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Uwe Timm: Vogelweide : Was kostet ein Kilo Begehren?

Bild: Kiepenheuer & WItsch

Uwe Timm hat einen Roman über die Liebe in all ihren Erscheinungsformen geschrieben. Dabei versinkt seine „Vogelweide“ im Anspielungssumpf.

          Der Versuch der Trennung war für die Liebenden jedes Mal wieder ein Anfang. Sie mussten sich nur sehen, und der Augenblick führte sie aufs Neue zusammen. Eben sagte sie noch: Ich will dich nicht mehr sehen, ich bin verheiratet, glücklich verheiratet, mir fehlt es an nichts. Doch dann widersprach er, und sie lenkte ein. So ungefähr geht die Geschichte von Anna und Eschenbach, die sich freilich nicht erzählen lässt, ohne auch von Ewald und Selma zu berichten. Und es ist, natürlich, die alte Geschichte: Zwei Paare, die miteinander nicht unglücklich sind, verlieben sich trotzdem jenseits ihrer Ehe.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das geschieht in der Berliner Mittelschichtsgesellschaft mit Stadtwohnung und Haus am See so häufig wie anderswo auch. Eschenbach, ein studierter Theologe und erfolgreicher Unternehmer von Mitte fünfzig, ist liiert mit der Kunstschmiedin Selma, hat sich aber in Anna verliebt, die Frau des Architekten Ewald. Dass sich die Umschwärmte tatsächlich auf ein Verhältnis mit ihm einlässt, versteht die Mutter und Kunstlehrerin selbst am allerwenigsten: „Beide haben wir Glück“, hadert sie, „lieben unsere Partner. Warum also das? Es gibt keinen Mangel an Liebe.“ Dass sie glücklich ist und trotzdem mehr will, erscheint ihr maßlos. Und trotzdem stürzt sie zum nächsten Rendezvous.

          Nach dem Liebesrausch folgt der Absturz

          Denn einmal von den Vorsätzen befreit, trifft sich das Paar unter immer aberwitzigeren Umständen. Da werden Arztbesuche erfunden und Schüler im Werkraum vergessen, weil die Zeit so schnell vergeht. Man trifft sich in Hotels, und es ist den beiden egal, was das Personal über das Paar ohne Koffer sagt, das schon zwei Stunden später das Zimmer wieder verlässt. Es geht sogar zu Anna nach Hause, wenn die Kinder in der Schule sind und das Au-pair-Mädchen im Deutschkurs sitzt. Da waren keine Überlegung, kein Takt, keine Rücksichtnahme: „Sie waren, so sagte er es für sich und für sie, von Sinnen.“

          Der Liebesrausch im Venusberg dauert drei Monate, dann kommt der Absturz. Dass danach nichts mehr ist, wie es einmal war, erfahren wir gleich zu Beginn des neuen Romans von Uwe Timm. Und damit fangen die Probleme an. Denn der Schriftsteller, der es in seinem Œuvre meisterlich versteht, politische, historische und private Wirklichkeit ineinanderfließen zu lassen, richtet nunmehr den Blick auf Herzen in Aufruhr. Das geht nicht gut. Weil die Konstruktion der Geschichte dem Autor im Weg steht. Weil er es nicht schafft, seine Idee von Liebe, Macht und Begehren mit Leben zu füllen.

          Die Anspielungen drohen die eigene Stimme zu ersticken

          Das fängt beim Titel „Vogelweide“ an, der nicht nur auf Eschenbachs Aufenthalt auf einer unbewohnten Nordseeinsel anspielt, auf der er als Vogelwart Unterschlupf findet, sondern auch auf den Minnesänger, der die erfüllte Liebe von gleich zu gleich besang - alles übrigens Personal aus Wagners „Tannhäuser“, der Oper schlechthin, wenn es sich um Liebe und Sünde, Buße und Gnade dreht. Darunter geht es in diesem Roman nicht. Und dabei droht er vor lauter Anspielungen auf Shakespeare über Storm bis zu Shackleton die eigene Stimme zu verlieren.

          Da sitzt Eschenbach, nachdem er die Frau, die Firma und die Geliebte verloren hat, allein mit sich und der Vogelwelt auf der Insel und erinnert sich der turbulenten Ereignisse sechs Jahre zuvor. Anlass für seine Rückschau ist ein Anruf von Anna, die erstmals nach der Trennung wieder von sich hören lässt und den Eremiten in seiner Klause auch noch aufsuchen will. Bis sie es schließlich auf das Eiland schafft, das nur bei Ebbe und mit einer Pferdekutsche zu erreichen ist, vergehen noch 285 Seiten, in denen erzählt wird, was bisher geschah.

          Leider nichts Neues über das Begehren

          Tatsächlich will Uwe Timm die Liebe in all ihren Erscheinungsformen ausloten. Das tut er ein bisschen so, als habe ihm beim Schreiben eine Liste vorgelegen, die es abzuhaken galt. Das Internet mit seinen natürlich verwerflichen, weil seelenlosen Kontaktbörsen kommt dabei ebenso vor wie eine Meinungsforscherin, die dem Wesen der Liebe mit Statistik auf die Sprünge helfen will: „Ja. Dieses Streben nach Glück und der Liebe ist bestimmbar. Wir müssen es erforschen.“ Dass hier eine überflüssige Karikatur von Elisabeth Noelle-Neumann gezeichnet wird, ist so wenig originell wie der Bezug zu anderen Personen der Zeitgeschichte wie Margot Käßmann oder Ronald Reagan.

          Wie gern hätte man von diesem Autor etwas Überraschendes oder gar Neues über das Begehren erfahren. Stattdessen wirft er einen überreflektierten Blick auf unsere Wirklichkeit, der zu stereotypen Bildern führt. Der indianische Liebhaber, der Überlebenstraining in der Schorfheide anbietet, bleibt so behauptet wie der Stararchitekt, der Wohnsiedlungen in China baut, oder Annas wundersame Karriere als Erfolgsgaleristin in Amerika. Gern hätte man auf Keats und Goethe, Luther und Luhmann verzichtet, wenn man dafür mehr Uwe Timm im Original bekommen hätte.

          Was Eschenbach in seiner insularen Unbehaustheit am meisten auffällt, ist das Fehlen menschlicher Stimmen. Ihm erscheinen die Gespenster der erinnerten Vergangenheit, doch der Roman vermag nicht, dass sie Gestalt anzunehmen. „Vogelweide“ überzeugt immer dann, wenn der Autor das Milieu porträtiert, das kokett sein schlechtes Gewissen über die Ungerechtigkeit der Welt formuliert, auf Vernissagen Konversation über Atommüll treibt und die Ferien im Gebirge oder auf Sylt verbringt. Timms Erörterungen zur Leidenschaft aber werden selbst zur unfreiwilligen Passionsgeschichte.

          Im Gespräch mit der Statistikerin, im Roman nur die schicksalsbestimmende Norne genannt, sagt Eschenbach: „Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Seele einen besonderen Teil haben, der einem anderen vorbehalten ist. Dort sehen wir die Idee unserer anderen Hälfte, wir, die Unvollkommenen, suchen nach dem Vollkommenen im anderen. Äußerlich und seelisch. Lieben heißt, den anderen überbewerten.“ Da unterbricht Eschenbach sich selbst: „Ich fange an zu predigen“, sagt er, und man kann ihm kaum widersprechen.

          Uwe Timm: „Vogelweide“. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 336 S. geb., 19,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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