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Veröffentlicht: 16.06.2017, 22:43 Uhr

Bachmann-Werkausgabe Die Verpuppungen der Fanny G.

Ihre Tragödie schrieb sie selbst: Der zweite Band der Ingeborg-Bachmann-Werkausgabe zeigt die 1973 gestorbene Dichterin beim Versuch, ihrer Liebeskatastrophe mit Max Frisch eine literarische Form zu geben.

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© Dr. Heinz Bachmann Sie kämpfte um den richtigen Ausdruck für eine existenzielle Not: Ingeborg Bachmann Anfang der sechziger Jahre

In diesem Jahr wäre sie einundneunzig. Aber Ingeborg Bachmann ist tot, gestorben mit siebenundvierzig Jahren in einem römischen Krankenhaus, und so blieb ihr Werk Fragment. Ein Roman, zwei Gedicht- und zwei Erzählungsbände, das ist alles, was sie zu ihren Lebzeiten veröffentlichte, ihr Nachlass aber quillt über von Manuskripten, von Hörspielen, Reden, Essays, Geschichten, Libretti, Roman- und Gedichtentwürfen, von Texten, die keine Bücher, und Notizen, die keine Texte wurden.

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An diese vieltausendseitige Hinterlassenschaft heftet sich seit mehr als vierzig Jahren der Ehrgeiz der Philologie. Alles, auch das kleinste Bruchstück, soll aufbereitet und an die richtige Leerstelle im Puzzle des Lebenswerks gesetzt werden – jenes Werks, das inzwischen so von Deutungen umstellt und vernebelt ist, dass man sich fragt, ob man es je wieder so wird lesen können, wie es die Dichterin für ihre Mitwelt und sich selbst geschrieben hat.

Ende Februar hat Suhrkamp seine zusammen mit dem Piper-Verlag erarbeitete Kritische Studienausgabe, die „Salzburger Bachmann Edition“, vorgestellt und gleich den ersten Band auf den Tisch gelegt – „Male oscuro“, ein Konvolut von Traumnotaten, Briefen und anderen Aufzeichnungen aus der Zeit von Ingeborg Bachmanns Zusammenbruch im Jahr 1963. Also keine Gedichte oder Prosa, sondern private Krankenberichte und Briefe, die nie zur Veröffentlichung bestimmt waren. Die Herausgeber erklärten dazu, „die lebensgeschichtliche Dimension der Werkentstehung“, die „nie endende Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensrealität“ der Autorin seien bei der Beschäftigung mit Ingeborg Bachmann bislang „zu wenig berücksichtigt“ worden.

Ein Furor der Bewältigung

Der auftrumpfende Ton, mit dem hier intime Zeugnisse und künstlerische Arbeiten über einen Kamm geschoren werden, meldet nicht nur einen Entdeckerstolz an, der der bisherigen Bachmann-Forschung schrill in den Ohren klingen muss, er hat auch editorische Folgen. Der Nullpunkt der „Salzburger Bachmann Edition“ ist nicht die erste publizierte Erzählung der Wiener Studentin Ingeborg („Die Fähre“), sondern die Jahreswende 1962/63: die Zeit, in der Ingeborg Bachmann nach der Trennung von Max Frisch zuerst in einem Sanatorium und dann in einem Krankenhaus Zuflucht suchte. Der Höhepunkt der Liebeskatastrophe – und der Beginn einer langen schriftstellerischen Revanche, eines Bewältigungsfurors, der elf Jahre später, als die Dichterin den Verbrennungen erlag, die sie sich, von Tabletten betäubt, in ihrer Wohnung in Rom zugezogen hatte, längst nicht erschöpft war.

Insofern ist es konsequent, dass die Werkausgabe mit dem „Buch Goldmann“ fortgesetzt wird. Es enthält sowohl die ersten Entwürfe zu der Figur Fanny Goldmann, die Ingeborg Bachmann nach ihrer vorläufigen Genesung im Frühjahr 1963 zu Papier brachte, als auch die sieben Jahre später entstandenen Notizen, mit denen das Goldmann-Projekt abbricht. Dazwischen liegen vier verschiedene Werkstufen, in denen sie ihr literarisches Geschöpf immer wieder verwandelt, es von einer „Penclubsekretärin“ zur Schauspielerin und zur Reporterin macht, seinen Namen in Eka Kottwitz und Aga Rottwitz ändert und den Schauplatz von Wien nach Hamburg verlegt, bevor sie zur ursprünglichen Erzählidee zurückkehrt.

Dazwischen liegen aber auch der Roman „Malina“ und jener „Fall Franza“, der jetzt „Buch Franza“ heißen und einen ganzen Einzelband der Werkausgabe füllen soll – zwei Arbeiten, die zeitlich und inhaltlich die Krise von 1962 hinter sich lassen. Trotzdem hat Ingeborg Bachmann bis 1970 an der Goldmann-Figur weitergeschrieben. Es scheint, als wäre sie periodisch zum Ausgangspunkt ihres „Todesarten“-Projekts zurückgekehrt, um den Kontakt zu der Erfahrung aufrechtzuerhalten, die es in Gang gebracht hatte. Nach dem Abschluss von „Malina“ war diese Rückversicherung offenbar nicht mehr nötig. Noch im Oktober 1970 notiert Bachmanns Verleger Siegfried Unseld in seinen Reisenotizen aus Rom, das Goldmann-Buch liege „im Material“ vor. Danach hat die Autorin ihr Manuskript bis zu ihrem Tod nicht mehr angerührt.

Jung gleich Frisch gleich Marek?

Der Reigen der Goldmann-Fragmente beginnt mit einer Rachephantasie und endet mit einer Vergewaltigung. In einem 1963/64 entstandenen Manuskript stellt sich die Penclubsekretärin Fanny vor, wie „zwei bezahlte Burschen“ ihren Liebhaber Anton Marek zu ihr bringen, der sie „ausgeschlachtet“ und „ausgeweidet“ hat, „ausgeraubt mit allen ihren Sätzen aus 700 Nächten und Tagen“. – „,Lies das vor‘, sagt Fanny und schlägt die Seite 58 auf“. Marek weigert sich. Die „Burschen“ schlagen ihm mit der Faust ins Gesicht; er hält still. Fanny kauft eine Pistole, aber sie zielt an Marek vorbei; sie will ihn „anders töten“. Dann wünscht sie sich, dass er sie erschießt: „er sollte sie ermorden und es sollte auch offenkundig werden, dass er ihr Mörder war“.

Fünf Jahre und zweihundert Seiten später, im Eka-Kottwitz-Fragment, dem letzten größeren Anlauf zum „Buch Goldmann“, wird die Heldin, eine Hamburger Journalistin, von einem Studenten aus Somalia vergewaltigt: „sie schrie immerzu, nein, nein, und dann hörte sie auf, nein zu sagen . . . es war bestialisch, das war nicht mehr sie und niemand mehr“. Anschließend aber merkt sie, dass sie „nicht zerstört, sondern völlig verändert“ ist. Sie will ihrem Geliebten, einem Herrn Jung, diese Veränderung zeigen: „sie war verliebt in Jung, zum erstenmal, sie wünschte ihn herbei ... sie zitterte den ganzen Tag.“ Aber Jung ist fort, „zu Schiff nach Frankreich“, und Eka springt aus dem Fenster. Sie endet im Rollstuhl.

Die erste, von den Herausgebern geförderte Versuchung bei der Lektüre dieser Texte besteht darin, sie als autobiographische Bekenntnisse zu lesen: Jung gleich Frisch gleich Marek gegen Eka-Ingeborg-Fanny. Die andere, noch gefährlichere Versuchung liegt darin, sie als große Literatur zu betrachten. Ingeborg Bachmann hat die Goldmann-Fragmente nie publiziert, und sie hat, anders als im „Fall Franza“, auch nicht öffentlich aus ihnen vorgetragen. Sie sind keine Puzzleteile, denen nur der Rahmen fehlt, sondern verworfene Ideen. Als die Dichterin das Goldmann-Projekt im Herbst 1970 aus der Hand legte, war ihr Versuch gescheitert, ihm eine erzählerische Form zu geben. Die Erklärung für dieses Scheitern liegt in den Fragmenten selbst.

Der Blick ins Schlafzimmer der anderen

Im mittleren und umfangreichsten der Prosabruchstücke, das zwischen November 1966 und Dezember 1968 entstand, sehen wir zwei Gestalten über die Frankfurter Buchmesse flanieren. Die eine ist der Schriftsteller Malina, der Bruder der gleichnamigen Schauspielerin, die zuvor als „die kleine Malina“ und Rivalin Fannys in der Goldmann-Erzählung erschienen war. Die andere heißt erst Jörg Maleta, dann Klaus Jonas und ist eine Verpuppung des Dichters Peter Handke, den Ingeborg Bachmann in jenen Jahren als Kopf der jungen deutschsprachigen Literatur wahrzunehmen begann. Die beiden sind in ein Lehrer-Schüler-Gespräch vertieft, und es ist der (wie die Autorin) vierzigjährige Malina, der den Jüngeren über das Wesen des zeitgenössischen Literaturbetriebs aufklärt.

Man lebe, sagt er, in einer „Welt, in der der Buchhandel zum Menschenhandel ausgeartet“ sei, in jener Welt also, in der Ingeborg Bachmann nach dem Erscheinen von Frischs „Gantenbein“ zu leben glaubte. Bald werde auch Jonas zu dieser Welt gehören: „Sie werden ein Schriftsteller ihrer Zeit werden, dem kein Blick ins eigene Schlafzimmer, kein Blick auf Schwächen der anderen fremd ist“. Im Hotel „Frankfurter Hof“ tritt dann eine Figur ins Bild, die selbst zum Opfer eines solchen Blicks geworden ist: die „rote Gräfin“ Eka Kottwitz.

Es ist der Moment, in dem Fanny Goldmann und ihr Wiener Milieu aus der Geschichte verschwinden; und zugleich der Punkt, an dem der tiefe Widerspruch in Ingeborg Bachmanns literarischem Plan sichtbar wird. Die Idee einer Rahmenhandlung, von der aus verschiedene Figuren und ihre Schicksal zentralperspektivisch aufgerufen werden, stammt, wie die verdienstvolle und jederzeit auf der Höhe ihres Gegenstands argumentierende Herausgeberin Marie Luise Wandruszka feststellt, von Balzac. Aber der Ton, in dem die Liebestragödie erzählt wird, ist kein balzacscher. Die Erfahrung, die aus ihm spricht, findet in der Romanform des neunzehnten Jahrhunderts keinen Platz mehr. Dennoch hat Ingeborg Bachmann an dieser Form, die ihren Geschichten scheinbar Schutz bot, lange festgehalten – so lange, bis sie in der Doppelfigur des leidend-erzählenden und zugleich als Vernunftwesen sich selbst kommentierenden Ichs in „Malina“ den geeigneteren Ausdruck für die existentielle Not fand, die sie schildern wollte.

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Die epochale Wende zum weiblichen Schreiben, die literarische Revolte, als deren Märtyrerin Ingeborg Bachmann von der feministischen Literaturwissenschaft verehrt wird, beginnt mit dieser Entscheidung, die auch eine Befreiung von männlich geprägten Erzählformen war. Insofern ist es müßig, darüber zu spekulieren, wie das „Todesarten“-Projekt nach „Malina“ hätte weitergehen können. Die vorliegenden Fragmente bieten jedenfalls keinen Anhaltspunkt dafür, und auch das „Buch Franza“ war offenbar an einen toten Punkt gelangt, als die Autorin es aus der Hand legte.

Am Ende des Bandes sind einzelne Seiten des Manuskripts als Faksimile abgedruckt. Sie bezeugen in erschütternder Klarheit den Verfall des Menschen, der sie schrieb. Am Ende produziert die Hand, die über die Tasten der Schreibmaschine fliegt, fast nur noch Wortscherben: „Pibkum“ statt „Publikum“, „Gestäissen“ statt „Geständnissen“. Die Verfasserin der frühen Goldmann-Texte hatte für diesen Zustand wohl ein Shakespeare-Zitat parat gehabt, das schon Thomas Mann auf Nietzsche anwandte: „Oh, what a noble mind is here o’erthrown!“ – „Oh, welch ein edler Geist ist hier zerstört!“ Die Autorin von „Malina“ aber war kein Hamlet mehr. Die Tragödie, an der sie schließlich zugrunde ging, schrieb sie selbst.

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