02.06.2009 · Wassili Grossman verdanken wir ein Schlüsselwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, den Roman "Leben und Schicksal". Jetzt ist der russische Autor auch in fünfzehn Erzählungen zu entdecken, die von der Sowjetunion nach Berlin führen.
Von Wolfgang SchneiderWassili Grossman verdanken wir ein Schlüsselwerk des zwanzigsten Jahrhunderts. Auf über tausend Seiten schildert „Leben und Schicksal“ wie kein anderer Roman die Schlacht um Stalingrad und weitet sich dabei zum großen Panorama der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Da der Autor nicht zwischen einer guten und einer schlechten Diktatur unterscheiden wollte, sondern die Ähnlichkeiten der im Kampf verbissenen totalitären Systeme herausstellte, verstieß er gegen das größte sowjetische Tabu – und so hatte der Roman auch in der poststalinistischen „Tauwetter“-Periode keine Chance.
Grossman starb 1964 mit kaum sechzig Jahren im Bewusstsein der Vergeblichkeit; erst nach seinem Tod kam auf abenteuerlichen Wegen das heimlich abfotografierte Manuskript in den Westen – und wurde zum weltliterarischen Ereignis.
Auf der Suche nach der Wahrheit
Grossmans schriftstellerische Anfänge liegen in den frühen dreißiger Jahren. Sein Glauben an den Kommunismus kam bald in Konflikt mit dem Drang, die „Wahrheit“ des Lebens und die konkrete Erfahrung zu suchen. Er fühlte sich als literarischer Zeitzeuge und langjähriger Kriegsberichterstatter verpflichtet, ungeschönt von dem zu schreiben, was er sah, erlebte – und überlebte. Das war viel: die russische Revolution, die arrangierte Hungerkatastrophe, der Terror unter Stalin, zwei Weltkriege, der Holocaust, dem seine Mutter zum Opfer fiel. Von all dem berichten auch die fünfzehn Erzählungen, die nun in der Übersetzung von Katharina Narbutovic erschienen sind. Die meisten entstanden in den fünfziger und frühen sechziger Jahren. Alle schildern sie aufrüttelnde Begegnungen mit dem Drama des Lebens und der Politik, mit Alter, Krankheit, Tod, Sowjetunion.
Interessant ist die Darstellung des erheblichen sozialen Gefälles innerhalb der vermeintlich klassenlosen Gesellschaft. Eliten aus Kunst und Wissenschaft, Medizin und politischer Nomenklatura schotten sich mit ihrem beinahe „westlichen“ Lebensstil ab vom Volk, dessen Grobschlächtigkeit sie allenfalls poetisch verklären. Besonders eindrucksvoll treffen die Sphären in der Erzählung „Im großen Moskauer Ring“ zusammen. Ein Mädchen aus einer neuen Luxus-Wohnanlage hat irritierende Begegnungen mit den Armen vom Stadtrand, deren Hütten am Ende unter den Bagger kommen. Das wahrhaft einschneidende Ereignis aber ist eine Blinddarmoperation. Im Krankensaal erhält das Mädchen Einblicke in die Lebensnöte „einfacher“ Frauen, ein Erlebnis, das sie nicht vergessen wird.
Aufregende Innenansichten der sowjetischen Gesellschaft
Weder dem Weichzeichner des Sozialistischen Realismus noch einem auf Distanz gehenden Dissidententum verpflichtet, bieten Grossmans Erzählungen aufregende Innenansichten der sowjetischen Gesellschaft in der heißesten Phase der „Säuberungen“. In einer – „Mama“ – hat sogar der Diktator selbst einen kurzen, unheimlichen Auftritt; auf noch vertrauterem Fuß steht diese Geschichte mit dem NKWD-Chef Nikolai Jeschow, dem „blutrünstigen Zwerg“, der das Liquidieren nach Plansoll betrieb und dem wohl eine Million Menschen zum Opfer fielen. Die Formel „Terror und Traum“, die jüngst Karl Schlögel für das Moskau von 1937 prägte, kann sich auf Grossman berufen; auch in seinen Erzählungen ist die Gleichzeitigkeit von Aufbau-Enthusiasmus und Horror zu erfahren. Da fallen eben noch dekorierte Persönlichkeiten in Ungnade, da verschwinden Verwandte, da wird der Kontakt mit gestern noch guten Freunden plötzlich lebensgefährlich, da werden Geschwister verleugnet, da kommen Kinder, „deren Eltern sich als Volksfeinde erwiesen hatten“, in spezielle Waisenhäuser. Von der Sowjetelite war viel Flexibilität im Umgang mit nächsten Angehörigen gefordert. Auch der schwelende Konflikt der Generationen wird anschaulich: Die Revolutionäre und Bürgerkriegskämpfer sehen die neuen Karrieristen mit Misstrauen.
Das Humane ist bei Grossman zugleich das Kreatürliche. Das zeigt sich in den Tiergeschichten des Bandes. „Die Straße“ nimmt die emphatische Leidensperspektive eines geschundenen Maultieres ein, das als Lasttier der italienischen Armee bis weit hinein nach Russland getrieben wird: eine ungewöhnliche Erzählung vom Zweiten Weltkrieg. In der Titelgeschichte „Tiergarten“ wird die Schlacht um Berlin aus Sicht eines alten Pflegers im Zoo erzählt – und aus der Perspektive seiner Schützlinge, deren ungestillter Freiheitsdrang das humane Spurenelement ist, das den Menschen im Kampfinferno verlorenging. Beeindruckend fühlt sich Grossman ein, in den Gorilla, den Wolf, den Adler und den Löwen. Solche introspektiven Tierbeschreibungen, die man vor Jahren noch als „anthropozentrisch“ verurteilt hätte, liest man heute, wo die Biologie manche voreilig gezogene Grenze zwischen Mensch und Tier wieder einreißt, mit neuem Interesse. In einer wirklich großen Passage wird geschildert, wie Kühe und Schweine zum großen Sterben in eine Berliner Fleischfabrik getrieben werden. Es ist eine Opfermotivik, die – wie in den Schlachthofszenen von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ – auf die menschlichen Verhältnisse verweist; Treblinka brauchte gar nicht bemüht zu werden.
Einfühlung auch in die deutsche Seelenlage
Grossmans Erzählkunst will ideologische Gräben überwinden. Ihn interessiert der Mensch mit seinen immer ähnlichen Problemlagen. Er fühlt sich ein in die deutsche Seelenlage unter dem Faschismus und scheut im fragwürdigsten Satz des Buches selbst vor dem Letzten nicht zurück: „Möglicherweise gab es Momente, da das nächtliche Grauen vor der allwissenden, allgegenwärtigen und allmächtigen Geheimen Staatspolizei in der Brust des Führers selbst aufkeimte.“ Möglicherweise auch nicht; diese Brust bleibt eine black box.
Die thematische Reichhaltigkeit des Bandes ist erstaunlich. In der Erzählung „Abel“ aus dem Jahr 1953 schildert Grossman den Atombombenabwurf auf Hiroshima – aus Sicht der amerikanischen Bomberbesatzung. Eine derart plakative Situation muss erzählerisch scheitern, fürchtet man. Aber auch wenn die Geschichte nicht die beste des Bandes ist, sie verglüht nicht im Pathos des Gutgemeinten, und man staunt, wie Grossman auch diese „unerhörte Begebenheit“ mit seiner Psychologie in den Griff bekommt.
Christliche Blicke auf das Ewigmenschliche
Denn dieser Autor ist ein außerordentlicher Menschenkenner. Mit einer an Tschechow erinnernden Leichtigkeit werden in der Friedhofserzählung „In ewiger Ruhe“ zahlreiche Schicksale erzählt, die in den Gräbern mündeten – ein paar Striche, fertig ist das Drama eines Lebens. Indem er exemplarisch die Leiden schilderte, die sich niemals in sozialistischem Wohlgefallen auflösen, unterlief Grossman den verordneten Optimismus und näherte sich einem christlichen Blick auf das „Ewigmenschliche“.
Sein Stil ist unaufwendig. Mit wenigen präzisen Strichen werden die Figuren gezeichnet, und doch scheint stets das Entscheidende gesagt. Mal geht Grossman mit forscher Direktheit auf ein Thema zu, dann wieder spielt er es subtil und treffsicher über die Bande an. Einige dieser Geschichten sind so dicht und kompakt, dass man einen zweiten Anlauf braucht, um hineinzufinden. Immer ist von Leiden und Nöten die Rede, doch der Erzählgestus bleibt episch unaufgeregt. In diesen Erzählungen kommt das gequälte Leben zu Ruhe und Besinnung. „Aber wir haben das Menschliche im Menschen nicht sterben lassen“ – das ist das Credo dieses Autors, das er auch durch Auschwitz und den GULag nicht durchgestrichen sieht. Er formuliert es in der eindringlichen Reflexion über die Sixtinische Madonna, der Programmschrift dieses Bandes.
Für heutige Leser mag Grossmans humanistisches Pathos zunächst befremdlich klingen. Aber bald spürt man, welche existentielle Dringlichkeit dahinter steht. Das hier ist kein Sonntagsreden-Humanismus; die Erfahrung von tausend Schrecklichkeiten ist ihm eingeschrieben. Dieser bemerkenswert unzynische Autor preist die menschliche Güte, gerade weil er die ganze Macht des Unguten kennt. Besonders, wenn es als das staatlich definierte „Gute“ daherkommt.