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: Wie man einen Roman pfählt

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In seinen "Vorschlägen zur Prüfung eines Romans" hat Uwe Johnson empfohlen, doch einfach mal mit dem Zählen zu beginnen. Da sind also zunächst zwei Millionen Dollar Vorschuß und noch einmal fast die gleiche Summe für die Filmrechte, Übersetzungen in 28 Sprachen und Platz eins auf der amerikanischen Bestsellerliste; ...

          In seinen "Vorschlägen zur Prüfung eines Romans" hat Uwe Johnson empfohlen, doch einfach mal mit dem Zählen zu beginnen. Da sind also zunächst zwei Millionen Dollar Vorschuß und noch einmal fast die gleiche Summe für die Filmrechte, Übersetzungen in 28 Sprachen und Platz eins auf der amerikanischen Bestsellerliste; da sind 832 Seiten und zwei Dutzend Schauplätze, von Amsterdam bis Perpigan, von Budapest und Bukarest bis Istanbul und Sofia. Es gibt vier Geschichten, die wie die Puppe in der Puppe stecken, und vier korrespondierende Zeitebenen, die von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis ins Jahr 2008 reichen. Für die Details zu Flora und Klima, zu lokalen Spezialitäten und Sehenswürdigkeiten, wie sie jeder Reiseführer verzeichnet, brauchte man einen Taschenrechner. Und wenn man sich dann die Zahlenkolonnen anschaut, steht unterm Strich ein simpler Satz: Dracula lebt.

          Elizabeth Kostovas Debütroman "Der Historiker", an dem die vierzigjährige Autorin aus Ann Arbor zehn Jahre lang geschrieben hat, erinnert natürlich jeden sofort an den "Da Vinci Code", und wenn die Autorin auch nichts von Dan Brown gewußt hat, so haben doch die Verlage, die in einer Auktion den Preis hochtrieben, mit dem Brown-Faktor spekuliert: aus amerikanischer Perspektive exotische Schauplätze, bevölkert mit einer familiären Schauergestalt, bei der die meisten eher an Bela Lugosi als an Bram Stoker denken und die dank Hollywood zum populärsten Untoten der Welt geworden ist. Daß Dracula und seine Nachfahren noch unter uns sind, ist insofern eine gute Prämisse für einen Bestseller. Vampire sterben so wenig wie die Geschichten über sie, was ja auch die Vampir-Chroniken der Amerikanerin Ann Rice beweisen.

          Die schlechte Nachricht ist allerdings, daß "Der Historiker" einen nicht in diesen kleinen Leserausch fallen läßt, den man von Michael Crichton oder Dan Brown kennt. Er ist einfach zu behäbig. Wo sich suspense entzünden könnte, wird das Tempo immer wieder derart verschleppt, daß der Spannungsbogen sofort erschlafft. Kostova läßt ein sechzehnjähriges amerikanisches Mädchen im Jahre 1972 in der Bibliothek ihres Vaters ein Buch finden. Das Mädchen bleibt namenlos, das Buch leer bis auf einen Drachen in der Mitte. Der Vater, ein ehemaliger Geschichtsprofessor, der als Diplomat ein "Zentrum für Frieden und Demokratie" gegründet hat, erzählt ihr ein paar Bruchstücke. Vom Vater führt die Spur in die fünfziger Jahre zu seinem Doktorvater, der auf dem Balkan verschwand, der Doktorvater bahnt den Weg in die dreißiger Jahre, als er das erste Mal Transsylvanien bereiste und dort eine Frau schwängerte. Die gemeinsame Tochter wird seinen Lieblingsdoktoranden heiraten, der wiederum in Südfrankreich verschwindet, so daß die Tochter ihn suchen kann. Und auf jeder dieser drei Reisen erfährt man einiges über Draculas historisches Rollenmodell, den grausamen Vlad, genannt der Pfähler.

          Das ist zwar komplex genug, um einen zu unterhalten, doch ein barmherziger Lektor hätte sich schon die Mühe machen sollen, das Manuskript drastisch zu verschlanken. Hätte Elizabeth Kostova Dan Brown gelesen, wüßte sie, was Spannungsökonomie heißt. Im "Historiker" schlägt die beflissene Detailfreudigkeit, der man anfangs noch einen gewissen Kredit einräumt, weil sie ja zu etwas nütze sein könnte, irgendwann in sinnfreie Redundanz um. Daß die Tochter "drei Scheiben Brot und einen Teller mit Butter" nimmt, daß die Ehefrau eines türkischen Gelehrten beim Mittagessen "die Schalen mit stiller Anmut herumreicht" - um nur zwei Beispiele von Hunderten zu nennen -, das interessiert nun wirklich niemanden; es lähmt jedoch den Fluß des Erzählens ganz empfindlich.

          Dem Mangel an Timing entspricht die brav-schulbuchmäßige Verwendung einschlägiger Topoi, ohne daß dabei auch nur eine individuelle Gestalt herauskäme. Zugleich fehlt dem Buch das Gespür für die elementare Mechanik eines Thrillers. Selbst auf einem historischen Abenteuerausflug, welcher sich bei der gothic novel bedient, gibt es ein Maß an Plausibilität; wird es überstrapaziert, dann zerfällt auch jene imaginäre Welt, die man beim Lesen gerne bewohnen würde, in lauter beliebige Atome. Da helfen kein Knoblauch und kein Kruzifix, kein Holzpfahl und keine Bisse, und wenn der alte Untote dann selbst in Erscheinung tritt, versagt nicht nur die Phantasie - "eine Gestalt, die anders war als alles, was jeder von uns je in seinem Leben gesehen hatte", ist noch die präziseste Auskunft -, sondern auch die Konstruktion.

          Daß Dracula sich selbst zum Historiker gemacht hat, "um meine eigene Geschichte auf ewig zu bewahren", daß er Bücher von Stalin und Hitler in seiner Privatbibliothek hütet, ist nicht gerade ein zwingendes Motiv. Es ist so fadenscheinig und so krampfhaft um Aktualität bemüht wie die Konfrontation des bösen Christenmenschen Vlad mit den muslimischen Osmanen. Für einen Roman über den blutsaugenden Grafen ist das dann doch ein wenig anämisch.

          PETER KÖRTE

          Elizabeth Kostova: "Der Historiker". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Verlag Bloomsbury Berlin, Berlin 2005. 832 S., geb., 28,- [Euro].

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