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Vladimir Vertlib: Schimons Schweigen : Gott ist ein Fall für den Staatsanwalt

  • -Aktualisiert am

Frontlinien durch sämtliche Lager: Eine Straßenszene in Jerusalem Bild: Sueddeutsche Zeitung Photo/SZ Ph

Vladimir Vertlib hat ein tragikomisches Buch über seine zweite Heimat Israel geschrieben. Es erzählt von den Zerreißproben im Leben eines Kosmopoliten wider Willen.

          Zwischen der Küste und den kargen Hügeln liegt ein schmaler, zersiedelter Streifen ... nicht viel breiter als die Stadt Wien im Durchmesser ... Ein jüdischer Witz mitten im Nahen Osten. Ein Witz allerdings, dem die Pointe fehlt.“ Derart bitter sinniert der österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib im Anflug auf Israel, das ihm nicht Heimat, aber auch nicht ganz Fremde ist. Als Fünfjähriger war er 1971 mit den Eltern aus dem damaligen Leningrad ins Land seiner Vorfahren eingewandert. Für den Vater, der in der Sowjetunion gegen den allgegenwärtigen Antisemitismus gekämpft hatte, wandelte sich der Staat der Juden zur idealisierten Projektionsfläche im Dissidentendasein, die der Realität nicht standhielt. Schon ein Jahr später verließ die Familie das Land wieder, um nach einer Jahre währenden Odyssee über Amerika, wo sie illegal lebte, die Niederlande, Italien und nochmals Israel ausgerechnet im Wien der Waldheim-Affäre zu landen, wo aus dem Sohn zunächst ein Volkswirt und dann ein deutschsprachiger Schriftsteller wurde, der nun, gesponsert von österreichischen Kulturbehörden, auf Lesereise im Gelobten Land unterwegs ist.

          In seinem neuen, vielleicht bisher besten Buch macht Vladimir Vertlib die oft tragikomischen Zerreißproben im Leben eines Kosmopoliten wider Willen nacherlebbar und führt uns auf beschämende Weise die Absurdität jener Identitäts- und Herkunftsdebatten vor Augen, die heute zuweilen wieder bedrohliche Formen annehmen. Über Zugehörigkeit, das wird deutlich, entscheiden die anderen, und das ist leider in Jerusalem nicht anders als in Wien. Für den Migranten, den Fremden, sind die gefühlsduseligen „Wo komme ich her, wo gehöre ich hin“-Fragen ein Luxus, den er sich im täglichen Überlebenskampf nur selten leisten kann.

          Empfang mit Gasmasken

          In verschiedenen Erzählsträngen, die das heutige Israel mit dem Wien des Jahres 1986 verbinden, spürt Vertlib den Virus des Ethnozentrismus und Antisemitismus auf und zeigt seine perfiden Ausbrüche, mal dezent kaschiert unter der Decke gutbürgerlicher Gediegenheit, mal vehement herausbrechend wie bei der Diskussion um die verweigerte Rückzahlung einer Wohnungskaution. Damals schrie der Makler die längst eingebürgerten Zuwanderer an: „Welchen Pass ihr habt’s, ist doch völlig wurscht, ihr bleibts immer, was ihr seids.“ In Israel verlaufen die Frontlinien längst durch alle Lager, nicht nur zwischen Palästinensern und Juden, wiewohl beide im Alltag zumeist gut nebeneinanderleben, sondern auch zwischen den Juden, den säkularen und den orthodoxen, denen aus Äthiopien, Marokko oder dem Jemen und den weitläufigen Verwandten von Leo Tolstoi, die es, weil der Großonkel vor fast hundert Jahren eine Jüdin aus dem Schtetl geheiratet hat, schließlich in die Neubausiedlung einer israelischen Großstadt verschlug, wo die einstige Ingenieurin heute als Altenpflegerin für einen Hungerlohn arbeitet.

          Dass Tolstois Nachfahren in Israel gelandet sind und nicht in Deutschland oder in Amerika, ist überdies einem historischen Verkehrsunfall geschuldet, denn Deutschland hatte seine Pforten für sowjetische Juden noch nicht geöffnet, während das Land der unbegrenzten Möglichkeiten seine bereits geschlossen hatte. Es blieb nur Israel, das die neuen Zuwanderer im damaligen Golfkrieg mit Gasmasken empfing. Vertlibs Zustandsbeschreibung der israelischen Gesellschaft ist bei aller kritischen Schonungslosigkeit eine Hommage an die Zuwanderer, für die Gott zuweilen „ein Fall für den Staatsanwalt“ ist und die sich in der rauhen Wirklichkeit Israels nicht unterkriegen lassen. Was man im Kommunismus gelernt hat, kann im Kapitalismus nicht schaden: Sich nicht unterkriegen lassen, nicht mit dem Schicksal hadern, sonst ist man bald tot.

          Vater-, Mutter, Tantenland

          Neben den Begegnungen mit Verwandten und Freunden und den obligatorischen Lesungen ist der Ich-Erzähler noch einer alten Geschichte auf der Spur, dem Bruch zwischen seinem Vater und dessen altem Freund Schimon aus Dissidententagen. Es geht darin um die Abkehr vom zionistischen Traum, um die Idee einer Rückkehr in die Sowjetunion, um eine antiisraelische Schmähschrift, die der Vater in Wien verfasst hatte, um Folter und GULag und letztlich um die nicht zu klärende Frage, was Menschen in Momenten der Verzweiflung dazu bringt, Dinge zu tun, die sie schon bald bitter bereuen.

          Am Ende geht es in diesem klugen Buch, das man nur bedingt als Roman lesen kann, um die Lasten und die erlernten Tugenden der Heimatlosigkeit und darum, was Heimat denn eigentlich sein soll. Ein Vaterland, ein Mutterland, warum nicht auch mal ein Tantenland, vor allem aber eines, in dem es selbstverständlich ist, bestimmte Dinge nicht erklären zu müssen. Manchmal ist Schweigen die bessere Wahl.

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