12.06.2006 · Zwei Bände zum Werk des scheuen Lyrikers Thomas Kling
Thomas Klings Gedichte sind eine Herausforderung. Allein graphisch vereiteln sie durch ihre Loslösung von der herkömmlichen Orthographie eine rasche Lektüre, und auch inhaltlich legen sie der Rezeption manche Barriere in den Weg. Ein Sammelband von Hubert Winkels bemüht sich nun, ordnende Schneisen durch das lyrische Stimmengewirr zu schlagen, ein Band, der entgegen der ursprünglichen Intention einer Freundesgabe zur Totengabe für den im letzten Jahr verstorbenen Dichter geworden ist.
Biographische Aufschlüsse über den notorisch öffentlichkeitsscheuen Kling liefert Winkels kaum. Gestreift werden sein Verwurzeltsein am Niederrhein, seine Wiener Erfahrungen, seine Niederlassung auf der Raketenstation Hombroich in der Nähe von Neuss oder seine Zusammenarbeit mit der Bildkünstlerin Ute Langanky, die er 2001 geheiratet hat. Aber zuvorderst geht es doch um eine Erschließung seines Werks, die vom Aufzeigen literarischer Traditionslinien über die Diagnose werkgeschichtlicher Entwicklungen bis zur minutiösen Einzelanalyse reicht.
Ein "Anti-Subjektivist" tritt uns entgegen, der "im Zorn auf die subjektivistische Befindlichkeitslyrik der siebziger Jahre" geboren wurde, ein "Sprech-Steller", der beharrlich die Grenze von Oralität und Schriftlichkeit auslotet und für den der Klang im Zweifelsfall wichtiger ist als hermeneutische Tiefe. Aber auch ein ebenso form- wie traditionsbewußter Dichter, dessen literarische Vorlieben dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, dem Barock mit seiner rhetorischen Experimentierfreude und überbordenden Metaphorik, dem Expressionismus und Dadaismus schließlich gelten und der sich in seinen Texten dieser Tradition durch eine "Verkoppelung von Entlegenem und Eigenem" bedient.
Ein Verzeichnis der selbständigen Publikationen Klings rundet den mit zahlreichen Porträtphotos ausgestatteten Band ab, nur einen Hinweis auf Entstehungszeit und Erstdruck der verschiedenen, sich teilweise überschneidenden Beiträge vermißt man. Wer nach so viel Exegese Lust auf das Original hat, wird mit den von Marcel Beyer und Christian Döring herausgegebenen "Gesammelten Gedichten" Klings bestens bedient, die "eine erste Sicherung des zwischen 1981 und 2005 entstandenen dichterischen Werkes" unternehmen, nur die vom Autor selbst verworfenen früheren Gedichte bleiben außen vor. Bis zum Erscheinen einer kritischen beziehungsweise kommentierten Ausgabe dürfte diese chronologisch geordnete, durch Register erschlossene Gedichtsammlung die Standardleseausgabe der Klingschen Lyrik sein.
THOMAS MEISSNER
Hubert Winkels: "Der Stimmen Ordnung". Über Thomas Kling. Verlag DuMont, Köln 2005. 128 S., geb., 19,90 [Euro].
Thomas Kling: "Gesammelte Gedichte 1981-2005". Herausgegeben von Marcel Beyer und Christian Döring. Verlag DuMont, Köln 2006. 976 S., geb., 68,- [Euro].