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Verdattert in Berlin

02.10.2008 ·  Das inhaltliche Gerippe der Geschichte ist schnell erzählt: Die Übersetzerin Paula, ausgewandert nach Amerika, donutsüchtig und deshalb satte 115 Kilo schwer, will kurzerhand für eine Woche in ihren Geburtsort nahe Berlin fliegen, um das Grab ihres Vaters aufzulösen. Dort erfährt sie, dass der Grabstein ...

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Das inhaltliche Gerippe der Geschichte ist schnell erzählt: Die Übersetzerin Paula, ausgewandert nach Amerika, donutsüchtig und deshalb satte 115 Kilo schwer, will kurzerhand für eine Woche in ihren Geburtsort nahe Berlin fliegen, um das Grab ihres Vaters aufzulösen. Dort erfährt sie, dass der Grabstein nicht ohne Genehmigung entfernt werden darf; sie beginnt eine Affäre mit dem Mann ihrer Schwester; ihre Mutter erleidet einen Schlaganfall und stirbt am Ende. Doch "Deadline", der erste Roman des im Jahre 1965 geborenen Berliner Autors Bov Bjerg, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, ist kein Buch über nach außen hin sichtbare Handlungen. Nicht aus dem, was Aufzählbares vom Tag übrig bleibt, besteht nämlich das Leben, sondern aus dem, was zwischen den Ereignissen passiert: auf dem Weg zum Flughafen, beim Zusammensuchen des Skeletts des Vaters, nachdem dessen Grab geöffnet wurde, während der abschließenden Autofahrt mit der Schwester. Für jemanden wie Paula, die getrieben ist von Pünktlichkeit und eine ausgewachsene Auftragserfüllungsmentalität besitzt, muss die schiere Existenz dieses nicht den Gesetzen der Effizienz gehorchenden Zwischenraums eine Qual sein. Dennoch oder vielleicht auch gerade deswegen treten die für alle greifbaren Ereignisse in den Hintergrund. Den Vordergrund erobern die vermeintlichen Nebensächlichkeiten - eben das, was das Leben ausmacht. Es handelt sich bei Bov Bjerg übrigens um jenen Autor, der seinerzeit, will sagen: vor zwölf Jahren, zusammen mit Horst Evers den verdienstvollen Theodor-W.-Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb der Zeitschrift "Titanic" gewann. (Bov Bjerg: "Deadline". Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008. 144 S., geb., 16,- [Euro].) kito

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2008, Nr. 231 / Seite 40
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