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: Wenn der Teekessel singt

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In der Literatur hat das postkoloniale Zeitalter 1968 begonnen. So könnte man plakativ die Verleihung des Nobelpreises in jenem Jahr an den japanischen Autor Yasunari Kawabata deuten, war er doch der erste Autor einer nichteuropäischen Sprache, sieht man von dem bereits 1913 ausgezeichneten Rabindranath Tagore ab.

          In der Literatur hat das postkoloniale Zeitalter 1968 begonnen. So könnte man plakativ die Verleihung des Nobelpreises in jenem Jahr an den japanischen Autor Yasunari Kawabata deuten, war er doch der erste Autor einer nichteuropäischen Sprache, sieht man von dem bereits 1913 ausgezeichneten Rabindranath Tagore ab. Doch dieser hatte den Preis in erster Linie für die englischen Versionen seiner Dichtung entgegengenommen. An Kawabata pries die Jury, durchaus zum Erstaunen der japanischen Öffentlichkeit, dessen Traditionsverwurzelung. Es waren wenige, aber eindrucksvoll übersetzte Werke, die seinerzeit seinen internationalen Ruhm begründeten, darunter "Schneeland", sein wohl berühmtester Roman.

          Nun ist diese Gattungsbezeichnung eher irreführend, versteht man darunter ein architektonisch durchkonstruiertes Erzählwerk oder womöglich narrative Strukturen in der Tradition der europäischen Realisten des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich vielmehr um ein Konglomerat aus verstreut und über einen längeren Zeitraum hinweg publizierten Erzählskizzen, die der Autor über einen Zeitraum von vierzehn Jahren zu einem größeren Ganzen zusammenstellte, bis 1948 die Buchausgabe erschien, die heute als Standardtext betrachtet wird.

          "Schneeland" gehört zu den zweifellos wichtigsten Werken der japanischen Literatur im 20. Jahrhundert. Doch was macht eigentlich das Besondere an diesem Text aus? Er erzählt in Bildern und Visionen von der Suche eines Mannes nach sich selbst in einer Landschaft von archaischer Schönheit. Shimamura, der Protagonist, ein wohlhabender Müßiggänger, läßt seine Familie in Tokio zurück und reist im Winter in den abgelegenen Nordosten. Bereits die ersten Sätze des Werks schlagen diesen besonderen Ton an. "Als der Zug aus dem langen Grenztunnel herauskroch, lag das Schneeland vor ihm. Die Nacht wurde weiß bis auf den Grund. An der Signalstation hielt der Zug." Mit wenigen Strichen in expressionistischer Manier wird hier die Ankunft des Helden auf seinem Zauberberg gezeichnet. Und daß die Welt, in die er eintritt, einer mythischen Sphäre angehört, wird alsbald offenbar.

          So fasziniert ihn schon kurz vor der Ankunft der Anblick einer jungen Mitreisenden, deren Gesicht von kühler Schönheit sich in den Scheiben des fahrenden Zuges spiegelt. Solche Szenen von magischer Suggestivität, in der die Abendlandschaft und das Mädchengesicht übereinandergeblendet werden, bilden die erzählerischen Höhepunkte dieses eher still und verhalten erzählten Textes. Er lebt von der unterschwelligen Spannung zwischen dem Mann und der jungen Geisha Komako, der er bei seinem ersten Besuch in dem abgelegenen Thermalbad ein halbes Jahr zuvor begegnet war. Komako verkörpert natürliche Reinheit, aber auch Sinnlichkeit, und Kawabatas Held kann sich nicht recht zwischen ihrem Bild als Mutter und als Hure entscheiden. Für Generationen von japanischen wie westlichen Lesern stellte die leidenschaftliche, aber klug in ihr Schicksal ergebene Komako, zusammen mit dem geheimnisvollen Mädchen Yoko, das seinen todkranken Bruder mütterlich umsorgt, das Idealbild einer japanischen Frau dar. Heutigen Lesern dürfte auffallen, daß die gesamte Welt um diesen Helden, so assoziativ und bruchstückhaft sie auch geschildert wird, aus der Männerperspektive eines sehr traditionalistischen, dabei jedoch stets in Passivität verharrenden Egozentrikers betrachtet wird, eines Mannes, der die "Kälte seines Herzens" zwar spürt, sie jedoch nicht überwinden kann.

          Die Ereignisse als solche sind allerdings so unscheinbar und nebensächlich, daß sich der Autor selbst in seinem Erzählgespinst verhedderte. Was zählt, sind vielschichtig verknüpfte sinnliche Eindrücke, die sich netzartig über verschiedene Zeitebenen verzweigen. Mit psychologischen Deutungen kommt man oft nicht sehr weit, und manch eine Begebenheit bleibt, wie auch der Schluß, rätselhaft. Seine Magie entfaltet der Text in Szenen wie jener, in der Shimamura sein Ohr nah an den Teekessel bringt und in seinem Simmern den Wind durch die Kiefern streichen hört, womit übrigens, nebenbei bemerkt, auf ein berühmtes No-Theaterstück verwiesen wird. So wandern seine Gedanken von Komako fort, nur um am Ende dieser wunderbaren Assoziationskette wieder bei ihr zu landen und ihn merken zu lassen, daß alles ihn an sie erinnert. Alarmiert von diesem Gedanken, kommt er zu dem Schluß, daß er gehen muß.

          Will man diesen durch und durch ästhetisierten Text, der die Möglichkeiten des Japanischen, Aussagen gewissermaßen in der Schwebe zu halten, bis an die Grenzen der Verständlichkeit treibt, ins Deutsche bringen, so gilt es, einen passenden Ton dafür zu finden. Keine einfache Aufgabe, gewiß. Immerhin liegt uns seit 1957 die in verschiedenen Verlagen wiederaufgelegte Fassung von Oscar Benl vor, aus der die Eingangssätze oben zitiert wurden. An dieser Version wird sich die Neuübersetzung von Tobias Cheung messen lassen müssen. Wie lauten bei ihm die Eingangssätze? "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß. Die Dampflok hielt an einem Signal." Das ist, mit Verlaub, kein leichter Einstieg für die Leser, und im Blick auf Satzstruktur und Semantik des Originals keineswegs genauer. Die neue Übersetzung tritt mit dem Anspruch größerer Texttreue auf, doch zunächst hakt und stockt man beim Lesen nur wesentlich öfter, bis einem klar wird, daß hier offenbar Nähe zum Original mit einer Rohübersetzung verwechselt wurde.

          Schon daß viele Wörter in dieser neuen Übersetzung im Original belassen werden, sorgt für eine durchaus nicht notwendige Sperrigkeit, zumal dieses exotisierende Übertragen eigentlich gar nicht zeitgemäß wirkt. Weshalb kann man statt "Onsenbad" oder dem noch unglücklicheren "Onsenressort" nicht einfach Thermalbad oder Heilbad sagen? Die neue Fassung liest sich umständlich und hölzern. Man mag dem offenbar noch unerfahrenen Übersetzer zugute halten, daß er manchen Benlschen Schnitzer ausbügelt, doch baut er gelegentlich auch neue ein. Wesentlicher aber ist, daß sein Text einem die Lektüre eher verleidet. Hier finden sich fast alle Anfängerfehler bis hin zu den allzu ausführlichen und oft überflüssigen Annotationen. Mit dieser Übersetzung wäre Kawabata kaum für den Nobelpreis nominiert worden.

          Was also tun? Wer Kawabata lesen möchte, sollte statt dessen zu der noch erhältlichen dtv-Taschenausgabe mit der alten Übersetzung greifen. Schade für die vertane Chance, denn dieser moderne Klassiker hat eine Neuübersetzung verdient. Umgekehrt haben die Japaner es uns vorgemacht mit ihren über dreißig Übersetzungen des "Werther" oder den zahlreichen Neuübertragungen von Werken Thomas Manns, von Rilke, Hesse oder Kafka. Jede Zeit hat ein Anrecht auf eine eigene, zeitgemäße Übertragung. Allerdings sollte deren Qualität nicht hinter die früherer Versionen zurückfallen. Der Suhrkamp-Verlag, der sich mit einem breiten Programm an hervorragenden Übersetzungen um die japanische Literatur verdient gemacht hat, hat einen Ruf zu verlieren.

          IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT.

          Yasunari Kawabata: "Schneeland". Erzählung. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Tobias Cheung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 210 S., geb., 14,80 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2004, Nr. 243 / Seite 38

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