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Ursula Keller / Natalja Sharandak: Sofja Andrejewna Tolstaja : Ich bin Kindermädchen, Möbelstück, Frau

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Bild: Insel Verlag

Fast fünfzig Jahre lang machte sich das Ehepaar Tolstoj das Leben zur Hölle: Jetzt liegt eine packende Biographie Sofja Andrejewna Tolstajas vor, die das Wesen der Frau an der Seite des rastlosen Literaten ergründet.

          Was mich betrifft, so hatte ich in den vergangenen Tagen so viel Aufwühlendes durchlebt, dass ich, als ich unter der Brautkrone stand, nichts fühlte und empfand. Mir schien, dass etwas Unausweichliches, Unwiderrufliches sich vollzog, etwas wie ein elementares Naturereignis.“ Das Naturereignis, von dem die damals achtzehnjährige Sofja Andrejewna Behrs in ihren Tagebuchaufzeichnungen berichtet, war eine Naturgewalt. Am 23. September 1862 heiratet die Tochter des kaiserlichen Hofarztes in Moskau den sechzehn Jahre älteren Graf Lew Nikolajewitsch Tolstoj. Ihre Gefühle zu ihm sind aufrichtig. Ungeduldig blickt sie auf ihre Zukunft an der Seite des erfolgreichen Schriftstellers, denn auch Sofja hat literarische Ambitionen. Ihre erste Novelle legt sie Tolstoj vor.

          „Natascha“ handelt von zwei Schwestern, die in denselben Mann verliebt sind. Tolstoj, der zuvor als Partie für Sonjas ältere Schwester vorgesehen war, lobt das Jugendwerk seiner Braut – und hält sie nicht davon ab, es vor der Ehe zu vernichten. In den nächsten dreißig Jahren sind es vor allem seine Texte, die immer wieder eine Brücke zwischen den entfremdeten Eheleuten schlagen. „Es war unmöglich, zu zählen, wie oft ich ‚Krieg und Frieden‘ abgeschrieben habe“, berichtet Tolstaja in ihren Erinnerungen. Jahrzehntelang überträgt sie die unleserlichen Manuskripte ihres Mannes in Reinschrift, führt die Verlagskorrespondenz, kümmert sich um die wirtschaftlichen Angelegenheiten der bald auf fünfzehn Mitglieder angewachsenen Familie. Als „Amme des Talents ihres Mannes“ hat sie der Schriftsteller Wladimir Sologub einmal bezeichnet. Tolstoj selbst sah das freilich anders.

          Das war seine Schwäche

          Seiner Frau sollte er ein Leben lang Verständnislosigkeit für seine außerliterarischen, sprich die theologischen und sozialrevolutionären Traktate, mit denen er sich seit 1880 beschäftigte, vorwerfen. „Er hielt sich für einen großen Denker“, sagt Tolstajas Heldin in dem autobiographisch inspirierten Roman „Eine Frage der Schuld“ und lässt keinen Zweifel an ihrer Meinung: „Das war seine Schwäche.“ Gemeint war Tolstoj. Fast fünfzig Jahre lang sollten sich die Ehepartner, vor allem in ihren offenen Tagebüchern, den Lebenserinnerungen, den Romanen Tolstojs und den Gegenromanen seiner Ehefrau, das Leben zur Hölle machen. Nicht selten endeten ihre Streite in gegenseitigen Wahnsinnsbekundungen. „Ich bin zunehmend der Überzeugung“, schreibt Tolstaja über den griesgrämigen Gatten, „dass, wenn ein glücklicher Mensch unversehens im Leben nur das Schlechte sieht und vor allem Schönen die Augen verschließt, dies aufgrund von Krankheit so ist.“ Und Tolstoj entgegnet manieriert: „Als ob ich als Einziger, der nicht verrückt ist, im Irrenhaus lebte, das von Verrückten geleitet wird.“

          Verrückt wird man es allenfalls nennen können, dass die Lebenserinnerungen von Sofia Tolstaja bis zum heutigen Tage nicht vollständig ediert wurden. Als gelte es, am Tolstoj-Mythos nicht zu kratzen, hält sich, wie Ursula Keller und Natalja Sharandak konzise herausstellen, die Mär von der „schlechten Schriftstellergattin“. Die deutsche Erstübersetzung von „Eine Frage der Schuld“, ebenfalls von Ursula Keller, hat kürzlich erst Sedimente dieses Gerüchts wenn auch nicht abgetragen, so doch sehr sichtbar gemacht (F.A.Z. vom 3. Januar). Das Manuskript Tolstajas erweist sich als Replik auf die „Kreutzersonate“, in der Tolstoj die Ehe und damit das Verhältnis zu seiner Frau mit Dichterkrawall erledigt. Tolstaja rächt sich mit einer Variation des berühmten Ehegattinnenmordes, doch während der Totschläger in „Eine Frage der Schuld“ den Verlust schmerzlich bereut, lässt Tolstoj seinen Protagonisten zu der vergleichsweise stumpfen Einsicht kommen, er hätte die Frau eben niemals heiraten dürfen. Auf dem Boden dieses Missverständnisses wurzelt der Tolstojsche Lebenskonflikt.

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