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: Wer sühnt Kanonen-Berra?

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Der schwedische Schriftsteller Håkan Nesser, Jahrgang 1950, wird auch hierzulande zur festen Größe. Das Original seines kürzlich ins Deutsche übersetzten Buches erschien bereits 1998, und er nannte es "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" - ein Leimruten-Titel. Was bloß hat eine Hollywood-Schönheit mit einem biblischen Gewässer zu schaffen? Da muß man doch gleich mal nachsehen.

          Der schwedische Schriftsteller Håkan Nesser, Jahrgang 1950, wird auch hierzulande zur festen Größe. Das Original seines kürzlich ins Deutsche übersetzten Buches erschien bereits 1998, und er nannte es "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" - ein Leimruten-Titel. Was bloß hat eine Hollywood-Schönheit mit einem biblischen Gewässer zu schaffen? Da muß man doch gleich mal nachsehen. Der neugierige Leser findet bald heraus, daß beide Namen etwas anderes meinen als das, was sie zu signalisieren scheinen. Kim Novak entpuppt sich als eine schöne junge Frau, die der Schauspielerin ähnelt, in Wahrheit aber Ewa Kaludis heißt. Und Genezareth wird ein Wochenendhaus genannt, das am Ufer eines romantischen schwedischen Sees steht.

          Die Handlung spielt also keineswegs in Galiläa, vielmehr in Schweden. Dort lebt, und zwar im Jahre 1962, ein vierzehnjähriger Teenie namens Erik, der mit seinem Freund Edmund einen Feriensommer am See verbringt. Dritter im Bunde ist Eriks Bruder Henry, acht Jahre älter als die Schulbuben, Mitarbeiter einer Zeitung und Möchtegern-Autor eines Romans, den er im Sommerdomizil fertigzustellen hofft. Jeder Sommergast hat so seine Probleme. Die Vierzehnjährigen ringen mit ihren pubertären Schwierigkeiten; Erik ist obendrein belastet von der Gewißheit, daß seine krebskranke Mutter bald sterben wird. Bruder Henry erlebt eine ebenso wilde wie hoffnungslose Liebe, denn seine Flamme Ewa Kaludis ist verlobt mit dem Handball-Star Bertil Albertsson, wegen seiner Aggressivität "Kanonen-Berra" genannt.

          Das alles erfahren wir aus der Perspektive des Knaben Erik, was der Geschichte einen sonderbaren Reiz verleiht. Das Buch konfrontiert uns mit jedermanns Wirklichkeit, eingefangen in fast noch kindlicher Sichtweise, es läßt beklemmende Schicksale jugendlicher Unschuld begegnen. Insofern erinnert Håkan Nessers Erzählweise an einen anderen Roman, der vor mehr als fünfzig Jahren Furore machte, an den "Fänger im Roggen" von Jerome D. Salinger. Wie sein Vorgänger so appelliert auch Nesser an unsere Elterngefühle, läßt auch er uns Verantwortung spüren für die Küken, die mit unserer erwachsenen Welt zurechtkommen müssen.

          Aber das bezieht sich nur auf die Form. Die Genezareth-Geschichte ist keine Wiederholung des Romans von Salinger, der schwedische Knabe Erik kein Abklatsch vom amerikanischen Knaben Holden Caulfield. Denn nicht auf Gesellschaftskritik ist Håkan Nesser aus, sondern auf eine Kriminalgeschichte, das Genre also, mit dem er sich in seiner Heimat einen Namen gemacht hat. Sein Erik, aus dessen unreifem Geplauder er eine dramatische Szenerie entwickelt, wird zum Dreh- und Angelpunkt beängstigender Geschehnisse, im Roman "das Schreckliche" genannt.

          Das Schreckliche besteht darin, daß "Kanonen-Berra", der Handballgott, auf brutale Weise erschlagen wird. Henry, mit dem Berras Verlobte Ewa Kaludis fremdging und der von Berra übel bedroht wurde, gerät in Verdacht, kann aber nicht überführt werden. Auch Brüderchen Erik betet das Ebenbild der Kim Novak an, er kennt Ewa aus der Schule, wo sie als Aushilfslehrerin arbeitete. Zudem liebt er Henry und würde alles für ihn tun, wenn er nur könnte. Aber kommt ein Unschuldskind als Mörder in Betracht? Doch wohl höchstens als zweifelhafter Zeuge, der seinen großen Bruder herauslügen will. Soviel erfahren wir, und auch dann noch nicht mehr, als Eriks Pubertät vorüber ist und wir ihn als Erwachsenen wiedertreffen. Er ist jetzt der Lebensgefährte der schönen Ewa.

          Der Mord liegt fast zwanzig Jahre zurück, nur noch zwei Monate müssen vergehen, dann kann der Mörder nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Das erwähnt der Kommissar, der einst die Untersuchung leitete, und fast unmittelbar danach entpuppt sich der Zeuge Erik als Schuldiger. Freilich ist es kein Geständnis, das den Roman schließt, eher eine Eruption aus Eriks Seelengrund. Vor dem Kommissar schweigt er weiterhin, auch dem Leser bekennt er eigentlich nichts. Aber es brodelt in seiner Seele, und in einer Liebesnacht mit Ewa offenbart er seine Schuld hinein. Offen bleibt, ob sie hört, was er da redet, und wenn sie es hört, ob sie es begreift. Sowieso wird es nie gesühnt werden. Also ist, was wir hier lesen, keine klassische Kriminalstory, sondern ein Musterbild menschlicher Anfälligkeit in Situationen, denen die Betroffenen nicht gewachsen sind. Vor allem jene nicht, die vermeintliche Ideale mit Unreife versöhnen müssen.

          SABINE BRANDT

          Håkan Nesser: "Kim Novak badete nie im See von Genezareth". Roman. Aus dem Schwedischen übersetzt von Christel Hildebrandt. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2003. 287 S., geb., 19,90 [Euro].

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