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Samstag, 18. Februar 2012
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Verena Auffermann u.a.: Leidenschaften Ohne zu wissen, was ich anhatte, kann ich mich nicht erinnern

18.12.2009 ·  Radikal und inspiriert: Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter porträtieren ihre neunundneunzig Lieblingsschriftstellerinnen - und damit die Lebens- und Überlebenskünstlerinnen der Weltliteratur.

Von Ingeborg Harms
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Künstlerromane haben ihren besonderen Reiz, weil es bei den Krisen ihrer Helden um einen höheren Zweck geht, aber auch, weil der Leser ahnt, dass der Stoff in mancher Hinsicht biographisch ist. Vier namhafte Kritikerinnen haben sich diesen Effekt zunutze gemacht und ein Lexikon über „99 Autorinnen der Weltliteratur“ verfasst, das sich wie ebenso viele Romane liest. Die Einträge sind kurzweilig und schwungvoll geschrieben, reich an Anekdoten und biographischen Details, in die sich die Werke der Porträtierten wie aus einem Guss zu fügen scheinen. Unwillkürlich beginnt man sich zu fragen, ob ein außergewöhnliches Schicksal zu den Auswahlkriterien zählte oder das Leben weiblicher Schriftsteller an sich zu Superlativen und dramatischen Wendungen neigt? „Leidenschaften“ jedenfalls lautet der Obertitel, den Elke Schmitter im Nachwort auch mit der Haltung des Autorinnenteams zu den von ihnen Betreuten begründet.

Tatsächlich bilden sich die Vorlieben, Standpunkte und Erfahrungen der Verfasserinnen in Stil und Auswahl deutlich ab. Verena Auffermann konzentriert sich auf experimentelle Literatur und lässt dabei persönliche Eindrücke einfließen, die sie als Journalistin bei vielen Autorenbesuchen gesammelt hat. Bei Ursula März schimmern feministische Sympathien durch, wenn sie in ihrem Joanne-K.-Rowling-Artikel triumphierend vermerkt, dass „der größte Bucherfolg in der Geschichte der Menschheit auf das Konto des weiblichen Geschlechts geht“. Und während sie uns respektvoll darüber informiert, dass Aphrodite für Sappho „Göttin und persönliche Freundin zugleich“ war, bekennt die Schweizerin Gunhild Kübler, dass ihr die „sentimentale Frömmelei“ der Nationalikone Johanna Spyri „übel aufstößt“.

Von einem sozialen Gewissen beseelt

Literaturwissenschaftlichen Einwänden gegen die Auswahl begegnet Elke Schmitter mit dem unverblümten Hinweis auf geschlechtsspezifische Geschmacksurteile: „Helden des männlichen Selbstwertgefühls wie Jünger, Benn und Hemingway bestücken mit ihrer leicht ranzigen Erhabenheit oder testosterongeschwängerten Angriffslust selten weibliche Bibliotheken.“ Dem geschlechtslosen Zeitgeist allgemein ist das politisch korrekte Klima des Buches geschuldet. „Verantwortungsliteratur“ steht hoch im Kurs, auf die eine oder andere Weise sind alle Porträtierten von einem sozialen Gewissen beseelt. Aus fast jedem Land und jedem Erdteil bietet das Buch ein Autorinnenexemplar, wobei Aktivistinnen wie Arundhati Roy, Susan Sontag und Simone de Beauvoir natürlich nicht fehlen.

Die Sympathie des Teams gilt ungewöhnlichen Lebensläufen, der Kühnheit und Kraft, sich in widrigen Umständen als schreibende Frau zu behaupten, familiäre Verpflichtungen und politische Repressalien in Kauf zu nehmen und die Einsamkeit nicht zu scheuen, die hervorragende Leistungen in einem traditionellen Männerberuf oft mit sich bringen. „Ich habe den ganzen Tag gearbeitet“, klagte George Sands Gefährte Alfred de Musset einmal: „Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.“

Ertrotztes Recht auf Publikation

So eine „Schreibmaschine“ war auch Hedwig Courths-Mahler, die als uneheliche Tagelöhnertochter zur Welt kam, bei Pflegeeltern aufwuchs, eine Weile der Prostitution ihrer Mutter aus nächster Nähe zusehen musste und zunächst als Dienstmädchen überlebte. Vielleicht illustriert keine andere Autorinnenbiographie so klar, welche Disziplin und geballte Arbeitsmoral im Leben der Frauen darauf wartete, zur Literatur durchzubrechen. Dass gute achtzig Prozent der Schriftstellerinnen dem zwanzigsten Jahrhundert angehören, gibt ein objektives Bild von dieser Revolution. Frauen ertrotzten sich nicht nur das Recht auf Publikation, sondern auch auf ein aufregendes Leben.

Viele der Artikel sind Berichte von der Freiheitsfront, von einer selbstbestimmten Existenz, die nicht selten in Katastrophen mündete. Suizid, Alkoholismus, Depression, oft nur Verwirrung, Verbitterung und brotlose Anonymität sind die Folgen stürmisch-stolzer Aufbrüche, von denen die Literatur profitierte, während die Autorinnen durch alle sozialen Netze fielen. Dass Ingeborg Bachmann sich von Max Frischs Überlaufen zu einer jüngeren Frau seelisch nie erholte, mag man heute kaum glauben; dass sich die in Los Angeles lebende Exilchinesin Eileen Chang nach dem Tod ihres deutschen Mannes dreißig Jahre lang unsichtbar machte und nur noch durch Zettel mit ihrer Umwelt kommunizierte, mutet wie ein mittelalterliches Exerzitium an. Und auch die pennerähnliche Existenz, in der die smarte New Yorkerin Djuna Barnes für die letzten vierzig Jahre ihres Lebens ähnlich wie die nicht gelistete Irin Maeve Brennan dahinvegetierte, dürfte für viele Leser ein Schock sein.

Auf einer Wellenlänge mit den Porträtierten

Überwiegend jedoch herrscht der Eindruck, dass Schriftstellerinnen nicht nur Lebens-, sondern auch Überlebenskünstlerinnen sind. Die gebürtige Ukrainerin Clarice Lispector unterbrach, wenn die Söhne unruhig wurden, ihre Romanarbeit, spannte einen neuen Bogen in die Maschine und erfand ad hoc Detektivgeschichten, die sie dem Kindermädchen zum Vorlesen gab. Natalia Ginzburg verband die Literatur mit den Mutterpflichten, indem sie das unendliche Wortgeplänkel ihrer Turiner Großfamilie getreu archivierte. Hanna Krall schrieb die Überlebensgeschichten polnischer Juden auf, um darin ihre eigene zu verschweigen. Alice Munro topfte die leidigen Hausfrauengespräche, mit denen sie ihre Nachbarinnen quälten, in die absurd-komischen Dialoge ihrer Romane um. Nathalie Sarraute verlegte ihre Werkstatt in ein multikulturelles Café und wurde zur „Phänomenologin des Geschwätzes“. Astrid Lindgren kletterte noch den Enkeln in die Bäume hinterher und bewahrte ihren Kinderbüchern so den anarchischen Funken. Leonora Carrington nahm den Schock des Alterns kalten Auges vorweg, indem sie schon als junge Frau nur über Greisinnen schrieb: „Der morbide Körper ist nebensächlich, die Phantasie triumphiert.“ Auch liebestechnisch gibt es im Leben dieser Frauen kreative Lösungen zuhauf: Der erste Mann Ricarda Huchs ging „eine Beziehung zu ihrer Nichte ein, während die Schwester sich für die Neigung ihres Gatten zu Ricarda mit einer Liebschaft mit einem Freund ihres Sohnes entschädigte, dessen Vater sie später heiratete“.

Es trägt zur Sinnlichkeit der Essays bei, dass die Autorinnen viel für die Plastizität des Eindrucks tun, Fotos heranziehen, Kleider und Gesichter deuten. Damit liegen sie auf einer Wellenlänge mit den Porträtierten: „Ich kann mich an nichts erinnern, wenn ich nicht weiß, was ich anhatte“, schreibt Margaret Atwood. Kleider sind besonders für zeichenbewusste Schriftstellerinnen Teil ihrer Signatur. Die Beauvoir wählte einen Turban als Markenzeichen: „Attribut der Erscheinung einer Philosophin, die weiß, was sie interessant macht: ihr Kopf und ihr Verstand.“ Katherine Anne Porter kleidete sich ihrem strengen Stil gemäß in Dior, Hildegard von Bingen begründete die anstößige Prachtgarderobe ihrer Nonnen damit, dass „die symbolische Unterordnung unter den Mann“ für sie nicht gelten könne. Für Marguerite Yourcenar entwarf Yves Saint Laurent eigens ein förmliches Habit, mit dem sie als erste Frau in die Académie Française einzog, sonst schockierte sie ihre Nachbarn bevorzugt durch lange, wallende Gewänder. Nicht nur lesbische Autorinnen verzichteten gleich ganz auf die Fußangeln der Damenmode: „Mit meinen eisenbeschlagenen Absätzen hatte ich einen sicheren Schritt“, schreibt George Sand, die sich mit Männernamen und Anzug auch einen maskulinen Habitus zulegte.

Es brodelt unter der Oberfläche

Es mag an der spannungsfördernden Funktion krisenreicher Lebensläufe liegen, dass das Porträt einer Schreibtischtäterin wie Jane Austen eher spröde klingt. Wer ihre Romane als „Abbild des sittlichen Codes ihrer Gesellschaftsschicht“ liest, unterbelichtet den Code, den Austen gegen ihn ins Gefecht führt. Verfügen ihre Heldinnen neben der Raffinesse und rhetorischen Intelligenz eines Laclosschen Verführers doch auch über die ethische Genauigkeit der griechischen Antike und setzen sie nach allen Regeln der Kunst für die schuldfreie Erfüllung ihrer gesellschaftlich nicht vorgesehenen Wünsche ein. „Die Summe aller Anstrengung, eine helle, ruhige Zufriedenheit, ist weder Zufall noch Geschenk“, schreibt Elke Schmitter sehr richtig und übersieht doch, wie viel beherrschte Leidenschaft unter der ruhigen Oberfläche tobt.

Heutige Glücksvorstellungen stehen Pate, wenn sie Austen das Vermögen abspricht, ihren Ruhm „für ein Mehr an Leben zu nutzen“, statt ihre Honorare „für Kleider und Hüte“ zu verjubeln. Auch dass sie sich „niemals in den Kopf eines Mannes“ versetzt habe, „weil sie nicht weiß, was er denkt“, lässt sich leicht widerlegen. „Warum also Jane Austen lesen?“, fragt Schmitter, und der Leser wundert sich, warum sich das niemand bei Isabel Allende fragt. Ist es literarisch wirklich so viel aufregender, dass Margaret Atwoods Werk um „brisante Themen: Umweltverschmutzung, das kolonisatorische Verhältnis Amerikas zu Kanada“ kreist und Hildegard von Bingen „ökologische Gedanken“ wälzte? Und tut man Brigitte Kronauer - noch einer Autorin mit unspektakulärem Lebenslauf - wirklich einen Gefallen, wenn man ihre virtuos mit umgangssprachlichen Versatzstücken jonglierende Prosa flüchtigen Blicks dafür lobt, dass sie sich „nie in den Niederungen des Abgedroschenen“ bewegte?

Doch solche Einwände fallen kaum ins Gewicht angesichts eines Buches, das die Neugier auf zahlreiche wenig geläufige Autorinnen lenkt und für viele andere, denen man hier und da begegnet ist, einen narrativen Rahmen schafft. Zugleich ist es ein Essayband, der eine Fülle von Material souverän orchestriert und der Werkinterpretation geistreiche Skizzen liefert, ohne sich je in die staubtrockenen Wüsten der Theoriediskurse zu begeben. Gerade wo es eines Plädoyers bedarf, funktioniert die Passion der vier Autorinnen besonders gut. Im Plauderton machen sie politische Kontexte greifbar, ziehen Traditionslinien, liefern überraschende Querverbindungen, bieten Bewertungen an, wecken Achtung und Sympathie. Damit gelingt ihnen, was bei Nachschlagewerken oft ausgeschlossen ist: die Verleitung zum Lesen.

Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: „Leidenschaften“. 99 Autorinnen der Weltliteratur. Verlag C. Bertelsmann, München 2009. 639 S., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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