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Welch dumme Geschichte

Russische Beziehungskisten: Ein Roman von Alexander Ikonnikow

Am Anfang allen Erzählens steht das Gesetz der Serie. Auf A folgte B, auf B folgte C - aus der Aufzählung selbst aber folgte nichts. Denn das Ziehen einer Summe gehörte nie zum Kerngeschäft der Ependichter. Erst die Romanschreiber und später dann die Personalchefs huldigten dem Glauben, die Aneinanderreihung von Mutproben, Liebschaften oder Arbeitszeugnissen führe die Entwicklung eines Charakters vor. Doch das Einerlei der Chronik, wo alle Erzählfäden ins Nirgendwo führen, überwinterte in den Grauzonen der Literatur - und nicht zuletzt an den Rändern Europas, wo die Hoffnung auf ein Ziel der Geschichte immer aufs neue betrogen wurde.

Auch Alexander Ikonnikow dichtet seit seinem beachtlichen Erstlingswerk "Taiga-Blues" am trägen Epos der Provinz, obwohl er doch als hoffnungsvoller Endzwanziger zur jüngsten Generation russischer Gegenwartsliteratur gehört. In seinem Roman "Liska und ihre Männer" verschwindet der Autor fast vollständig in jener unscheinbaren Chronistenrolle, die seit Walter Benjamins Aufsatz über Leskow als Markenzeichen einer im Alltag verwurzelten Erzählkunst gilt. Denn Ikonnikow führt den Lebensweg seiner ungefähr gleichaltrigen Heldin zwar von Wohnung zu Wohnung, von Beruf zu Beruf und von Lebensabschnittspartner zu Lebensabschnittspartner. Doch statt Entfaltung zu beschreiben, feiert Ikonnikow heilige Einfalt. Liskas Fortschritt jedenfalls besteht, zumindest auf dem Papier, aus einer Serie von Fehltritten.

Wer Ikonnikows Rückzug in die Tiefe des Raums als Paradebeispiel naiver Dichtung auslegen will, hat leichtes Spiel. Liskas Vater "wuchs als schwächlicher Knabe auf", das Mädchen selbst beginnt in der Pubertät "ein süßes Weh zu fühlen", und das Jungvolk im Wohnheim in der Provinzhauptstadt "grölte Lieder zur Gitarre und fluchte nach Herzenslust" - fast jeder niedergeschriebene Satz scheint einem volkstümlichen Sagenschatz zu entstammen, und das liegt offenbar nicht nur an der Übersetzung. Denn auch das Personal - sei es die "alte Jungfer", der "wortkarge Bursche" oder der "Trunkenbold von Mann" - kommt überwiegend aus der Schnitzwerkstatt der Archetypen.

Als Erzähler scheint Ikonnikow also jedes Experiment zu meiden. Daß zu Beginn eines Kapitels "murmelnde Bäche, jaulende Kater und Vitaminmangel" den Frühling ankündigen, wirkt in diesem von Schlichtheit geprägten Rahmen fast schon wie eine Ausschweifung. Doch auch wenn der unzeitgemäße Tonfall des Buchs die Schmerzgrenze an manchen Stellen überschreitet, liegt mit "Liska und ihre Männer" kein Manifest eines heimwehkranken Konservatismus vor. Eher steckt in der literarischen Enthaltsamkeit eine listige Rebellion gegen die großen Erzählungen. Denn der Kunstgriff der Retro-Rhetorik dient Ikonnikow mitnichten dazu, Liskas Lebensgeschichte gegen die Zumutungen der Geschichte abzuschotten. Lediglich das Heilsversprechen einer besseren Zukunft perlt an ihrer glatten Oberfläche ab.

Versteckte Geschichtsmarken nämlich tauchen in Ikonnikows Roman wie in einem Suchbild auf. Immerhin bekommt die junge Liska gleich nach ihrem Umzug in die Provinzhauptstadt von ihren Wohnheimgenossinnen "einen Kurzhaarschnitt nach dem letzten Schrei der Zeitschrift ,Die Arbeiterin' verpaßt". Der aufstrebende Komsomolsekretär Viktor, der Liska für eine Weile in seine Luxuswelt aufnimmt, tauscht unter Gorbatschow das rote Tuch auf dem Präsidiumstisch gegen grünen Stoff aus. Liskas Ehe mit dem Trolleybusfahrer Artur bleibt kinderlos, weil die benötigten Hormonpräparate ohne Beziehungen ins Ausland nicht zu bekommen sind. Und bei Liskas erstem Rendezvous mit dem Kriegsinvaliden Max steigen schauerliche Erinnerungsbilder aus Tschetschenien an die Oberfläche.

Doch Ikonnikow verwendet die Zeitleiste wie ein abgenutztes Requisit. "Das Land wurde zum x-tenmal verrückt", hebt eine Passage an, welche die Ereignisse des Systemwechsels in einem an Johann Peter Hebels Erzählung "Unverhofftes Wiedersehen" erinnernden Zeitraffer abspult, "aber durch die breiten Straßen der Stadt G. rollte der hellgrüne Trolleybus Nr. 17". Auch die unabhängige und immer noch recht junge Liska, die am vorläufigen Ende ihrer Odyssee durch die Männerwelt als Busfahrerin ihre Runden dreht, erfährt ihr Leben längst als Zeitschleife.

Man müßte diesen Roman als erzählerischen Tribut an die Trostlosigkeit betrachten, als knatternden Stummfilm der Jetztzeit, vollzöge nicht das Schlußkapitel eine wilde und vollkommen überraschende Drehung. Denn der Erzähler, bislang im toten Winkel einer schmucklosen Chronik verborgen, tritt hier in einem buchstäblichen Rausch der Wörter selbst in die Handlung ein und auf eine ziemlich unverschämte, jedenfalls aber sehr witzige Weise an seine Heldin heran. Die namenlose Provinz des Epischen erfährt mit dem Auftritt des abgestürzten Schriftstellers, der alle Naivität abwirft und ein Feuerwerk der Ironie abfackelt, gleichsam ihre Entweihung - und verliert dennoch, immerhin handelt es sich um eine russische Erzählung, deshalb ihren Zauber nicht. Denn auch der Erzähler fügt sich am Ende ins gleichmütige Gesetz der Serie: In der Reihe von Liskas Männern besetzt er den allerletzten Platz.

ANDREAS ROSENFELDER

Alexander Ikonnikow: "Liska und ihre Männer". Roman. Aus dem Russischen übersetzt von Annelore Nitschke. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003. 192 S., geb., 17,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2003, Nr. 264 / Seite 38

 
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Veröffentlicht: 13.11.2003, 12:00 Uhr