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Viktor Pelewins Roman „Snuff“ : Dialektik des Draufgängertums

  • -Aktualisiert am

Viktor Pelewin, 1962 in Moskau geboren, entwirft in seinem Roman eine brutalistische Zukunft. Bild: Laif

Viktor Pelewins postapokalyptische Satire „Snuff“ enthält Bezüge zur aktuellen Lage in Russland, Minderwertigkeitskomplexe, Imponiergehabe und Gewalt. Daneben arbeitet er sich am Spätkapitalismus ab. Doch funktioniert das?

          Eigentlich klingt es nach einer guten Geschichte: Die Welt liegt in Trümmern; die Apokalypse war hereingebrochen; die Lebewesen der Zukunft sind aufgeteilt in Reiche und Schöne (sogenannte Menschen) und Arme und Besitzlose (sogenannte Orks). Als Unterhaltung fungieren pornographisch inszenierte Kriege, die sich zwischen beiden Welten regelmäßig abspielen, ohne Hoffnung darauf, dass sich an der ungerechten Aufteilung grundsätzlich etwas ändern würde. Politik ist zum totalen Kriegsschauplatz verkommen, um die Betrachter bei Laune zu halten.

          Das ist das Szenario des russischen Autors Viktor Pelewin in seinem neu übersetzten, in Russland 2012 erschienenen Roman „Snuff“. Angekündigt ist das Werk als Kommentar zur Ukraine-Krise, auch wenn bei näherem Hinsehen die Urkaine (sic!) als Abstellgleis der Abgehängten nur am Rande eine Rolle spielt. Pelewin, 1962 in Moskau geboren, arbeitet sich in seiner postapokalyptischen Satire vielmehr am Spätkapitalismus ab, der in seiner perfiden, in die Zukunft hineinverlagerten Brutalität keinen Unterschied mehr macht zwischen Ost und West, Russland und Amerika, sondern nur noch zwischen Privilegierten und Versklavten (wobei auch hier der Unterschied ein künstlicher ist).

          Viktor Pelewin: „Snuff“

          In diesem Buch sind die agierenden Figuren allesamt schlecht. Ist das ein Kommentar zu den Scharmützeln zwischen Putin und dem Rest der Welt? Eher nicht. Vielmehr kann man das Buch als eine indirekte Auseinandersetzung mit dem Arabischen Frühling lesen, der 2011 dem Autor verständlich gemacht hat, dass der Kapitalismus bei der Gleichschaltung der Märkte und der Liberalisierung von neuem Territorium kulturelle Unterschiede sträflich missachtet und sich dadurch, als letzte Konsequenz, selbst gefährdet. Der Westen zahlt jetzt beispielhaft den Preis: Länder wie Ägypten oder Syrien verwandeln sich in religiöse Bollwerke, was zu unkontrollierbaren Kriegen, Konflikten und Flüchtlingsströmen führt, die wiederum den Fortbestand des säkularen Westens unfreiwillig aufs Spiel setzen. Diese Dialektik des Draufgängertums bestimmt auch die Dystopie im Roman.

          Durchtechnologisierte Illusion im Kraftakt des Begehrens

          Dem Werk ließen sich einige scharfsinnige Beobachtungen abgewinnen, wenn es nicht so überladen wäre. Die einzelnen Beschreibungen der perversen Zukunft lesen sich unterhaltend und sogar erhellend – wie etwa der Umstand, dass Partnerschaften vor allem mit elektronischen Puppen aufrechterhalten werden, die man sich teuer erkaufen muss. (Freilich ein Sujet, das bereits in Filmen wie „Her“ breit und intelligent verarbeitet wurde.) Ärgerlich ist nun aber die Tatsache, dass beim Lesen keine rechte Sympathie für die Figuren aufkommen will: Der Protagonist, ein Kampfjet-Pilot, der Aufnahmen von den Kriegsschauplätzen macht, gibt Einblick in die Verrohung der Gesellschaft in halbgaren Sentenzen, die ohne viel Sprachkraft als lose Ansammlungen daherkommen. Dadurch wirkt die Lektüre stellenweise mühsam. Die vielen witzigen, aber nicht immer leicht zu durchschauenden Anspielungen können die fehlende Handlung nicht wettmachen, auch wenn die Leistung des Übersetzers und Leiters des Tweeback Verlags, Heinrich Siemens, größte Anerkennung verdient.

          Das Buch lebt von kuriosen Einfällen und Beschreibungen wie etwa der Lage in Big Byz, dieser scheinbar besseren Welthälfte, in der luxuriöse Wohnplätze allein dadurch aufgewertet werden, dass sie den Blick auf die hässliche, apokalyptische Landschaft durch digitale Projektionen aus der Vergangenheit verdecken. Diese Illusion muss man sich erst einmal leisten. In dieser abgewrackten, zynischen Fiktion hat sich der Kapitalismus selbst abgeschafft – er existiert nur noch als durchtechnologisierte Illusion im Kraftakt des Begehrens. Das ist zwar stellenweise interessant, aber als alleinige Erkenntnis auf fast fünfhundert Seiten dann doch zu wenig.

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