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Von der Schönheit des Verschwindens

17.02.2007 ·  Fin de Siècle auf Dänisch: Thomas Mann bekannte, er habe von Herman Bang "alles gelesen und viel gelernt". Dessen meisterhafter Roman "Am Weg" liegt jetzt in neuer Übersetzung vor.Von Heinrich Detering Dies ist, um es mit einem Wort zu sagen, der schönste dänische Roman. Trotz Andersen und Jacobsen, ...

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Fin de Siècle auf Dänisch: Thomas Mann bekannte, er habe von Herman Bang "alles gelesen und viel gelernt". Dessen meisterhafter Roman "Am Weg" liegt jetzt in neuer Übersetzung vor.

Von Heinrich Detering Dies ist, um es mit einem Wort zu sagen, der schönste dänische Roman. Trotz Andersen und Jacobsen, trotz Pontoppidan und Blixen hat kein anderer so viel Lebens- und Sterbenswirklichkeit auf so kleinem Raum zu kondensieren vermocht, und keiner hat es in der Balance von sozialpsychologischer Präzision und dem Klangzauber poetischer Prosa zu solcher Vollkommenheit gebracht wie dieser kaum zweihundert Druckseiten umfassende Band aus dem Jahr 1886. Selbst Bangs eigene Meisterromane "Tine" oder "Das weiße Haus" lesen sich im Vergleich wie Etüden eines großen Artisten, der sich erst auf sein Meisterstück vorbereitet.

In einem nachgelassenen Essay "Zum Sexualitätsproblem" hat der Autor, dessen Homosexualität ein offenes Geheimnis war, beansprucht, die Welt zugleich als Mann und "mit der Seele einer Frau" erleben zu können. Was immer es damit auf sich haben mag - seine Begabung, "nach zwei Seiten das Seelenleben erforschen" zu können, hat sich nirgends so glanzvoll bewährt wie in diesem Roman über eine Liebe, die im Zeitlupentempo scheitert, ehe sie eigentlich begonnen hat, über die unerfüllte Sehnsucht, über das nie zu stillende Verlangen nach Glück. Die Geschichte vom lautlosen Leben und Sterben der Provinzschönheit Katinka Bai, die in der lieblosen Pflichtehe mit einem Bahnhofsvorsteher zugrunde geht und deren Liebesverlangen auch im kaum angedeuteten Verhältnis zu einem schwachen Nebenbuhler unerfüllt bleibt - sie gelingt so gänzlich unsentimental und präzise, weil sie sich der Introspektion verdankt. Das aber gilt auch für die Genauigkeit, mit der Bang das Psychogramm des täppisch virilen und dabei selbst unglücklichen Ehemannes entwirft - wie schließlich auch dasjenige seines sanften und musischen Antipoden, des Gutsverwalters Huus, der doch für mehr als eine scheue Geste keine Kraft mehr besitzt. Die Einsicht, dass die Grenzen der Geschlechter verschwimmen könnten, wird zur Leseerfahrung.

Ein Meister der Andeutung.

"Der Stationsvorsteher wechselte den Rock für den Zug" - mit diesem Satz beginnt der Text. In der winzigen Geste zeigt er einen Alltag, der eigentlich aus nichts als dem Kostümwechsel besteht - für einen Zug, der doch immer vorbeifährt und dem dieser Vorsteher bloß nachwinken kann. Dieser einfachen Triftigkeit der symbolischen Gesten und Orte verdankt der Roman viel von seinem Reiz. Wenn die kleinbürgerliche Ausflugsgesellschaft bei der nächtlichen Rückkehr vom Jahrmarkt mit seinen anziehend zweideutigen Vergnügungen einen Friedhof überqueren muss und dabei ein Liebespaar aufscheucht, das sich hinter einen Grabstein zurückgezogen hat, dann gehen das Symptomatische und das Sinnfällige ganz selbstverständlich auseinander hervor.

Aber bei Bang geht die Szene noch weiter. Er zeigt uns den lauthals empörten Ehemann, der in diesem Augenblick ganz Biedermann ist und seine regelmäßigen Bordellbesuche vergisst, neben seiner Frau und deren heimlichem Verehrer, für die nun beim Weitergehen jede zufällige Berührung, jedes halb ausgesprochene Wort und jedes Erröten eine andere Bedeutung haben als zuvor. Beinahe wortlos gehen die Dramen hier vor sich; Bang ist ein Meister nicht nur des Erzählens, sondern ebenso des Andeutens und Verschweigens.

Die naturalistische, nicht selten satirisch getönte Milieustudie, an der dieser Lehrling Turgenjews, Jacobsens und Maupassants seinen Blick für das signifikante Detail geschärft hat, sein Gehör für die charakteristische Redensart, sein Geruchsempfinden für die Düfte der wechselnden Interieurs - sie gleitet hier hinüber in die zitternden Farbflecken und Stimmungsvaleurs eines Impressionismus, der noch die schmerzhaften Eindrücke ästhetisch auskostet, weil er sich ihrer anders nicht mehr zu erwehren vermag. Der wunderbare Frühling habe sein Aroma verloren, klagt Baudelaire in den "Fleurs du Mal". Dieser Satz beschreibt Bangs Ausgangspunkt. Wenn er seine Kunstmittel so ökonomisch einsetzt wie hier, wenn er die Klippen seiner Manierismen und Sentimentalitäten umschifft, dann lässt er uns diese Aromen im Augenblick ihres Verschwindens noch einmal spüren.

Gleichsam als ihre Verkörperung zeigt er uns Katinka Bai, diese reinste Ausprägung dessen, was er seine "stillen Existenzen" genannt hat. Aber die von Freund und Freundinnen bewunderte schöne Seele, eine Wiedergängerin der biblischen Rahel, besitzt auch einen verleugneten Körper; und in der Schilderung der Spannungen zwischen beiden lässt Bang uns in Tiefen blicken, zu deren Erkundung die Psychoanalyse noch nicht aufgebrochen war. Gerade in diesen Passagen erweist sich die kleine Geschichte Katinka Bais als ein letzter Ausläufer der großen Erzählungen von Anna Karenina, Emma Bovary und Effi Briest.

Emma Bovarys körperliche Exzesse, die doch immer vergebens die eigenen physischen Grenzen überschreiten wollen, sind hier gleichsam ermattet, reduziert auf die letzten Symptome. Die stummen Zeichen einer unwillkürlichen Körpersprache, ein Flackern des Blicks, ein Zurückzucken vor der Berührung sind das Äußerste, was der erstickenden Allgegenwart der Konvention noch für Momente zu widerstehen vermag, ehe auch diese Regungen wieder erlöschen. Wo Emma gegen die Banalität der Provinz eine banale Rebellion unternimmt und gewissermaßen ekstatisch zugrunde geht, da geht Katinka lautlos ein - an derselben, nun aber unterdrückten Rebellion, die sich in den unkontrollierbaren Körper verschoben hat. Und wie Effis Sündenfall, der menschliche Makel Evas, balanciert wird durch die Unschuld der Wasserfrau und "Tochter der Luft", so spiegeln sich Katinkas Sehnsucht und Scheitern im leitmotivischen Volkslied von der "armen Marianna" und einem banalen neapolitanischen Schlager.

Chiffren der Leidenschaft.

Denn auch bei Bang gibt es kein zufälliges Zitat, kein bloß illustratives Requisit mehr, keine leere Note. Wie in Tolstois monumentalem Eheroman die Farbe Rot als Chiffre der Leidenschaft an den unterschiedlichsten realistischen Details aufleuchtet, so zeigt diese Roman-Miniatur, wie reich an Farbnuancen eine Grisaille sein kann. Wie dort, so zieht auch hier die Eisenbahn schon von Beginn an auffällig-unauffällig ihre todbringende Spur. Doch während Anna Karenina, die aus allen weltlichen und metaphysischen Ordnungen Gefallene, am Ende auf den Schienen zerfetzt wird, rast die Eisenbahn hier, gut ein Jahrzehnt später, nur noch dicht am Geschehen vorbei. Katinka stirbt im Sessel im Bahnwärterhaus, an einer Erschöpfung, die ganz individualpsychologisch begründet ist und in der doch zugleich diejenige eines ganzen Zeitalters zu spüren ist. Katinkas Ende ist ein fin de siècle.

Wo es einmal ein Schicksal gegeben haben mochte, im angemessen großen Format des tausendseitigen Gesellschaftspanoramas, da bleibt hier der Roman einer Schicksallosen, im kleinsten Maßstab. Am Ende, wenn Katinka begraben und draußen der letzte Zug in der Dunkelheit verschwunden ist, dann wird es "still in der dunklen Stube". Dann folgt, wie ein kurzes Pausenzeichen, einer dieser bangschen Absätze und dann der lakonische letzte Satz: "Der Altpastor schlummerte ein wenig mit gefalteten Händen."

Gerade in dieser Knappheit hat Bangs Endspiel eine neue Generation von Erzählern entzückt - den Rilke des "Malte Laurids Brigge" ebenso wie Thomas Mann, der lebenslang seine Bewunderung für den "teuren, traurigen Namen Herman Bangs" bekannt hat, für sein "schmerzliches Werk", dem er sich "tief verwandt" fühle. Von Bang, so bekannte er noch kurz vor seinem Tod, habe er "alles gelesen und viel gelernt". Gelesen hat er sie in der Übersetzung von Emil Jonas; und wer sie heute wieder liest, mag sich an deren sprachlicher Patina erfreuen. Dennoch oder gerade deshalb ist der Versuch Ingeborg und Aldo Keels zu loben, Bangs Dänisch in ein unaufdringliches heutiges Deutsch zu bringen.

Gewiss, für jede Übersetzung erweist sich die gewissermaßen habituelle Ironie der dänischen Umgangssprache als ein kaum zu überwindendes Problem, nicht anders als die Stilnuancen zwischen lyrischer Prosa und zeitgenössischem Jargon. Beides ist hier einfühlsam gelungen. Nicht zuletzt bieten die Manesse-Bände das ideale Format für Bangs impressionistisches Kammerspiel. Wer es nicht kennt, sollte dieses Buch kaufen, lesen und wieder lesen. Es ist der schönste dänische Roman.

- Herman Bang: "Am Weg". Roman. Aus dem Dänischen übersetzt von Ingeborg und Aldo Keel. Mit einem Nachwort von Aldo Keel. Manesse Verlag, Zürich 2006. 288 S., geb., 17,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.02.2007, Nr. 41 / Seite Z5
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