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Walter Hinck: Gesang der Verbannten / Die letzten Tage in Berlin : Ferne bleibe uns Dogmatismus

  • -Aktualisiert am

Bild: Bouvier Verlag

Als Germanistikprofessor im Ruhestand und Literaturkritiker in Aktion schreibt Walter Hinck stets für seine Leser. Nun debütiert er auch als Erzähler und zeigt sich als Freund des Neuanfangs.

          Der Kölner Germanist Walter Hinck ist ein freundlicher und humorvoller, aber auch listiger Mensch. Die schärfste Form der Kritik, die sich ein Interpret oder Kritiker bei ihm einhandeln kann, lautet: Mein Lieber, da müssen Sie aber noch einmal nachlesen! Den Theorie- und Methodenreigen in der Literaturwissenschaft hat er seit den Anfängen seiner Lehr- und Forschungstätigkeit in den sechziger Jahren seelenruhig an sich vorbeiziehen lassen. Peter Szondi, sein Kollege in der Göttinger Zeit, hatte der Germanistik schon 1962 einen verfehlten Begriff von Forschung vorgeworfen: „Das Moment des Fragens, mithin auch der Erkenntnis, ist dem Wortinhalt immer mehr abhandengekommen, das Forschen ist zum bloßen Suchen geworden.“

          Walter Hinck kann er damit nicht gemeint haben, Forschung heißt für ihn: genaue Lektüre, induktives Befragen des Textes, Charakterisieren der Besonderheit. Nicht nur als Literaturkritiker dieser Zeitung, auch als Professor schreibt er für Leser. Das philologische Handwerkszeug handhabt er souverän, aber er benutzt es nicht schwer bewaffnet. Typische Anmerkung: „Grundsätzlich wird, wo es möglich ist, nach erschwinglichen oder zugänglichen Ausgaben zitiert, um dem Leser weitere Entdeckungen zu erleichtern.“

          Nichts Menschliches ist dem Mann mit der Schiebermütze fremd, nur der Begriff „Ruhestand“ scheint ihm gänzlich unbekannt zu sein. Seit seiner Pensionierung 1987 legt er mindestens alle zwei Jahre ein Buch vor, dazu unzählige Aufsätze und Rezensionen. In „Gesang der Verbannten“, einer Darstellung der deutschsprachigen Exillyrik von Ulrich von Hutten bis Bertolt Brecht, zieht er nun eine Summe seiner Forschungen zu Dichtern im Exil.

          Der Vergangenheit keine definitive Macht zubilligen

          Die Vertreibung von Schriftstellern steht immer im Zusammenhang mit schwerwiegenden gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen. So tendierte die Exilforschung lange Zeit zur Sozialgeschichte, nicht selten in einem larmoyanten oder anklagenden Ton. Hinck dagegen zeigt die andere Seite der erzwungenen Entwurzelung und „das Schillernde des Exilbegriffs“. Nicht wenige Dichter haben ihre Trennungserfahrung produktiv gemacht, allen voran Bertolt Brecht, der in Skandinavien geradezu seine „Goldene Zeit“ der Dichtung erlebte. Das soll die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht beschönigen, sorgsam notiert der Interpret die bitteren Seiten, aber eben auch die Genugtuung, „dass gerade der gewalttätige Versuch, unliebsame Autoren und Künstler zum Schweigen zu bringen, die Verbannten umso beredter machte“. Nachdem der Gelehrte mit „Im Wechsel der Zeiten. Leben und Literatur“ (1998) bereits so gradlinig wie elegant geschriebene autobiographische Texte publiziert hatte, ist es fast keine Überraschung mehr, dass er nun mit „Die letzten Tage in Berlin“ auch als Erzähler debütiert. In den Erzählungen geht es um Vergangenheit, aber nicht etwa im entsagenden Altersstil oder in nostalgischer Rückschau. Mit Akribie im historischen Detail wird vielmehr mittels der Technik der Rückblende das oft zufällige und willkürliche, meist schmerzliche Hineinwirken der Vergangenheit, des scheinbar Vergessenen, in die Gegenwart der Personen geschildert.

          Parallel zu Hincks Sicht auf die Verbannung aber will der Erzähler der (deutschen) Vergangenheit keine definitive und schon gar keine zerstörerische Macht auf die Gegenwart zubilligen. In der Konfrontation mit dem Vergangenen eröffnet sich den Personen immer auch die Möglichkeit einer produktiven, im besten Fall befreienden Auseinandersetzung, eines Neuanfangs. Wie schon der Universitätslehrer Hinck ist auch der Erzähler einer, der Mut machen will, wenngleich keineswegs unkritisch, einer, der Anteil nimmt am Gegenwärtigen.

          So lässt sich Walter Hinck heute, an seinem neunzigsten Geburtstag (nicht zu fassen), auch nicht zu Hause im Lehnstuhl feiern, sondern liest mit Ulla Hahn im Kulturpalast Gloria in Landau aus seinen Erzählungen. Und vermutlich beginnt er morgen schon wieder etwas Neues.

          Walter Hinck: „Gesang der Verbannten“. Deutschsprachige Exillyrik von Ulrich von Hutten bis Bertolt Brecht. Reclam Verlag, Stuttgart 2011. 200 S., geb., 26,95 €.

          „Die letzten Tage in Berlin“. Drei Erzählungen. Bouvier Verlag, Bonn 2011. 90 S., geb., 17,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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