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Urs Faes: Paarbildung : Die Angst der Ärzte vor den Patienten

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Die Diagnose ist verheerend, aber der Krankheitsverlauf birgt Überraschungen: Der Schweizer Urs Faes hat mit „Paarbildung“ eine Liebesgeschichte vorgelegt, die therapeutische Wirkung hat.

          Wer Zürich für eine langweilige Banken-Stadt hält, in der sich nie etwas bewegt, der irrt: die Dada-Bewegung nahm hier ihren Ausgang, und in jüngerer Zeit ließen mehrere Wellen von Jugendkrawallen manch friedlichen Bürger von Lynchjustiz träumen. So öffnet es einen zeitlich und stimmungsmäßig sehr genau umrissen Hallraum, wenn sich das Liebespaar Andreas und Meret in Urs Faes' neuem Roman „Paarbildung“, der auf der Shortlist für den morgen verliehenen Schweizer Buchpreis steht, am Rande einer gewalttätigen Demonstration in Zürich zusammenfindet.

          „Schmelzt das Packeis!“, rufen die jungen Demonstranten 1981 und berufen sich in ihrer Abwehr von bürgerlicher Sattheit und Selbstgerechtigkeit auf die dadaistischen Slogans von 1916. Meret ist eine Aktivistinn und Andreas, der strebsame Student, der sich vor der wilden Jagd weggeduckt hatte, findet sie blutend und mit wütendem Gesicht unter dem Zwingli-Denkmal. Schon das wäre für eine Liebesbeziehung ein schwieriger Ausgangspunkt, aber in dem doppelbödigen Romantitel steckt auch noch ein Begriff aus der Krebstherapie.

          Anderthalb Jahrzehnte nach jenem schicksalhaften Treffen steht Meret Etter in ihrer Züricher Küche und starrt auf den Behandlungsplan, der in den nächsten Monaten ihr Leben bestimmen wird: „Die Wörter sind da, in ihren Gedanken, schwirren heran wie Seidenspinner: Fibrosen, Nervenschädigungen, Depigmentierung, Paarbildung, ein schönes Wort für den Strahlenabsorptionseffekt, denkt sie.“ Als die Brustkrebsdiagnose sie trifft, hatte sie gerade ihre feste Stelle als Juristin aufgegeben, um ein selbstbestimmteres Leben zu führen. Seit vielen Jahren haben sie und Andreas Lüscher sich aus den Augen verloren, jetzt treffen sie sich ausgerechnet in der Klinik wieder, wo er als Psychologe die qualvollen Heilungsprozesse begleitet.

          Zarte Liebesgeschichte trotz sachlicher Krankheitsschilderung

          Urs Faes hat sich in seinem neunten Roman viel vorgenommen - und es gelingt ihm mit Bravour, obwohl die Liebeskonstellation aussichtsloser und tragischer nicht sein könnte. Aber die Gratwanderung zwischen sachlicher Krankheitsschilderung und erzählerischer Leichtigkeit gelingt ihm so gut, dass man diese Geschichte trotz der verstörenden Krankheit als zarte, große Liebesgeschichte liest. Was umso verblüffender ist, als sie in einem kargen, sehr pointierten Stil geschrieben ist und die Protagonisten in fast allen entscheidenden Momenten schweigen.

          Es gibt kaum Dialoge in diesem Roman, und die wenigen wirken steif und qualvoll, weil die Figuren stammeln und sich verhaspeln, sobald sie etwas von sich erzählen sollen, und über die wichtigsten Dinge können sie gar nicht sprechen. Die Kunst des Autors ist dem Dialogischen genau entgegengesetzt: Er spiegelt das Seelenleben seiner verschlossenen, wortkargen Figuren so beredt in kleinen Gesten oder im Licht über einer Landschaft, als würden Meret und Andreas in jedem Satz ihre Liebessehnsucht und ihren Einsamkeitsschmerz herausschreien.

          Mit dem Blick des empathisches Arztes

          Den Klinikalltag mit seinen Behandlungsstrategien und Tumorboards kennt der Autor genau. Eine Züricher Klinik hatte ihn beauftragt, anderthalb Jahre lang deren onkologische Station zu beobachten, um das Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten und die seelischen Folgen von Strahlentherapie und Chemo-Coctails zu beschreiben. Daher weiß sein auktorialer Erzähler, dass die Ärzte sich von den Ängsten und Forderungen der Patienten verfolgt fühlen, oft bis in ihre Träume hinein.

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