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Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns : Einer bleibt, der von Leid und Vergeltung erzählt

  • -Aktualisiert am

Bild: Paul Zsolnay Verlag

Nach Franz Werfel schreibt der in Rumänien umstrittene Politiker Varujan Vosganian mit dem „Buch des Flüsterns“ die Geschichte der Armenier fort. Der meisterhafte Roman überzeugt nicht nur literarisch, er ist auch ein Dokument des Erinnerns.

          General Dro, mit bürgerlichem Namen Drastamat Kanayan, sucht man vergeblich in der deutschsprachigen Wikipedia, was verwundert, denn das Schicksal des militärischen Haudegens war aufs engste mit dem deutschen verstrickt. In der kurzen Zeit der Unabhängigkeit Armeniens von 1918 bis 1920 Verteidigungsminister seines Landes, floh er nach dem Machtantritt der Sowjets ins Exil nach Rumänien. Seine Frau und sein Sohn wurden von den Bolschewiken „als Pfand“ in ein Lager deportiert. Während des Zweiten Weltkrieges stellte er trotz seiner Erfahrung eines Völkermords vor dem Holocaust eine Wehrmachtslegion vor allem aus sowjetischen Kriegsgefangenen armenischer Herkunft zusammen.

          Der General hatte geglaubt, dass die Deutschen nach einem „Endsieg“ die Souveränität des in den Verträgen von Lausanne zugunsten der Türkei geopferten Armeniens garantieren würden. Ähnlich wie im Falle des Ukrainers Stepan Bandera ging diese Rechnung nicht auf. Mehr noch: Nach dem Krieg rächten sich die Sowjets aufs grausamste an tatsächlichen und vermeintlichen armenischen Kollaborateuren, die sie in Güterwaggons nach Sibirien verbrachten oder gleich an Ort und Stelle ermordeten. Halb Rumänen kämmten sie auf der Suche nach dem General durch. Vergeblich. Er hatte sich in den Libanon abgesetzt und starb 1956 in den Vereinigten Staaten. Seine sterblichen Überreste wurden vor einigen Jahren in seine nun unabhängige Heimat überführt, wo dem nicht unumstrittenen Nationalhelden ein eindrucksvolles Mausoleum errichtet wurde.

          Ein Zuckerkönig auf der Weide

          Hartin Fringhians Kämpfernatur war anderer Art. Der Einberufung ins osmanische Heer konnte sich der junge Mann aus dem ostanatolischen Erzurum entziehen, indem er in Konstantinopel unter falschem griechischen Namen ein Schiff nach Constanța bestieg. Wenig später war der Weg zurück versperrt. Von den zweihunderttausend Armeniern Erzurums hatte kaum einer überlebt. In Rumänien brachte es der tüchtige Kaufmann zu Reichtum, baute ein Zuckerimperium auf und gleich dazu die Häuser für seine Arbeiter. Er legte nahe seiner Fabrik einen Obstgarten an und bedachte seine Angestellten, da er kinderlos und unverheiratet geblieben war, in einem minutiös ausgefertigten Testament. Sie sollten die Fabrik erben.

          Doch auch er hatte die Rechnung ohne den sowjetischen Wirt gemacht, der nach dem Krieg sein Eigentum verstaatlichte. In letzter Minute floh der Zuckerkönig in die Berge, wo sein edler Anzug bei der Arbeit als Schafhirt langsam zerschliss. Ohne dieses Versteck hätten ihn die Kommunisten als Klassenfeind ins Arbeitslager deportiert oder erschossen. Nach Stalins Tod kehrte er noch einmal in seine Fabrik und seinen Obstgarten zurück, wo der einstige Unternehmer unter den erstaunten Augen seiner einstigen Arbeiter Walnüsse einsammelte. Aus diesen fabrizierte er Salzkekse, von deren Verkauf der verarmte Alte seine letzten Lebensjahre mehr schlecht als recht bestreiten konnte.

          Das leise Flüstern derer, die davongekommen sind

          Dutzende solcher Schicksale aus dem blutigen zwanzigsten Jahrhundert begegnen dem Leser in den Erzählungen von Großvater Garabet. Sein Enkel belauscht sie im Hof des alten Mannes in der rumänischen Provinzstadt Fosçani und spinnt als Alter Ego des Autors daraus den Stoff für einen atemberaubenden Roman. Angesichts der beengten politischen Verhältnisse und der fragilen gesellschaftlichen Position der Akteure als Angehörige einer auch noch im Kommunismus misstrauisch beargwöhnten Minderheit wurden die Geschichten mit ihren oft grausamen Details nur flüsternd wieder- und weitergegeben.

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