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: Verzweiflung als Prophylaxe

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Ohne Urknall, Kontinentaldrift und San-Andreas-Graben wäre das alles nicht passiert. Dann hätte es 1996 in Kalifornien kein Erdbeben gegeben. Ohne Erdbeben hätte der Transporter der Bäckerei in Marina del Rey kein Leck in der Ölwanne bekommen. Der Fitneßtrainer mit dem schicksalhaften Spitznamen ...

          Ohne Urknall, Kontinentaldrift und San-Andreas-Graben wäre das alles nicht passiert. Dann hätte es 1996 in Kalifornien kein Erdbeben gegeben. Ohne Erdbeben hätte der Transporter der Bäckerei in Marina del Rey kein Leck in der Ölwanne bekommen. Der Fitneßtrainer mit dem schicksalhaften Spitznamen "God" wäre nicht mit dem Motorrad auf der Ölspur weggerutscht, und seine Begleiterin Mirjam, Tochter des Hollywood-Drehbuchautors Joop Koopman, wäre nicht tödlich verunglückt.

          In seinem Roman "Malibu" zieht Leon de Winter alle Register der Kausalforschung, um zunächst eine persönliche Tragödie, dann einen Politthriller auf der Höhe des Weltgeschehens in Gang zu setzen. George W. Bush, Saddam Hussein, ein arabischer Terrorist und ein israelischer Geheimdienstmann erhalten darin ihre Auftritte, denn auch deren hektisches Agieren ist eine unvermeidliche Folge des Urknalls. Für Joop Koopman aber, verstrickt in die unterschiedlichsten Interessen, die er nicht durchschaut, ist das alles uninteressant. Er trauert um seine über alles geliebte Tochter. Diese Emotionen - Liebe und Trauer - stehen im Mittelpunkt seines Universums, das nach Mirjams Tod zum Stillstand gekommen zu sein scheint. Nur "God", ein hünenhafter Schwarzer, drängt sich in seine Nähe und will von Stund an nur noch Joops Diener sein, um so seine Schuld zu tragen.

          Joop Koopman, als Lohnschreiber der Filmindustrie mäßig erfolgreich, ist eine Art Alter ego des Autors. Er ist Jude, ohne religiös zu sein, ein Zweifler, der an nichts glaubt, was sich nicht auch wissenschaftlich beweisen ließe. Der Schicksalsschlag, den er zu erleiden hat, ist so unerträglich, weil er sinnlos ist. Auf der Suche nach einer Erklärung findet er nichts als die eigene Schuld: Am Morgen des Unfalls hatte Joop seine Tochter im Bad beobachtet, ihre Schönheit bewundert und sein sexuelles Begehren nur mühsam unterdrücken können. Mirjam wurde an diesem Tag siebzehn. Die Küsse, die gewechselt werden, sind so züchtig und verhalten, wie es sich zwischen Vater und Tochter gehört, doch die inzestuöse Bedrohung ist als Irritation spürbar, bevor Mirjam zum letzten Mal das Haus verläßt. Stunden später sitzt Joop im Krankenhaus neben ihrem Körper, der nur noch von Maschinen am Leben gehalten wird. In seiner Verstörung willigt er ein, ihr Herz für eine Transplantation freizugeben. Erst Wochen später beginnt er, über diese Entscheidung nachzudenken und sich zu fragen, ob er ein Recht dazu hatte. Nun will er herausbekommen, in welchem Körper das Herz seiner Tochter weiterschlägt. Ist nicht das Herz der Sitz der Seele? Kann es sein, daß mit dem Herzen auch Charaktereigenschaften transplantiert werden?

          Joops Verunsicherung wächst, als seine Jugendliebe Linda plötzlich vor der Tür steht, was seinen Rationalismus auf eine weitere, ernste Probe stellt. Linda wird von einem buddhistischen Mönch begleitet, ist aber immer noch ziemlich sexy. Im Bett klappt es jedenfalls erneut hervorragend, auch wenn Lindas Reinkarnationsthesen nerven. Der Mönch nämlich behauptet, mit Erinnerungen von Joops in Auschwitz ermordetem Großvater ausgestattet zu sein, ja er sei der wiedergeborene Großvater höchstpersönlich. Am Ende stellt er sich allerdings als Betrüger heraus, Linda als seine Komplizin, und die reinkarnierten Erinnerungen zielen bloß auf den Zugang zu einem Nummernkonto in der Schweiz.

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