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Uwe Johnson / Hans-Magnus Enzensberger: Der Briefwechsel Diese Ehedramen öden mich an

23.10.2009 ·  Formvollendete Wutausbrüche: Der Briefwechsel von Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson zeigt zwei Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur in Höchstform.

Von Ernst Osterkamp
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Je unterschiedlicher die Charaktere und Talente der Dichter, umso besser für deren Briefwechsel; diese Regel gilt spätestens seit dem Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Deshalb dürfen sich die Leser der zwischen Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger gewechselten Briefe auf die Lektüre einer höchst ergiebigen, menschlich spannenden sowie politisch und literaturgeschichtlich informativen Korrespondenz freuen; sie bildet das Zeugnis der komplizierten Freundschaft zwischen zwei großen Einzelgängern der deutschen Literatur, von denen man aus der historischen Distanz erst einmal wird annehmen wollen, dass sie einander wesensfremd waren: hier der moralstrenge Erzähler, dort der ästhetisch-politische Artist.

Was sie miteinander verbunden hat, war aber gerade die Einsamkeit der Einzelgänger; sie ließ zwischen den beiden großen Solitären der deutschen Nachkriegsliteratur eine Atmosphäre des Vertrauens und der Nähe entstehen, die auch deren Familien einbezog. Am Ende aber erwiesen sich die Charaktere doch als zu verschieden, und so brach diese Freundschaft schließlich in einer katastrophalen Vertrauenskrise auseinander; sie wurde von Johnson im Mai 1967 aufgekündigt mit den Worten: „Die Frage, ob ein Vertrauen unter Freunden wahrgenommen werden konnte von jemandem, der uns nicht die Wahrheit sagt, der uns täuscht, der uns ausnutzt und reinlegt, diese Frage scheint uns nur noch semantischer Natur zu sein.“

Angelegt auf zwei Bände Dünndruck

Dabei hatte Uwe Johnson noch im Sommer 1966 geglaubt, „dass die Gesamtausgabe unseres Briefwechsels auf mindestens zwei Bände angelegt ist, und zwar im Dünndruck“. Ein Jahr später schon hatte dieser – rechnet man einen unerheblichen Epilog ab – sein Ende gefunden. Und so umfasst die gedruckte Korrespondenz nur 161 Schriftstücke, die auf rund zweihundert Seiten Platz haben. Aber die haben es in sich.

Wie jung die Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur damals waren! Und wie, gemessen an den heutigen Standards, erwachsen schon! Im Jahr 1964, in den Zeiten der größten Nähe, als Enzensberger erstmals vom norwegischen Tjøme zu Johnson in eine „berliner doppel-hütte“ zu ziehen plante, feierte Johnson seinen dreißigsten, Enzensberger seinen fünfunddreißigsten und ihr gemeinsamer Verleger Siegfried Unseld seinen vierzigsten Geburtstag. Sie hatten sich 1959 bei der Tagung der Gruppe 47 in Elmau kennengelernt; damals arbeitete Enzensberger, den bereits sein erster Gedichtband „verteidigung der wölfe“ (1957) berühmt gemacht hatte, an den Gedichten des Bandes „landessprache“, und von Johnson, der erst kurz zuvor aus der DDR nach West-Berlin übergesiedelt war, war soeben sein Roman „Mutmaßungen über Jakob“ erschienen, dem Enzensberger wenig später eine Kritik widmete. Johnson eröffnete, ohne Enzensbergers Kritik auch nur zu erwähnen, den Briefwechsel im Dezember 1959 damit, dass er sich dessen Essay über die Sprache des „Spiegel“ erbat.

Abneigung gegen das Allgemeine

Schon in diesen ersten Briefen wird die Unterschiedlichkeit der Charaktere und auch des schriftstellerischen Ethos sichtbar: Johnson folgt seiner Neigung, von Fragen des Stils gleich ins Prinzipielle und Grundsätzliche zu gehen, und kritisiert, dass Enzensberger am Schluss seines Essays eine Gesellschaftskritik zwar andeute, aber nicht ausführe; Enzensberger antwortet mit dem Hinweis auf seine „abneigung gegen das allgemeine, weil es meist zu früh vorgebracht wird und weil ich es vermutlich gar nicht so vorzubringen wüßte, wie das ganze es erfordert“. Mit dieser Selbsteinschätzung seiner schriftstellerischen Stärken – denn die Abneigung gegen das Allgemeine ist eine Stärke des Schriftstellers – hatte er gewiss nicht unrecht; als er im Oktober 1966 im Zuge der Auseinandersetzungen um die Notstandsgesetze auf dem Frankfurter Kongress „Notstand der Demokratie“ mit großer rednerischer Geste ins Ganze und Allgemeine ausgriff, wurde deshalb Johnson sofort zum schärfsten Kritiker von Enzensbergers politischer Rhetorik: „Das ist Hochstapelei. Du kennst die Arbeiter nicht, die du da zum Generalstreik aufrufst.“

Die ersten Jahre des Briefwechsels standen im Zeichen von Zeitschriftenplänen und eines politisch-literarischen Wirkungswillens, der einherging mit dem Versuch, sich aus dem Schatten der Gruppe 47 zu lösen und eigene internationale Netzwerke auszuspannen. Zunächst investierten Enzensberger und Johnson viel Mühe in den Plan einer literarisch ambitionierten deutsch-französisch-italienischen Zeitschrift, für die zeitweise Johnson als verantwortlicher Redakteur vorgesehen war und die nie über eine Nullnummer hinaus gedieh. Nach dem Scheitern dieses Plans entwickelte Enzensberger im Frühjahr 1964 das Konzept des „Kursbuch“, für das er fest auf Johnsons Beiträge rechnete; tatsächlich lieferte dieser gleich für das 1965 erschienene „Kursbuch 1“ den Text „Eine Kneipe geht verloren“. Dies alles vollzog sich vor dem Hintergrund der politischen Aufgeregtheiten der Sechziger von der „Spiegel“-Affäre über die Gründung des „Wahlkontors deutscher Schriftsteller“ zugunsten der SPD im Sommer 1965 bis zu den Anfängen der Außerparlamentarischen Opposition: Ereignisse, die beide Korrespondenten mit großer politischer Aufmerksamkeit, aber auch aus einem gewissen geistigen Abstand kommentierten.

Zu alt für jugendliches Gefühlsleben?

Enzensberger begegnet in diesem Briefwechsel den Dingen dieser Welt in der Regel mit gefasster Ironie – eine Haltung, die Johnson nur in begrenztem Maße zur Verfügung stand. Immerhin gewährt Enzensberger dem Leser das Glück, ihn in diesen Briefen doch wenigstens einmal bei einem formvollendeten Wutausbruch zu erleben; er gilt Siegfried Unseld, der immer wieder in die Rechte des „Kursbuch“-Herausgebers einzugreifen versucht hatte: „ich werde allmählich zu alt, um spaß an einem so jugendlichen gefühlsleben zu haben, wie es sich da zu äußern nicht müde wird. dieser zyklus von beleidigt-sein-rache-versöhnung, diese fortwährenden kleinbürgerlichen ehedramen öden mich an.“ Johnsons Trost besteht in dem Rat, „dass wir Martin ein Leben bis hoch in die Neunziger wünschen sollten, damit doch immer Einer da ist, der an des Verlegers Grab Überschwengliches zu sagen wüsste“.

Einige ihrer schönsten und inhaltsreichsten Briefe schrieben sich Enzensberger und Johnson, nachdem dieser im April 1966 seinen zweijährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten begonnen hatte. Und doch dauerte es danach nur noch wenige Monate, bis diese Freundschaft unrettbar zerbrach. Kein Leser wird die Dokumente, mit denen sie zertrümmert wurde, ohne Bekümmernis zur Kenntnis nehmen, denn jeder der vorangegangenen Briefe zeigt, wie viel diese Freundschaft beiden bedeutet haben muss; auch wird man selbst die brieflichen Attacken, die seit dem Oktober 1966 aus New York auf Enzensberger niedergingen, als eine besonders aggressive Form des Liebeswerbens lesen können.

Der plötzliche Bruch

Zu den komplexen Voraussetzungen, die den plötzlichen Bruch herbeiführten, gehörte die Umkehrung der lebensgeschichtlichen Situation der Freunde. Bis dahin hatte Enzensberger, in Norwegen lebend, eine exterritoriale Position gegenüber den deutschen Verhältnissen bezogen. Zwei Jahre später hatte sich die Situation umgekehrt: Nun beobachtete Johnson von New York aus den sich hysterisierenden politischen Diskurs in Deutschland, während Enzensberger mittlerweile nach Berlin gezogen war und damit als Schriftsteller in die Dynamik einer Protestbewegung geriet, deren politische Aktionsformen und Rhetorik Johnson auf keine Weise gemäß waren.

Hinzu kam, dass Enzensberger gerade in dieser Zeit sich von seiner Familie getrennt hatte und eine neue Verbindung eingegangen war, ohne dies Johnson mitzuteilen; Johnson, für den diese Freundschaft auch immer eine der beiden Familien war, muss diese Geheimniskrämerei als schlimmen Vertrauensbruch empfunden haben, zumal ihn seine Empathie längst hatte ahnen lassen, welcher Wechsel in Enzensbergers familiären Verhältnissen eingetreten war. Erst in dieser Zeit findet sich in Johnsons Briefen die von tiefer Enttäuschung kündende Wendung, Enzensberger wolle ihren Briefwechsel „für Zwecke der brutalen Verstaendigung“ einrichten – ein Zitat, das nun unsinnigerweise dem gesamten Band den Titel gibt. Alle Verständigungsmöglichkeiten wurden schließlich abgeschnitten, als Johnson in New York erfuhr, dass Dagrun Enzensberger, der er nach der Trennung von ihrem Mann seine Berliner Wohnung zur Verfügung gestellt hatte, und Enzensbergers Bruder Ulrich, der seine Atelierwohnung bewohnte, mittlerweile Mitglieder der „Kommune I“ geworden waren und von seinen Wohnungen aus als verwirrte Kinder ihrer Zeit politische Allotria organisierten, was nun auch Johnson in die Berliner Zeitungen brachte. Dass sich Enzensberger Johnsons massivem Versuch, ihn für die Irrungen und Wirrungen der beiden verantwortlich zu machen, entzogen hat, wird man begreiflich finden.

Literarische Briefe von zwei Stilisten

Eine anrührende, eine bewegende Korrespondenz also, die es dem Leser erlaubt, seine Sympathien gleichmäßig auf beide Autoren zu verteilen. Ein Briefwechsel mit beträchtlicher zeithistorischer und literaturgeschichtlicher Tiefendimension zudem, die der vorzügliche Kommentar, der auf viele unveröffentlichte Dokumente zurückgreift, verlässlich ausleuchtet. Eine Korrespondenz schließlich zwischen zwei glänzenden Stilisten, die ganz bewusst literarische Briefe schrieben und ihre Manierismen aufs beweglichste und pointierteste kultivierten. Wir wollen Hans Magnus Enzensberger, von dem uns der Kommentar dankenswerterweise mitteilt, dass er den Führerschein „bis heute“ nicht besitzt, woraus sich schließen lässt, dass er ihn noch erwerben wird, ein überaus langes Leben wünschen, dürfen aber abschließend doch auch sagen, dass wir uns auf viele weitere Editionen seiner Briefwechsel freuen.

Hans Magnus Enzensberger/Uwe Johnson: „fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung“. Der Briefwechsel. Hrsg. von Henning Marmulla und Claus Kröger. Suhrkamp, Frankfurt 2009. 343 S., 26,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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