23.10.2007 · Ulf Erdmann Zieglers Buch als Vorabdruck in der F.A.Z.
Was prägt uns: das Große, Einmalige oder eher das Durchschnittliche, Alltägliche? Die literarische Bewältigung von Lebensstoff wird nie ganz ohne große Gesten und ein wenig Flunkerei auskommen; dennoch wird man auf die Frage instinktiv die zweite Antwort geben - aus eigener Erfahrung wissend, dass es gerade Autoren von Rang sind, die auch mit dem Durchschnittlichen, Alltäglichen etwas anfangen können.
Man wird, nach der Lektüre des Buches "Wilde Wiesen", das wir von heute an im Feuilleton dieser Zeitung abdrucken, Ulf Erdmann Ziegler zu ihnen rechnen müssen. Es handelt sich um keine Autobio-, sondern, wie der originelle Untertitel besagt, um eine "Autogeographie", um die Geschichte eines halben Lebens, dessen Ich-Erzähler Ziegler selber sein könnte und zuweilen auch ist, aber durchaus nicht immer. Die äußeren Lebensdaten sind zwar gleich - 1959 in Neumünster geboren, Kindheit in Schleswig-Holstein, Amerika-Jahr, Interesse an Fotografie, Journalismus und Essayistik -; aber was Ziegler daraus macht, das ist die Geschichte eines Menschen, der erzählend Kontur gewinnt. In dem Verzicht auf viel Innenschau besteht der souveräne Kunstgriff dieses Buches, dessen zehn Kapitel subtil miteinander verwoben sind und sämtlich - daher der Untertitel - die Namen von Stadtteilen oder Kleinstädten tragen. Auch dieses zweite Buch wird Fragen nach dem autobiographischen Gehalt aufwerfen. Wie bei dem erst vor einem halben Jahr erschienenen Romandebüt "Hamburger Hochbahn" wird Ziegler vermutlich abwehren, und jetzt versteht man besser, warum: Die platte Rückführung aufs Selbsterlebte ist weniger eine Indiskretion als vielmehr Mangel an Phantasie.
Zehn Allerweltsorte geben hier die Kulissen ab für Kindheits- und Jugendepisoden, in denen sich vermutlich mancher wiedererkennen wird, der auch aus der Gegend stammt oder derselben Generation angehört. Ziegler aber hat es nicht darauf abgesehen, jene typischen Aha-Erlebnisse bei einem Leser zu erwecken, der das Inventar auch seiner Kindheit ausgebreitet sieht, und würde auch die gutgemeinte Vereinnahmung als Zudringlichkeit empfinden. Die elegant-lakonische Ironie, die wunderbare Figurenzeichnung verraten eine ganz und gar außergewöhnliche Ich- und Weltwahrnehmung, wie anhand des Großmutterporträts sichtbar wird: "In den ersten Jahren der Hitlerei, wie sie gesagt hätte, verwitwet, war sie wechselnd Fabrik- und Feldarbeiterin gewesen; ihr Fleiß zeigte sich immer noch beim Stricken. Sie vergaß nie, die Maschen zu zählen, auch wenn sie sprach, diesen Suppendialekt, die Konsonanten weichgekocht wie Buchstabennudeln. Sie hatte das Gesicht einer Magd und deren Skepsis gegenüber allem und jedem, mit Ausnahme des Fernsehers, den sie als allmächtige und gültige Stimme einer höheren Instanz auffasste, Werbung inklusive. Sie schnitt mit der rechten Hand vom Brot, das sie sich mit der linken an die Brust klemmte wie den Kopf des Gegners in tödlicher Umarmung." In diesen Notizen aus der Provinz hat die alte Bundesrepublik einen neuen Erzähler gefunden.
EDO REENTS