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: Wer immer strebend sich bemüht

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"Wieso wurde man in so einer blöden Zeit geboren? Wieso ist man kein Achtundsechziger? Das war eine Zeit, in der man dick sein durfte und Drogen probieren konnte und in Autos schlief, in denen man von Konzert zu Konzert fuhr, eine Zeit, in der es freie Liebe gab und alle auf ihre Kosten kamen, auch ...

          "Wieso wurde man in so einer blöden Zeit geboren? Wieso ist man kein Achtundsechziger? Das war eine Zeit, in der man dick sein durfte und Drogen probieren konnte und in Autos schlief, in denen man von Konzert zu Konzert fuhr, eine Zeit, in der es freie Liebe gab und alle auf ihre Kosten kamen, auch die Dicken, sogar die Schüler!" Thomas Glavinics neues Buch wühlt im Urgrund der "Generation Golf", wobei diese Automarke keine Rolle spielt - seine Karriere als Taxifahrer beschert dem Helden einen Mercedes.

          Das Motto ist von Goethe: "Wer mich nicht liebt, darf mich nicht beurteilen." Man kann es als Warnung verstehen, Glavinics Roman über eine Jugend als bloße Unterhaltung zu konsumieren, obwohl er dazu wahrlich einlädt. "Wie man leben soll" erzählt die Geschichte des Karl "Charlie" Kolostrum, der äußerlich das darstellt, was sein Name suggeriert: einen Koloß, ein Trumm. Charlie wächst in einer österreichischen Provinzstadt auf, in einer Familie ohne Männer, jedenfalls ohne Männer, die man für voll nehmen könnte. Seine Mutter ist trunksüchtig und deshalb nicht ganz zuverlässig. Seine Tante gibt ihm regelmäßig Geld. Seine Großtante tut das auch, sie ist 97 und eine wirklich patente Person.

          Zwei Katastrophen der Raumfahrt geben den zeitlichen Rahmen vor, der Absturz der "Challenger" 1986 und jener der Columbia 2003. Zwischen diesen Eckdaten spielt sich der einigermaßen katastrophale Lebenslauf eines durchschnittlich unbegabten Helden ab. Charlie, gehandikapt durch seine Leibesfülle, macht seine ersten sexuellen Erfahrungen, bringt die Schule hinter sich und studiert Kunstgeschichte, weil in dieser Studienrichtung die schönsten Mädchen anzutreffen sein sollen. Von Zeit zu Zeit passieren ihm Fehlleistungen, die Menschen seiner unmittelbaren Umgebung das Leben kosten, zum Beispiel die geliebte Großtante Ernestine. Das ist blöd, aber was soll man machen, irgendwie geht das Leben weiter. Charlie träumt davon, Sänger zu werden, und absurderweise (dem Fernsehzeitalter sei Dank) geht dieser völlig unrealistische Traum in Erfüllung.

          Thomas Glavinic, der mit dem Schachroman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" bekannt wurde und zuletzt für seine raffinierte Kriminalgeschichte "Der Kameramörder" den Glauser-Preis erhielt, hat sich in diesem Buch einige literarische Muster vorgeknöpft und lustvoll mit ihnen gespielt - mit dem Entwicklungsroman zum Beispiel und der klassischen Idee vom mit sich ringenden Menschen: Da ist einer, der nicht wirklich "immer strebend sich bemüht" und zum Schluß doch erlöst wird. Sodann steht Charlie Kolostrum in der Tradition des Simplicius Simplicissimus, auch an Albert Dachs grimmig komisches Goggelbuch fühlt man sich erinnert: Im Schelmenroman stellt der tumbe Tor in aller Unschuld gar schreckliche Dinge an, ohne daß er dafür zur Rechenschaft gezogen würde, statt dessen reißt ihn eine neue Wende des Geschicks ins nächste Abenteuer.

          Nicht zuletzt persifliert Glavinic die Ratgeber-Literatur, die der Belletristik längst den Rang abgelaufen hat - "Wie man leben soll" ist schließlich eine Frage, die viele angeblich genau zu beantworten wissen. Bei der konsequenten formalen Umsetzung riskiert der Autor einiges: Die ganze Geschichte ist nicht in der ersten oder dritten Person, sondern in der exempelträchtig unpersönlichen "man"-Form erzählt, ein Konzept, das tatsächlich über 240 Seiten aufgeht.

          Nun konsumiert Charlie selbst diese moderne Variante der Ars-vivendi-Literatur, er weiß also, daß er, zumindest zu 87 Prozent, zur Kategorie der "Sitzer" gehört, zu denen, die sich nicht wehren, die nie reklamieren und immer zuviel Trinkgeld geben. Er weiß auch, daß er im Nichtstun zu versumpfen droht, und beschließt, endlich Sport zu treiben, fleißig zu studieren und im Café Schiller etwas anderes zu lesen: Kant, Fromm, Nietzsche. "Nachdem man festgestellt hat, daß Kant für den Anfang zu hoch gegriffen ist, will man sofort Torte essen und ärgert sich, keinen Karl May dabeizuhaben. Man geht zur Zeitschriftenablage und holt sich die Kronenzeitung. Man freut sich, die fünf Fehler im Bilderrätsel auf Anhieb gefunden zu haben, und vertieft sich in den Sportteil."

          Die Komik dieses Romans - und er ist ziemlich komisch - ergibt sich auch aus der Kluft zwischen jenen hehren Zielen und den zahlreichen hilflosen Aufschwüngen, die allesamt zum Scheitern verurteilt sind. Und aus einem tiefschwarzen Humor, der die Unglücksfälle des Einzelmenschen ungerührt in ein großes Ganzes einordnet. Daß Charlie den eher unsympathischen Onkel versehentlich ins Jenseits beförderte, hat etwas mit den Gesetzen der Physik zu tun. Und die lassen sich, wie die Lebensregeln der Ratgeber, einmal mehr in einem Merksatz zusammenfassen: "Merke: Wenn man durch einen Menschen Starkstrom jagt, stirbt er, auch wenn er selbst Arzt ist." Und wenn man die Freundin, die an einer Karpfengräte zu ersticken droht, mittels eines Luftröhrenschnitts zu retten versucht, sie aber in Unkenntnis der Anatomie mit einem stumpfen Fischmesser, dann einem rostigen Teppichmesser tödlich durchlöchert - ein Höhepunkt der an grausigen Szenen nicht armen Geschichte -, dann stellen auch die arglosesten Polizisten unangenehme Fragen.

          Gerade als man mit Charlie einen gewissen Stillstand in seiner gemächlich auf- und absteigenden Lebensbahn zu erleiden meint (Frauen kommen und gehen, die Sehnsucht bleibt bestehen), passiert die große Karriere, unverhofft und eigentlich auch unverdient. Das Leben eines Taugenichts - durch Erfolg gekrönt. Jetzt wird Charlie plötzlich auch von seiner Mutter wahrgenommen. Merke: Wenn ein lustiges Buch mit einem "Bussi" der Mutter endet, geht es darin um die Liebe und andere ernste Dinge.

          DANIELA STRIGL

          Thomas Glavinic: "Wie man leben soll". Roman. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2004. 239 S., br., 14,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2005, Nr. 204 / Seite 36

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