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Wenn kein Spatz vom Dach fällt

Im Grenzgebiet: Ein früher Roman von Willem Frederik Hermans

Obwohl er zu den erfolgreichsten und zugleich meistumstrittenen niederländischen Autoren seiner Generation gehörte, blieb der 1921 geborene Willem Frederik Hermans, der heute vor zehn Jahren starb, hierzulande lange ein Unbekannter - bis vor einigen Jahren "Die Dunkelkammer des Damokles" übersetzt wurde. Mit diesem Roman - mysteriös, pessimistisch, ein hochspannender Thriller von der ersten bis zur letzten Seite - gelang dem Autor Ende der fünfziger Jahre der Durchbruch. Nun jubelten auch deutsche Kritiker.

Im letzten Jahr war von Hermans auf deutsch das Spätwerk "Au pair" zu lesen, ein etwas verplappertes, überkonstruiertes Buch um eine naive Blondine in Paris; eine Enttäuschung. Nun ist der erste große Roman des Niederländers erschienen, mit dem er 1949 bekannt wurde. "Die Tränen der Akazien" spielt im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs in den besetzten Niederlanden. Durch Amsterdam fahren Autos mit Holzgasgenerator, die Fenster der Häuser sind mit schwarzem Papier verdunkelt, es herrscht abendliche Ausgangssperre. Von überall her tönen Axthiebe: Die Menschen zerlegen im letzten Kriegswinter alles, was aus Holz ist und verheizt werden kann, ob Türen, Möbel oder die Schwellen der Straßenbahnschienen. Die Häuser des entvölkerten Judenviertels sind mit Stacheldraht versperrt. Am Himmel dröhnen die Flugzeuge, die allnächtlich mit ihrer Bombenlast Richtung Deutschland fliegen. Kaum noch jemand zweifelt daran, daß die Deutschen den Krieg verlieren werden.

Der zwanzigjährige Student Arthur Muttah ist eine vom Krieg entwurzelte Existenz. Genaugenommen hat er nie Wurzeln gehabt. Der uneheliche Sohn eines Brüsseler Aristokraten wuchs in Amsterdam mit seiner haßgeliebten Halbschwester Carola bei der Großmutter auf, einer unheimlichen Alten, die als "Wahrsagerin" in den verängstigten Zeiten viel Zulauf hat. Schon diese Familienverhältnisse sind im kleinen das, was die Welt für Hermans im großen ist: ein "sadistisches Universum".

Man war von der Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus lange gewohnt, daß sie Helden und Verräter, Opfer und Täter deutlich unterschied. Hermans bricht solche Konventionen bereits 1949 auf. Arthur Muttah tötet einen Deutschen. Allerdings ist es kein Akt des heroischen Widerstands, denn er begeht die Tat ein paar Stunden nach der Befreiung, im moralischen Grenzgebiet "zwischen bestraft werden und ungestraft davonkommen". Und dann auch eher aus Versehen und einer ziellos explodierenden Lebensaggression. Man fühlt sich an den "Fremden" von Camus erinnert - wie überhaupt ein existentialistischer Zug die Werke von Willem Frederik Hermans prägt.

Die Unverständlichkeit der Welt ist ein großes Thema dieses Autors. Ist Arthurs väterlicher Freund Oskar Ossegal ein kühner Patriot, ein feiger Opportunist oder gar ein Kollaborateur? Prostituiert sich seine Halbschwester für die Deutschen, oder ist sie eine Heldin des Widerstands? Ist ihr deutscher Geliebter ein SS-Mann, Deserteur oder Spion? Die Geschehnisse lassen verschiedene Deutungen zu, und die Unterdrücker geben ebenso klägliche Figuren ab wie die Unterdrückten. Die ernüchternde Schilderung des Widerstands stieß seinerzeit auf wenig Gegenliebe. Die Zeitung, die den Vorabdruck des Romans besorgte, überstand den Käuferboykott nicht.

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Veröffentlicht: 27.04.2005, 12:00 Uhr