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Vladimir Nabokov: Das Modell für Laura : Als ausgeladener Gast bei einem Begräbnis

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Ein Manuskript im Raupenstadium: Gegen den schriftlich erklärten Willen seines Vaters, der das Manuskript des „Modells für Laura“ ungelesen verbrannt sehen wollte, hat Dmitri Nabokov es jetzt herausgebracht - ein Bärendienst für Vater und Leser.

          Es ist immer erfreulich, wenn ein großer Schriftsteller stirbt. Lebt er noch, kann er sich wehren: gegen Biographen, die noch den schwülsten Unsinn über ihn in Umlauf setzen, und gegen Erben, die selbst das wortkargste Brieflein aus der Dachkammer fernster Verwandter versteigern wollen.

          Vladimir Nabokov, gerade in Fragen des Nachlebens in dieser wie einer anderen Welt Experte, war sich solchen Kulturvandalismus bitter bewusst und verkehrte mit seinem ersten Biographen Andrew Field nur über Anwälte, da der ihm drohte, seine von vulgären Irrtümern durchflachste Vita unter dem Titel „Er nannte seine Mutter Lolita“ unter die Leute zu bringen und dabei auch um Nabokovs etwaige Kleinmädchenträume nicht verlegen zu sein. Bereits für seinen vorletzten, 1974 vollendeten Roman „Sieh doch die Harlekine!“ hatte Nabokov testamentarisch verfügt, ihn „ausdrücklich ungelesen“ zu verbrennen, sollte er ihn nicht mehr zur Druckreife bringen können, und ebenso inquisitorisch erbarmungslos sah er den Flammentod für „The Original of Laura“ vor.

          Ein Sammelsurium von Entwurfsfragmenten

          Kein Wunder: „Das Modell für Laura“ ist nicht einmal das vom Verlag und den Nabokov umhimmelnden Internetforen annoncierte „Romanfragment“ wie der „Edwin Drood“ von Charles Dickens, der zur Hälfte bereits erschienen war, als Dickens starb, oder wie Roberto Bolaños Roman „2666“, das nur der bändigenden Überarbeitung harren oder dem lediglich der letzte Bleistiftschliff fehlen würde. Ein Sammelsurium von Entwurfsfragmenten, denen der plotoffenbarende Mittelteil fehlt, breitet sich „Das Modell für Laura“ vor dem Leser aus wie ein kalligraphisch verzaubernder, labyrinthisch verwilderter Garten ohne Pavillon im Zentrum; und nur Nabokov selbst hätte Ordnung in das Kartenchaos bringen können, wodurch eine Edition der „Laura“ zumindest philologisch gerechtfertigt wäre.

          Für einen Autor aber, der seine Repliken in Talkshows von Karteikarten ablas, sich Fragen zu Interviews vorab zusenden ließ und diese dann schriftlich mit einem derart bengalischen Feuerwerk an Aperçus, ästhetischen Maximen und hintersinnigen Bannflüchen gegen nobelpreisgekrönte Kollegen und den „Wiener Schamanen“ Sigmund „Sig Heiler“ Freud beantwortete, dass sie als die legendären „Deutlichen Worte“ ein Hauptwerk für sich geworden sind – für einen so vollkommenheitsversessenen Autor musste die öffentliche Zurschaustellung eines Fragmentkadavers, wie „Das Modell für Laura“ eines ist, ein Albtraum sein.

          Karteikarten, unsicher in einem Schweizer Banksafe

          Nun ist Nabokovs Albtraum Wirklichkeit geworden. Während seine Statur als Schriftsteller in den vergangenen drei Jahrzehnten mythische Ausmaße angenommen hat, mussten sich die 138 Karteikarten der „Laura“ in einem Schweizer Banksafe mit jedem Tag unsicherer fühlen. Dass sein Sohn Dmitri ihre Veröffentlichung plante, war bereits seit seinem Interview mit Martin Amis 1981 kein Geheimnis: Unter jenen, die sich schon immer mehr für erotische Eskapaden eines Autors als für seine Werke interessieren, ging die Mutmaßung um, Nabokov der Jüngere hielte sie nur zurück, da zu befürchten stand, Nabokov dem Älteren drohe nach all den „Nymphchen“ in seinem Werk, den Lolitas und Lucettes, mit dem gefügig-zerbrechlichen Körperbau der Laura, ihren „tassengroßen Brüsten“, „schmalen Pobacken“ und „beweglichen Schulterblättern eines Kindes“ die Aufnahme in die Weltliteratur-Loge vertrackt bisexueller Pädophiler wie Thomas Mann, Lewis Carroll und Edgar Allan Poe. In Wahrheit aber behinderte den Sohn von Rechts wegen die Letztverfügung des Vaters – auch wenn er dieses Karteikartengespenst geschickt als Druckmittel dienstbar zu machen wusste.

          So als der Essayist Michael Maar die skandalfähige Vermutung publik machte, Nabokov könnte für seine Lolita von der gleichnamigen Erzählung eines bis dahin völlig unbekannten Heinz von Lichberg angeregt worden sein. Die Freikirche der Nabokovianer witterte eine Schändung des Originalgenies, und ihr Oberhaupt konterte mit einem Gegenskandal: Er werde die Laura nun wirklich verbrennen. Ein Orkan der Entrüstung fegte durchs Internet, in dem von Kafkas Erlass an Max Brod die Rede war, als stünde die Vernichtung des Nabokovschen Gesamtwerks bevor, und aufs Nimmerwiederlesen war damit Maars eminente Entdeckung ins Abseits gedrängt. Nicht weil Nabokov junior, wie er in seiner Einleitung zur „Laura“ wähnt, vom väterlichen Geist aus dem Jenseits zur Publikation gedrängt worden und eben „ein netter Kerl“ sei, sondern da er mit der literaturpolitischen Verzweckung der „Laura“ dem Edikt seines Vaters einmal mehr zuwidergehandelt hatte, gab es für ihn jetzt kein Zurück. Das schlechte Gewissen jedoch blieb.

          Uneingestandene Ratlosigkeit der Edition

          Und das merkt man der „Laura“-Edition denn auch an: Während bei anderen Jahrhundertautoren wie Thomas Mann Anmerkungsapparate, Nachworte, Personen- und Figurenverzeichnisse mitgeliefert werden, die den kommentierten Text verständnissicher ummauern wie eine Festung, auf dass der Leser am Schluss zumindest weiß, was der Autor im Sinn gehabt haben mag, gleicht die wissenschaftliche Aufrüstung der „Laura“ einem Palisadenzaun, den niederzureißen ein Long John Silver vor lauter Selbstachtung sich zu schade wäre. Alles ist aus uneingestandener Ratlosigkeit aufs vermeintlich Nötigste verkürzt. Nach einem ruhmseligen Vorwort Dmitri Nabokovs voller Invektiven gegen die „auf jeden saftigen Knüller scharfe Presse“ und all jene, die seine eigenen Knüllerstrategien einst kritisch kommentieren, finden sich links Nabokovs Karten in Faksimile und rechts die deutsche Übersetzung; die Anmerkungen zum Text halten sich an eine wundersam unphilologische Diät, und Dieter E. Zimmer, der leidenschaftlichste Nabokov-Kenner weltweit, klaubt sich im Nachwort den etwaigen Plot der „Laura“ so unübersichtlich zusammen, dass man gewiss sein kann: Ihm jedenfalls hat der Schatten Nabokovs aus dem Jenseits nicht über die Schulter geschaut.

          Noch die eifrigsten Bewunderer Nabokovs fühlen sich bei der Lektüre selbst seiner vollendeten Werke bisweilen so, als hätten sie das Puzzle eines teuflischen Spieldesigners zusammenzusetzen. Hier aber fehlen zu viele Stücke, als dass sich das Puzzle je zu einem Ganzen fügte: Die notorisch untreue Gattin Flora des weltberühmten Neuropsychologen Philip Wild ist zum Modell für einen Schlüsselroman geworden, „Meine Laura“, der in Umkehrung der „Dorian Gray“-Konstellation Oscar Wildes nicht das Porträt, sondern das Original durch dessen Porträtierung zu zerstören sucht; der daseinserschöpfte Wild arbeitet im Geheimen an einem Werk, in dem er hochwissenschaftlich expliziert, wie man sich vor schierem Selbstekel kraft seines Gehirns selbst auslöschen kann, bis ihm ein Dr. Aupert offenbart, er sei an Prostatakrebs erkrankt. Wer die „Laura“ danach absucht, ob Nabokov nun tatsächlich von knabenhaften Mädchen besessen war, wird sich enttäuscht weiterhin an seine „Lolita“ halten müssen, sollte sich allerdings an die Sentenz Nabokovs erinnern, in jedem seiner Werke begehre der Mensch Nabokov empört gegen den Romancier in ihm auf. Nur bei Shakespeare dürfte die Gabe theatralischer Selbstverwandlung ausgeprägter gewesen sein.

          Schon das Schreiben einer Postkarte konnte Stunden dauern

          Ein Schriftsteller arbeitet, selbst wenn er schläft oder stirbt, und auf keinen Autor trifft dieses Prinzip Bolaños so ohne Wenn und Aber zu wie auf Nabokov. Schon als er mit „Lolita“ Anfang der fünfziger Jahre auf der Höhe seiner Leistungskraft gewesen war, hatte er für eine Postkarte Stunden brauchen können, und so wuchsen die Qualen, die er bei der Komposition der „Laura“ empfand, oft über das Amüsement hinaus, das der ekstatischen Mühsal des Schreibens stets beigemengt war: Zuletzt träumte er an seinem Roman nurmehr im Delirium fort und las ihn in Gedanken einem kleinen Geisterpublikum im Garten seines Krankenhauses vor – zu unerträglich geworden war die körperliche Anstrengung, noch etwas davon niederzuschreiben, und im Sommer 1977 stand sein großes Herz gleich seinem halbimaginären Manuskript plötzlich still.

          Einst hatte er als eine Gottheit seines Romanuniversums todgeweihte Gestalten retten können, in „Einladung zur Enthauptung“, im „Bastardzeichen“ und in den „Durchsichtigen Dingen“, indem er die selbstgezimmerten Kulissen einstürzen und seine Schöpfungen in ein Geisterreich eintreten ließ. Nun ging es um ihn selber, und er vermochte dem Verlangen, zu schreiben, um nicht zu sterben, nicht mehr zu genügen. Dass er sich in der „Laura“ letztmalig über das „This is it“ des eigenen Sterbenmüssens erhebt, indem er sich lustig darüber macht – der ursprüngliche Arbeitstitel der „Laura“ war „Sterben macht Spaß“ –, ist Nabokovs postumer Triumph: Mit pseudoneurologisch verbrämter Phantastik ersinnt er eine Figur, die sich ihre quälenden Extremitäten von den Füßen aufwärts „mit masturbatorischer Lust“ selber wegwünschen kann, um sich vor der Geheimpolizei des Todes in Sicherheit zu bringen. In solchen Passagen findet sich noch einmal Nabokovs unirdisch blendende Pracht, in der alle Erdenschwere überwunden scheint und die jenes paradiesische Leseglück kurz aufleuchten lässt, das sein gesamtes Universum zu schenken verspricht.

          Ein Manuskript im Raupenstadium

          Warum überhaupt noch schreiben, da es bereits einen Nabokov gegeben hat? Schon zu Lebzeiten war er der am empfindlichsten beneidete Romancier der Welt. John Cheever begrübelte ihn in Sorge um seine Selbstachtung Satz um Satz; Richard Yates lehrte seine Studenten, man nehme Nabokov bloß zum Vergnügen zur Hand – von ihm war nichts zu lernen, da es nur einen gab, der solche Welten erschaffen konnte wie Nabokov: nämlich Nabokov. Joyce Carol Oates hörte irgendwann auf, ihn zu lesen, weil sie befand, er vertreibe aus dem Universum alles, was nicht Nabokov sei; und die britische Romancière Zadie Smith schreibt überhaupt keine Romane mehr – denn welcher ihrer Sätze hielte diesem Einmanntribunal Nabokov noch stand? Mehr als lediglich ihren ganzen Whiskyvorrat hätten Cheever und Yates verschenkt dafür, so wie wir das Manuskript des Maestro einmal im Raupenstadium vor sich zu haben und ihm in die nach Formulierungen tastenden Karteikarten blicken zu können. Nabokov indes, der an ein Jenseits so innig glaubte, dass es jedes seiner Werke wie ein Wasserzeichen prägt, grämt sich in jener Welt hinter dem Zypressenvorhang. Selten hat es in der Geschichte der Literatur eine tragischere Lektüre gegeben als die eines Werks, das zu lesen der Schmach gleichkommt, einem Begräbnis beizuwohnen als ausgeladener Gast.

          Doch vielleicht hilft es Zadie Smith, ihre Schreiblähmung zu überwinden, wenn sie das Modell für ein vollendetes Meisterwerk zu Gesicht bekommt: Auch das monumentale Monster an Brillanz mit Namen Nabokov hat noch bei jedem seiner Werke von neuem fötal klein anfangen müssen. Möge er sein Licht auf jeden Roman werfen, den sie wieder zu schreiben wagt. Das wäre post mortem Nabokovs größter Triumph.

          Vladimir Nabokov: „Das Modell für Laura“ (Sterben macht Spaß). Romanfragment auf 138 Karteikarten. Herausgegeben von Dmitri Nabokov. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009. 318 S., geb., 19,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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