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Bachmann-Werkausgabe : Die Verpuppungen der Fanny G.

Sie kämpfte um den richtigen Ausdruck für eine existenzielle Not: Ingeborg Bachmann Anfang der sechziger Jahre Bild: Dr. Heinz Bachmann

Ihre Tragödie schrieb sie selbst: Der zweite Band der Ingeborg-Bachmann-Werkausgabe zeigt die 1973 gestorbene Dichterin beim Versuch, ihrer Liebeskatastrophe mit Max Frisch eine literarische Form zu geben.

          In diesem Jahr wäre sie einundneunzig. Aber Ingeborg Bachmann ist tot, gestorben mit siebenundvierzig Jahren in einem römischen Krankenhaus, und so blieb ihr Werk Fragment. Ein Roman, zwei Gedicht- und zwei Erzählungsbände, das ist alles, was sie zu ihren Lebzeiten veröffentlichte, ihr Nachlass aber quillt über von Manuskripten, von Hörspielen, Reden, Essays, Geschichten, Libretti, Roman- und Gedichtentwürfen, von Texten, die keine Bücher, und Notizen, die keine Texte wurden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          An diese vieltausendseitige Hinterlassenschaft heftet sich seit mehr als vierzig Jahren der Ehrgeiz der Philologie. Alles, auch das kleinste Bruchstück, soll aufbereitet und an die richtige Leerstelle im Puzzle des Lebenswerks gesetzt werden – jenes Werks, das inzwischen so von Deutungen umstellt und vernebelt ist, dass man sich fragt, ob man es je wieder so wird lesen können, wie es die Dichterin für ihre Mitwelt und sich selbst geschrieben hat.

          Ende Februar hat Suhrkamp seine zusammen mit dem Piper-Verlag erarbeitete Kritische Studienausgabe, die „Salzburger Bachmann Edition“, vorgestellt und gleich den ersten Band auf den Tisch gelegt – „Male oscuro“, ein Konvolut von Traumnotaten, Briefen und anderen Aufzeichnungen aus der Zeit von Ingeborg Bachmanns Zusammenbruch im Jahr 1963. Also keine Gedichte oder Prosa, sondern private Krankenberichte und Briefe, die nie zur Veröffentlichung bestimmt waren. Die Herausgeber erklärten dazu, „die lebensgeschichtliche Dimension der Werkentstehung“, die „nie endende Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensrealität“ der Autorin seien bei der Beschäftigung mit Ingeborg Bachmann bislang „zu wenig berücksichtigt“ worden.

          Ein Furor der Bewältigung

          Der auftrumpfende Ton, mit dem hier intime Zeugnisse und künstlerische Arbeiten über einen Kamm geschoren werden, meldet nicht nur einen Entdeckerstolz an, der der bisherigen Bachmann-Forschung schrill in den Ohren klingen muss, er hat auch editorische Folgen. Der Nullpunkt der „Salzburger Bachmann Edition“ ist nicht die erste publizierte Erzählung der Wiener Studentin Ingeborg („Die Fähre“), sondern die Jahreswende 1962/63: die Zeit, in der Ingeborg Bachmann nach der Trennung von Max Frisch zuerst in einem Sanatorium und dann in einem Krankenhaus Zuflucht suchte. Der Höhepunkt der Liebeskatastrophe – und der Beginn einer langen schriftstellerischen Revanche, eines Bewältigungsfurors, der elf Jahre später, als die Dichterin den Verbrennungen erlag, die sie sich, von Tabletten betäubt, in ihrer Wohnung in Rom zugezogen hatte, längst nicht erschöpft war.

          Insofern ist es konsequent, dass die Werkausgabe mit dem „Buch Goldmann“ fortgesetzt wird. Es enthält sowohl die ersten Entwürfe zu der Figur Fanny Goldmann, die Ingeborg Bachmann nach ihrer vorläufigen Genesung im Frühjahr 1963 zu Papier brachte, als auch die sieben Jahre später entstandenen Notizen, mit denen das Goldmann-Projekt abbricht. Dazwischen liegen vier verschiedene Werkstufen, in denen sie ihr literarisches Geschöpf immer wieder verwandelt, es von einer „Penclubsekretärin“ zur Schauspielerin und zur Reporterin macht, seinen Namen in Eka Kottwitz und Aga Rottwitz ändert und den Schauplatz von Wien nach Hamburg verlegt, bevor sie zur ursprünglichen Erzählidee zurückkehrt.

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