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: Wer foltert den Milliardär?

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Die Geschichte hat noch nicht begonnen, da steht der Gewinner bereits fest. Schon auf dem Schutzumschlag sonnt er sich im Glanz des elefantenköpfigen Gottes Ganesha, im indischen Pantheon zuständig für Glück und Reichtum. "Rupien! Rupien!", gleich eine ganze Milliarde, werden sich im ersten Roman ...

          Die Geschichte hat noch nicht begonnen, da steht der Gewinner bereits fest. Schon auf dem Schutzumschlag sonnt er sich im Glanz des elefantenköpfigen Gottes Ganesha, im indischen Pantheon zuständig für Glück und Reichtum. "Rupien! Rupien!", gleich eine ganze Milliarde, werden sich im ersten Roman des indischen Diplomaten Vikas Swarup monsunartig über Ram Mohammad Thomas ergießen.

          Doch zunächst sieht es schlecht aus für den einfachen Kellner aus Asiens größtem Slum Dharavi in Mumbai. Ein bildungsferneres Leben ist kaum denkbar, und doch will sein Schicksal, daß er bei der Fernsehshow "Wer wird Milliardär?" alle zwölf Fragen korrekt beantworten kann. Gleich nach der Sendung wird er verhaftet, denn die zahlungsunwillige Produktionsgesellschaft unterstellt dem Unschuldigen Betrug und stößt bei der lokalen Polizei damit auf offene Ohren und Taschen. Ein Geständnis des einfältigen Kandidaten scheint bereits absehbar: "Godbole foltert mich seit einer Stunde, aber er ist noch nicht fertig", kommentiert Ram lapidar das Ungeheuerliche - er wurde bereits vergewaltigt, die Elektroschocks aber hat er noch vor sich. Das geht so lange, bis eine junge Anwältin die Folterkammer betritt und den gequälten Jungen seinen Peinigern entreißt. Eine Nacht lang analysieren Ram und seine Retterin nun einen Mitschnitt der Show, um herauszufinden, wieso das einfaltspinselige Glückskind Ram die Antwort auf jede Frage wußte.

          Damit ist die Struktur der fragmentarischen Biographie des achtzehnjährigen Helden vorgegeben: Ram wird der Anwältin zwölf Episoden aus seinem Leben erzählen, und jeweils ein winziges Detail wird die Lösung zu einer der Quizfragen offenbaren, etwa der Fünftausend-Rupien-Frage nach dem kleinsten Planeten unseres Sonnensystems: Pluto. So heißt nämlich zufällig auch die Katze eines saufenden, verarmten Astronomen, der seine Tochter mißhandelt, und es deshalb mit Ram zu tun bekam. Autor Swarup hält die vielen Kausalketten seiner Geschichte straff in der Hand, während er das Findelkind Ram Mohammad Thomas - der drei Religionen nur der Pointe halber im Namen trägt - gutherzig, zuweilen ein wenig tumb, durch die böse Welt, also durch Delhi, Mumbai und Agra, stolpern läßt.

          Die anekdotenhaften Skizzen seines Überlebenskampfes im ungemütlichen indischen Alltag sind im einzelnen durchaus charmant und auch rasant erzählt. Zum heimlichen Sympathieträger der Geschichte steigt schnell Rams zwei Jahre jüngerer Freund Salim auf, inbrünstiger Sänger und Filmfan, der seit seinem siebten Lebensjahr wild entschlossen ist, Bollywood-Star zu werden. Seinerseits frei von ambitionierten Tellerwäschermillionärsträumen, bleibt die Hauptfigur dagegen merkwürdig blutarm; Ram will kaum mehr als eine wäßrige Melange aus Oliver Twist und Pi Patel mit einem Schuß Forrest Gump werden. Er bleibt frei von Kanten und Brüchen; Angst, Entsetzen, Schmerz sind bei ihm kaum mehr als temporäre Oberflächenstörungen. Im Innersten verharrt er merkwürdig unerschüttert, während aus seinem Mund Geschichten von Mord, homosexuellen Priestern, Pädophilie, Prostitution und Kindesverstümmelung strömen. "Wir Inder besitzen die seltene Fähigkeit, Elend und Unglück um uns herum wahrzunehmen und dennoch davon unberührt zu bleiben", sagt einmal ein Hausmeister. Mag sein.

          Ist der Schock des drastischen Prologs aber einmal überwunden, arrangiert man sich leicht mit der achselzuckenden Erzählweise, die soziales Elend drastisch, aber frei von anklagender Gesellschaftskritik schildert: So lebt es sich eben heute in Indiens urbaner Unterschicht. Den streckenweise erreichten Realismus unterlaufen jedoch die allzu schematische Belohnung und Bestrafung der Charaktere. So ist Swarups Geschichte weniger vom Zufallsprinzip als vom "Do ut des" bestimmt und folgt damit einer erstaunlich konservativen Karma-Logik. Auch Schicksalsschläge bringen dem Helden am Ende Glück, und so bekommen die Guten Frauen, Ferraris und Filmrollen, die Bösen werden erschossen.

          Vikas Swarup hat das Gerüst seiner Geschichte akribisch konstruiert, die kaleidoskopartigen Fragmente liefern ein trotz aller Dramen insgesamt vergnügliches Sammelsurium kleiner indischer Alltagsgeschichten. Die Kulissen vom Waisenhaus über den Taj Mahal bis zum Königspalast sind pittoresk, allein die Sprache hinkt den plastischen Bildern oft holpernd hinterher, und so liest sich das Werk streckenweise eher wie das Buch zum (tatsächlich bereits geplanten) Film. Störend wirken insbesondere Brüche in der suggerierten Mündlichkeit der Erzählung. Nicht durchgängig gelingt es Swarup, dem schlichten Ram eine angemessen einfache Sprache in den Mund zu legen, mal verfällt er ins Technokratische, mal ins ungelenk Komische. Die eingestreuten Weisheiten - wer nach einer Zugfahrt ankommt, ist nicht derselbe wie bei der Abfahrt - sind häufig platt; inständig hofft man, Ram möge doch schnell wieder mit der Geschichte fortfahren.

          Denn zumindest langweilig ist diese nie, auch hat Vikas Swarup seinen Erstling treffsicher in eine Lücke im Repertoire der bekannten "IWE", der Englisch schreibenden Inder, plaziert. Zwischen epischen Familiensagas im Stile Vikram Seths oder Rohinton Mistrys und dem poetischen "Gott der kleinen Dinge" Arundhati Roys ist sicherlich Platz für ein mit leichterer Hand beschriebenes Schnappschuß-Indien, absurd brutal und in dieser Absurdität gleichermaßen gewöhnlich wie komisch. Vikas Swarup liefert einen Roman, der nicht beständig von Mangodüften durchwabert wird und auf mahnende Zeigefinger und schwüle Indien-Exotik verzichtet - der aber auch derart auf globale Lesetauglichkeit getrimmt ist, daß er die kulturellen Eigenheiten Indiens für seine Story kaum mehr benötigt. So wäre sie ohne große Probleme auch in den brasilianischen Favelas anzusiedeln. Und das ist dann doch schade.

          SABINE LÖHR

          Vikas Swarup: "Rupien! Rupien!". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 344 S., geb., 19,90 [Euro].

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          Er schrieb mehr als 30 Bücher, darunter auch den Roman „Amerikanisches Idyll“, für den er 1998 mit dem Purlitzer Preis ausgezeichnet wurde. Mehrere seiner Romane wurden verfilmt.

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