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Vladimir Nabokov: Ada oder Das Verlangen : Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

„Ada oder Das Verlangen“ ist überladen, hektisch, schräg und eigentlich kaum zumutbar. Doch dann leuchtet auch aus diesem kostbar edierten Roman Vladimir Nabokovs das luziferische Licht.

          Kein Romancier des vergangenen Jahrhunderts scheint Gott derart nahe gekommen zu sein wie Vladimir Nabokov: So unglaubwürdig groß war seine Schöpferkraft, so diamanten, komisch und überraschungstoll sein Stil, so unerfindlich jedes Detail, das er ersann, und unerhört dabei jede Metapher, so thrillerstark seine Plots und lebendig sein Personal, dass die Kollegenschaft, von Martin Amis bis Mario Vargas Llosa, sich vor ihm fast sprachlos verneigte. Und sie war darin nicht allein.

          Denn als Nabokov höchstselbst nach seinem Standort in der Literaturlandschaft gefragt wurde, erwiderte er, er hätte eine „fabelhafte Aussicht von hier oben“; und was er als eine Art Dozent für Angewandte Infamie in seinem Band „Deutliche Worte“ an Exkommunikationen übriger Autoren vom Stapel ließ, hatte immer etwas von Jehovas Alleinanspruchsgetöse aus dem brennenden Dornbusch im Alten Testament: „Ich bin der ich bin - habt also gefälligst keine anderen Schriftsteller neben mir.“ Aber sogar solch himmelschreiende Vermessenheit sah man ihm gerne nach. Denn nur bei ihm war das im Grunde Undenkbare Literatur geworden.

          Dem Tod ist jede Gewalt geraubt

          Hazel Shade im „Fahlen Feuer“ oder die „Schwestern Vane“ - gütige Gespenster gaben Klopfzeichen von jener anderen Seite hinter der Spiegelwand, an die noch jene glauben, die behaupten, sie glaubten nicht mehr an sie. In Nabokovs Welt war der Tod jeder Gewalt beraubt: Ihn hatte er zum bloßen literarischen Kunstgriff eines überirdischen Wesens erklärt, als dessen Bauchredner er auf seiner Romanbühne ganz offen selbst fungierte. Nabokov zu lesen bedeutete immer, noch das Herz des Eichhörnchens durch den Kosmos schlagen zu hören, weder einsam noch ein Fremder und jeder Schwermut wie durch Zauberhand enthoben zu sein.

          „Nabokov“ - das hieß, ein Zuhause zu haben in jenem still verborgenen Garten, den er aus der Erinnerung an die Kindheitssommer auf dem Landsitz Wyra immer wieder zum Leuchten brachte: als das Luxushotel Mirana in „Lolita“, das Königreich Zembla im „Fahlen Feuer“ und zuletzt als Ardis Hall in „Ada“, des siebzigjährigen Nabokov letztem Opus Maximum. Im Hotelgarten des Montreux Palace, in dem er als Dauergast logierte, nutzte er um 1967 „Ada“ für alles Träumen über das ihm entrissene Wyra, das sein Eden gewesen war. Dort, hatte er erfahren, würde niemand jemals zum Sterben verurteilt sein.

          Immer ein bißchen über dem eigenen Niveau

          Schlug man seinen Nabokov auf, las man zwar meist ein bisschen über dem eigenen Niveau, amüsierte sich jedoch trotzdem prächtig dabei: Nabokovs Shakespeare-Größe ermaß sich auch daran, dass er in den Kanon der sprachakrobatischen Modernisten wie Joyce, Musil, Virginia Woolf nie einzubürgern war, die über der Form die Handlung verzichtbar erscheinen ließen, bis das Werk nicht genossen, sondern dechiffriert werden wollte wie ein von abgrundbösen Geheimagenten ersonnener Code, der für niemanden mehr bestimmt zu sein schien.

          Nabokov indes hielt stets die Balance. Nie ging er von einer Situation oder gar einer These aus, um sie dann von Figuren verkörpern zu lassen: Allmorgendlich spann er in der Badewanne gedanklich an seinen wechselvollen Plots und Gestalten fort, bis das Werk im Ganzen glücklich in seinem Kopf vollendet war und er es sich, von einer Wortbrücke zur nächsten, auf Karteikarten mit radiergummibewehrtem Bleistift erschrieb.

          „Ada“ ist kein Meisterwerk

          So kam es, wie John Updike einst sagte, dass Nabokov das Paradies brachte, wo auch immer er sich niederließ: Noch jeden Band der von Dieter E. Zimmer international unerreicht edierten „Gesammelten Werke“ haben Nabokov-Süchtige mit der trocken brennenden Kehle von Weinliebhabern erwartet, die selbst den teuflischsten Kater nicht scheuen - und um wie viel mehr jenen einen Roman, „Ada“, der nach dem „Sebastian Knight“, „Lolita“, „Pnin“ und dem „Fahlen Feuer“ als Nabokovs fünftes und ultimatives Meisterwerk gilt.

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