Es gab diesen Thomas Mann, welcher die Bügelfalte zum Kunstprinzip erhob . . .“) oder zur Änderung des christlichen Schlusses des „Hamlet“, der 1956 in der DDR endlich doch noch veröffentlicht wurde. Schoeller sieht darin mehr als ein bloßes Zugeständnis, nämlich ein spätes „Verblassen der Frömmigkeit“.
Die Biographie verfügt souverän über die Materialmassen. Bisweilen hätte man dem Buch etwas mehr erzählerische Zugkraft gewünscht; es gilt indes zu bedenken, dass Döblin Selbstauskünften aus Prinzip misstraute. Als Biograph, der sich an die Fakten hält, weicht Schoeller deshalb öfter auf eine andere Überlieferungsspur aus: Viel und zuverlässig ist von Kulturpolitik die Rede, von Döblins Interventionen im Literaturbetrieb. Diese große, gründlich recherchierte, Biographie, die mit ihren pointierten Werk-Vorstellungen oft Lese-Lust auf die Romane und Erzählungen Döblins macht, wird lange ein Standardwerk bleiben.