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Warum regnet es immer auf mich?

Schwarze Romantik: Drei Erzählungen von Yôko Ogawa

Ein fremder Mann und ein Kind im Regenmantel klingeln an der Tür und ersuchen höflich um eine "Definition von Kummer". Die Frau im Türrahmen, für die sich erst vor kurzem der Traum vom Eigenheim erfüllt hat, ist verlegen. Schließlich aber führt sie aus: "Ich finde, es gibt gar keine Beziehung zwischen Ihnen, der Frage und mir. Sie stehen dort. Ihre Frage steht im Raum. Und ich bin hier. So ist das eben, ich finde, meine Antwort würde nichts ändern. So wie der Regen für den Hund ja auch keine Rolle spielt." Der Mann hält dies für eine "sehr gute, präzise Antwort" und verabschiedet sich.

Die 1962 geborene Yôko Ogawa ist eine schwer einzuordnende Vertreterin moderner japanischer Literatur. In eigentümlich nahegehenden, anspielungsreichen und vielschichtigen Geschichten greift sie gesellschaftliche Neurosen und Neigungen gescheiterter Protagonisten auf. Nachdem die Autorin mit dem stellenweise pornographischen Roman "Hotel Iris" und dem Krimi "Der Ringfinger" für Aufsehen sorgte, hat die Verlagsbuchhandlung Liebeskind mit "Schwimmbad im Regen" (im Original 1991) drei leisere, morbide-beschauliche, hinter- und abgründige Erzählungen und Psychogramme herausgebracht, die gerade von ihren nicht ausgesprochenen Zwischenräumen, Zweideutigkeiten und interpretatorischen Freiheiten leben. In subtiler Komposition werden einander ergänzende Geschichten über Einsamkeit, Erwachsenwerden und Entfremdung verwoben.

Den eingangs zitierten Fremden mit seinem Kind, der vage als eine Art Vertreter oder Inspektor mit einem nicht näher definierten "Zuständigkeitsbereich" umschrieben wird, trifft die Erzählerin der Titelgeschichte "Schwimmbad im Regen" zufällig beim Spazierengehen wieder. Zwischen ihnen entwickeln sich eine platonische Freundschaft und melancholisch-philosophische Gespräche, in denen sie Initiationserfahrungen, den Gruppenzwang der Schulzeit und die Beziehungsruinen ihrer Biographien Revue passieren lassen. Ogawas Rhetorik der Verlangsamung, der Rückschau und des Stillstands, ihre beinahe manische Suche nach Bezugspunkten in den verlorenen Kindheiten und sich auflösenden Vergangenheiten ihrer Charaktere in Umbruchsituationen schlagen sich in einer verknappten, meditativen Sprache nieder.

In der Erzählung "Das Wohnheim" bringt eine Frau ihren Cousin in ihrem ehemaligen, aber nunmehr eigenartig verwaisten Studentenwohnheim unter. Den Hausmeister umgibt ein böses "Gerücht", das man mit dem mysteriösen Verschwinden von Kommilitonen in Verbindung bringt, und in der Tat versucht die Frau seither vergebens, ihren Cousin im Wohnheim anzutreffen. Augenfällig ist eine Vorliebe für psychisch gebrochene oder gar physisch verkrüppelte Charaktere wie ebenjenen Hausmeister, dem beide Arme und ein Bein fehlen. Ogawas grotesk-absurde Stilleben erzählen von Vereinsamung, Selbstisolierung und Verfall, um bei der Auflösung und Entlarvung gesellschaftlicher Vorurteile und Normen regelmäßig mit einem ironischen Ende aufzuwarten.

Auch das "Tagebuch einer Schwangerschaft" verrät über das reine Notieren hinaus gesamtgesellschaftliche Symptome. Eine Studentin führt Buch über die Schwangerschaft ihrer tyrannischen Schwester, ihre Fieberkurven und Launen, Allüren und Übelkeitsanfälle. Wenn sie ihr mit Hingabe Grapefruitmarmelade kocht, achtet sie penibel darauf, daß die Früchte auch wirklich aus Amerika stammen und pestizidbehandelt sind, um die Chromosomen des Babys zu schädigen. Die zerstörerische Kraft alltäglicher Zwänge spiegelt sich in der Routine des Tagebuchs wider. Es begreift und beschreibt die Schwangerschaft als unheimliche Metamorphose. Die schwarze Romantik der Postmoderne wird inmitten einer Ästhetik der Absonderlichkeiten archiviert: "Zwischen uns beiden lag der blasse Schatten eines Föten, eingehüllt in nächtliche Dunkelheit." Dabei überschreitet die liebliche Sprache, unter deren Oberfläche Gemeinheiten gären, immer wieder die Grenzen des Erträglichen.

Yôko Ogawa ist eine Vertreterin einer neuen Generation von experimentellen Autoren. Indem sie scheinbar Zusammenhangloses in immer neuen Verbindungen und Variationen assoziiert, erschließen sich dem Leser ungeahnte Sinnebenen: "Immer, wenn ich eine Schulküche in der Dämmerung sehe", erzählt der eingangs zitierte Fremde, "muß ich gleichzeitig an ein Schwimmbad im Regen denken." Ihre transparenten Gedankengänge lassen mehrere Lesarten zu. So gelingt es Ogawa, mit klaren Worten Abstraktes und mit klammheimlicher Freude am Sezieren des Sozialen allgemeinen Kummer auszudrücken.

STEFFEN GNAM

Yôko Ogawa: "Schwimmbad im Regen". Erzählungen. Aus dem Japanischen übersetzt von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2003. 160 S., geb., 17,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2004, Nr. 52 / Seite 38

 
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Veröffentlicht: 02.03.2004, 12:00 Uhr