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Wassili Grossmans: Alles fließt : Jedes Kapitel, jede Zeile, jedes Wort ein Aufschrei

  • -Aktualisiert am

Wassili Grossman, „Alles fliesst”, Ullstein Hc Bild:

Im Frühjahr 1933 wurde das Ausmaß angestrebten Ausrottung des Bauerntums in der Ukraine sichtbar, die in einem Hunger-Genozid gipfelte. „Alles fliesst“ ist Wassili Grossmans literarisches Vermächtnis.

          Mit Heugabeln schaufelten russische Umsiedler die Toten im Frühjahr aus den Hütten, ein Tuch vor dem Mund gegen den entsetzlichen Gestank. Beim Aufheben zerfielen die verwesten Leichen in Stücke. Monate zuvor hatten die vor Hunger Wahnsinnigen die bereits Verstorbenen zerlegt und gekocht, manche verzehrten die eigenen Kinder, dann sind auch sie dahingegangen. "Jeder Hungernde starb auf seine Weise. Wo Hass war, wurde schneller gestorben. Ach, und die Liebe, auch sie hatte niemanden gerettet."

          Im Frühjahr 1933 wurde das Ausmaß der stalinistischen Kollektivierungspolitik und der damit angestrebten Ausrottung des Bauerntums in der Ukraine sichtbar, die in einem Hunger-Genozid gipfelte, dem bis zu zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ganze Dörfer verwandelten sich in Todeslager, aus denen es kein Entkommen gab. Die Armee hatte sie abgeriegelt, wer fliehen wollte, wurde erschossen. Dieser Massenmord markiert nicht nur einen weiteren Tiefpunkt in der Existenz des Menschen, sondern, daran lässt Wassili Grossman in seinem literarischen Vermächtnis keinen Zweifel, eben auch eine Möglichkeit dieser Existenz. "Alles fließt", panta rhei: Wer die Zeitenschrunden des letzten Jahrhunderts er- und überlebte, dem wurde diese Zeit zur Felsenlast, zur Steinhaube, in der er gefangen blieb.

          Bereits in seinem durch die sowjetische Zensur konfiszierten und erst 1986 in der Sowjetunion erschienen Romanepos "Leben und Schicksal" hatte Grossman die Lebenswege zweier Familien bis in die Höllen von Auschwitz und Stalingrad verfolgt. Enttäuscht von der Folgenlosigkeit des politischen Tauwetters unter Chruschtschow demontiert Grossman in seinem letzten Werk, an dem er bis zu seinem frühen Tod 1964 arbeitete, auf eine für diese Jahre unerhörte Weise den Mythos einer vernunftgesteuerten Entwicklungsdiktatur des Proletariats, deren Opfer nichts als Späne waren, die beim notwendigen Hobeln einer lichten Zukunft anfallen. Warum, so Grossman, ganze Menschenwälder sinnlos abholzen, warum Millionen Unschuldiger vernichten oder brechen? Der Staat darf sich nicht zum Herrn erklären: "Es gibt auf der Welt keinen Zweck, dem man die Freiheit des Menschen opfern darf."

          Die Revolution fraß ihre Kinder

          Ende der fünfziger Jahre schleppt der Protagonist der Erzählung Iwan Grigorjewitsch die Felsenlast von dreißig Jahren GULag mit in die Freiheit. Er begibt sich auf eine Reise durch die Sowjetunion der Chruschtschow-Ära, kehrt in ein Leben zurück, das an den "Schicksallosen", die aus der menschlichen Existenz verbannt waren, vorübergegangen war. In Leningrad, wo Iwan einst studiert hatte, läuft er einem ehemaligen Mitstudenten in die Arme, einem, der im und mit dem System Karriere machte und nun, auf der Straße, den Blick des einstigen Freundes, den er tot geglaubt hatte, nicht ertragen kann.

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