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Was wäre, wenn sich alle immer die Wahrheit sagten?

Ein Kuß für jedes Lehnwort: Der ungarische Klassiker Dezso Kosztolányi und sein literarisches Alter ego Kornél Esti

Auf die Beleidigung, die Antoine Meillet der ungarischen Sprache zufügte, antwortete Dezso Kosztolányi gleich zweimal: mit einem offenen Brief und einer Erzählung.

Zunächst bezichtigte er den französischen Professor, der nach dem Ersten Weltkrieg das Aussterben der kleinen europäischen Sprachen befürwortete und namentlich kein gutes Haar am Ungarischen ließ, der nationalistischen Verblendung unter der "Maske der Sachlichkeit". Der französische Linguist, Professor am Collège de France, hatte Kosztolányis Muttersprache unter anderem wegen der vermeintlichen Vielzahl an Lehnwörtern aus anderen Idiomen das Lebensrecht absprechen wollen; sie sei keine eigenständige kulturelle Leistung. Kosztolányi wies Meillet im Detail eine unsaubere (und fehlerhafte) Argumentation, insgesamt aber ein reichlich verqueres Verständnis vom Zusammenleben der Völker nach: Ob der Professor aus Paris denn wirklich bereit sei, der selbstentworfenen Lehre vom notwendigen Verschwinden kleinerer Sprachen gemäß, demnächst nur noch Deutsch, Englisch oder gar Chinesisch zu sprechen?

Dieser Polemik ließ Kosztolányi (1885 bis 1936) einige Zeit darauf eine zweite Antwort auf Meillets Buch "Les langues dans l'Europe nouvelle" folgen, die ganz ohne die Schärfe und den Eifer der ersten auskommt: In einer Erzählung um sein Alter ego, den Bohemien Kornél Esti, kommt es in der Eisenbahn zu einer Begegnung zwischen Esti und einem fünfzehnjährigen türkischen Mädchen, das sich ganz westeuropäisch modern gibt und seine Herkunft am liebsten verleugnen will. Der junge Mann macht ihr eine Liebeserklärung, die eigentlich mehr ihrer Sprache und dem kulturellen Einfluß der Türken während der langjährigen Besatzungszeit in Ungarn gilt: "Ich war deinem Volk nie böse, denn von ihm haben wir unsere schönsten Wörter bekommen, Wörter, ohne die ich unglücklich wäre - dreihundertdreißig unserer schönsten Wörter verdanke ich euch." Er habe, sagt Esti, schon lange einen Türken gesucht, bei dem er sich für dieses Geschenk erkenntlich zeigen könne. Während er noch schwärmt, läßt sich das Mädchen "sanft gegen mich fallen. Ich hingegen begann sie rasch und ungestüm auf den Mund zu küssen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihr genau dreihundertdreißig Küsse gegeben."

Jedes Lehnwort ein Kuß - schöner läßt sich die wechselnde Beeinflussung von Sprachen kaum darstellen. Daß daran jetzt auch das deutsche Lesepublikum teilhaben kann, ist einem gerade bei Rowohlt Berlin erschienenen Band zu verdanken. Die erste deutsche Übersetzung von Kosztolányis Novellenzyklus um Kornél Esti, jenen sprachverliebten, schönheitstrunkenen und moralisch ziemlich unbekümmerten jungen Schriftsteller, kann sich neben den schon längst auf deutsch vorliegenden fünf großen Romanen des Autors sehen lassen: neben "Anna Edes", dem bitteren Bericht über ein Dienstmädchen, das im konterrevolutionären Budapest von 1922 seine Herrschaft ersticht, neben dem Kleinstadtroman "Der goldene Drachen" oder neben "Lerche", dem meisterlichen Kammerspiel um Abhängigkeit und dumpfe Loyalität zwischen Eheleuten und ihrer unverheirateten ältlichen Tochter, die sie mit eiserner Hand regiert.

Die Novellen um Kornél Esti, von denen eine erste Sammlung 1933 als Buch erschienen ist, wurden von vornherein mit leichterer Hand entworfen als die Romane; die einzelnen, in sich abgeschlossenen Kapitel des Buchs haben ihren Ursprung im Feuilleton der legendären Budapester Zeitschrift "Nyugat", und ihre relative Kürze, die klare Handlungsführung, die zielsicher auf die Schlußpointe zusteuert, weisen die Texte als konzentrierte, jeweils einem Thema verpflichtete Miniaturen aus dem Geist der Zeitungsseite aus: Facetten einer Gesellschaft zwischen den Kriegen, zwischen Ost und West, zwischen Ländlichkeit und Großstadt, zwischen Verschwendung und Hunger und jedenfalls eingebettet in das europäische Geschehen - und hinter alldem tritt der Held des Buches, jedenfalls als Erwachsener, manchmal bis zur Ungreifbarkeit zurück. Denn Kornél Esti, der eigene Erlebnisse erzählt oder die seiner Umgebung, ist merkwürdig verschlossen, wenn es um seine bürgerliche Existenz geht: Ist er verheiratet, hat er Kinder, hat er Anspruch auf regelmäßige Einkünfte?

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Veröffentlicht: 21.08.2004, 12:00 Uhr