30.04.2009 · Seine ernsten Verse aus dem Stasi-Gefängnis in Bautzen hat er zu Lebzeiten nicht herausgerückt: Erinnerungen von und an Walter Kempowski, der am 29. April 2009 achtzig Jahre alt geworden wäre.
Von Friedmar ApelFür Walter Kempowski waren die acht Jahre, die er wegen angeblicher Spionage und antisowjetischer Hetze in Bautzen einsaß, eine Zeit der Traumatisierung und Disziplinierung zugleich. Im Gefängnis erfand der junge Jazzfan die vorher eher ignorierte bürgerliche Tradition der Literatur und Musik für sich neu. Aus der Haftzeit auch erklärte sich der Schriftsteller seine Akribie im erinnerten Details, wie sie die populären Romane der „Deutschen Chronik“ (1972 bis 1984) prägte, und seine Leidenschaft des Sammelns von Schicksalen, die sich im kollektiven Tagebuch „Echolot“ (1993 bis 2005) überwältigend dokumentierte. In seinem Buch „Im Block“ (1969) wurde seine Überlebenstechnik erstmals literarische Methode. Die Erfahrung erscheint eingesperrt in Textzellen, Textblöcke und Gitterwerke und befreit sich zugleich in ironischer Distanzierung.
Im Nachhinein erschien Kempowski der Ton seines Haftberichts jedoch zu frivol. Die erneute Überwindung zur Erinnerungsarbeit erschloss ihm zu seiner eigenen Überraschung eine lyrische Stimme, die an Rilkes Dinggedichte anklingt. Diese ernsten Texte hat Kempowski zu Lebzeiten nicht herausgerückt, obwohl er beiläufig wissen ließ, er habe im Knast Verse im Rilke-Ton auf Schiefertafeln geschrieben. Der Öffentlichkeit zeigte er sich lieber in der Rüstung seines kauzigen Humors. Im Titel des Bändchens aber wird er unmittelbar kenntlich. Langmut hat er wahrlich als Häftling, als Grundschullehrer, als Schriftsteller und Sammler, als Ehemann und öffentliche Person bewiesen. Wo der schmale Mann die Kraft und den Mut zu seinen Riesenprojekten hernahm, blieb ihm selbst „völlig unverständlich“, an sich gezweifelt hat er immer wieder.
Die Stäbe im Fenster der Zelle
Die kurzen Gedichte in „Langmut“ ergreifen durch die Schlichtheit eines elementaren Vokabulars, das der Begrenztheit des Sichtbaren in der Haft entspricht. Die Stäbe im Fenster der Zelle sind immer wieder Raum- und Zeitmaß, Symbole der Isolierung zugleich und ihrer Überwindung in der gestalteten Erinnerung. Wie für Rilkes Panther gibt es hinter ihnen keine Welt, das Subjekt aber behauptet sich in der inneren Kraft des Dennoch. „Mit dem Löffel spielt einer / Auf den Stäben ein Lied. / Du klopfst, du pochst, / aber niemand vernimmt es. / Aber es bleibt.“ Bücher, Bilder, ein Bogen, der Saiten streicht, sie sind das Abwesende, und doch vorhanden im Benennen des Verlusts. „Streckst Du den Arm hinaus / mit gespreizten Fingern, / da ist nichts zu greifen!“ Nicht gehört zu werden, kein Adressat zu sein, ist die Erfahrung, die in lakonischer Feststellung erschütternd dingfest wird. „Wartet niemand / mit einem Licht? / Kein Zeichen gilt dir.“
Unter dem Titel „Piranesi“ scheint das Zuchthaus als Verlies der Phantasie wahrgenommen zu werden, die Negation aber beschwört bildlos deren Befreiung. "Unter den Halbbogen / auf eisernen Treppen / hinauf – hinunter. / Ketten hängen keine herab. / An der Tür ist kein Zeichen. / Nichts wurde vermerkt.“ Die Raumerfahrung des Häftlings zeigt sich als Negativ der Sinnbilder des Lebendigen. „Im kalten Mutterleib / wartest du lange auf deine Geburt. / Kalt wird man dich ins Kalte stoßen.“ Die Reduktion aufs Elementare und Ursprüngliche zieht Heilsgedanken der Wiedergeburt oder der Transsubstantiation herbei. „Wasser und Brot. / Brot und Wein?“ Aber sie bleiben leer und fraglich. In der Sprödigkeit dieser Texte verweigert sich die lyrische Stimme der Sinngebung des Sinnlosen.
Existentielle Trennungserfahrung
Gleichwohl hat Kempowski die existentielle Trennungserfahrung der Haftzeit neben dem Verlust seiner Heimat als wesentlichen Antrieb seines Schreibens und Wirkens gesehen. Wie der Langmütige gegen mannigfaltige Widerstände zum außerordentlich populären Romancier und schließlich wie kein anderer seiner Generation zum bewunderten Vorbild jüngerer Schriftsteller wurde, lässt sich bei Volker Hage erinnernd nachlesen, der Kempowskis Werk von 1972 bis zu dessen Tod im Herbst 2007 in Kritiken, Interviews und Essays begleitet hat. Dabei gewinnen nicht nur die Dimensionen des gewaltigen Werks noch einmal fasslich Kontur, sondern es wird auch schmerzlich deutlich, wie sehr diese so eigenwillige wie vernünftige Stimme der öffentlichen Diskussion fehlt.
Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, während Günter Grass mit seinen unverändert verqueren Argumenten gegen die Einheit schimpfend durch die Lande zieht, wird es Lesern gut tun, sich der nüchternen und noblen Stellungnahme Kempowskis vom 3. Oktober 1990 zu erinnern: „Ich hoffe, daß die dritte Republik in Bescheidenheit ihre Aufgabe in Europa erkennt und wahrnimmt. Dass sie die sich bereits jetzt abzeichnenden Gegensätze zwischen West und Ost tolerant überbrückt und aus den zwangsläufig eintretenden Konflikten mit Gewinn hervorgeht.“