11.12.2008 · Christopher Kloeble erforscht Familienstrukturen
Es ist noch nicht lange her, da galt die bürgerliche Familie als Keimzelle von Neurosen, und wir waren aufgerufen, uns zu individualisieren oder einer Kommune beizutreten. In der neoliberalistischen Eiszeit aber sinken die Scheidungsraten vor allem bei Ehen mit Kindern, und das Wort Familienbande gewinnt, dem Junggesellen Karl Kraus zum Trotz, seine alte Bedeutung zurück. So bleibt mancher zu Hause und verzichtet auf alternative Lebensentwürfe. Was jedoch eine Familie ausmacht, scheint nicht klarer geworden zu sein. Im Romandebüt des 1982 in München geborenen Christopher Kloeble, genauer: in der Binnengeschichte, in der sich Simon eine Familie erschreibt, wird eine Menschenformel an die Tür gepappt: "Miriam + Jasper + Mama + Paps + Hannes = Familie". Je näher man sie anschaut, desto ferner schauen die Zeichen zurück. Die Verbindung ist ein Akt menschlicher Selbsttätigkeit, sagt Kant. Aber wer stellt sie her und wie? Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, sagt Aristoteles. Aber worin besteht der Mehrwert? Kein Wunder, dass Simons Manuskript immer dicker wird. "Nachdem er einen Anfang gefunden hatte, ergaben die Antworten Sätze, die sich miteinander verknüpften und die ihn, zum ersten Mal seit langem, erfreuten."
Entsprechend ist der Roman eine Erkundung der Struktur der Familie in wiederholter Spiegelung. Simon ist der Sohn von Angela und Erich, seine Schwester heißt Katrin. Sie glaubt, dass ihre Eltern sich hassen. Aber Angela sagt: "Wir haben einfach nur unser halbes Leben miteinander verbracht." Simons vierundzwanzig Jahre aber sind sein ganzes Leben. Die gerahmten Fotos an der Wand sagen ihm nicht viel. Nur eines kann er datieren, und zwar auf den Sommer 1989. "Zu viert saßen sie beim Picknick auf der Wiese, der Himmel leuchtete bayerisch weiß-blau, und jeder von ihnen grinste unverschämt glücklich." Wenn das die Ablichtung des Augenblicks gewesen sein sollte, in dem glückhaft ein Ganzes zur Anschauung kam, so hat es nicht gedauert. Kloebles dezent autobiographisch grundierter Roman ist der Versuch, in Erinnerung und Imagination ein Ganzes aus den Teilen zu rekonstruieren, ohne es vorauszusetzen oder zu erzwingen. In wechselnder Perspektive verfolgt er die Lebenswege von Einzelgängern als Aus- und Abwege. Erich joggt der Familie davon, um fit zu sein für seine Geliebte, Katrin stürzt sich in zweifelhafte oder imaginäre Liebensabenteuer, Angela verabschiedet sich nach Zwiesprache mit einer Wollmaus, Simon aber entrinnt ins Schreiben. Das Diagramm dieser auseinanderstrebenden Wege hat seinen Fluchtpunkt in einer großen Sehnsucht nach Familie. In der Realisierung des Getrenntseins scheint als Hoffnung auf, was die Personen trotz allem bindet und verbindet. Das ist zugleich ein Loblied auf die Literatur als Medium des Verstehens. Schreiben ist Verbinden im Trennen.
Christopher Kloeble beschreibt die Trennungs- und Verbindungserfahrungen in einer raffinierten Konstruktion, die dem Leser einige Aufmerksamkeit abfordert. Das ist so komisch wie bewegend, aber fast gänzlich unsentimental und ergibt in der Summe ein handwerklich erstaunlich versiertes und, von ein paar Faxen abgesehen, geschmackssicheres Debüt.
FRIEDMAR APEL
Christopher Kloeble: "Unter Einzelgängern". Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008. 178 S., br., 14,90 [Euro].