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: Unterschiedliche Sorgen in Zeiten der Restdiktatur

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Unzählbar sind die Texte, in denen eine Reise als Stimmungswechsel und Erfrischung der Kreativität, als Lebensweg und Grenzerfahrung beschrieben wird. Es zeigt die große Kunst des Imre Kertész und zugleich die Bitterkeit seiner Erfahrungen, dass er diesen Motivkomplex zu einem so bewegenden wie erschreckenden ...

          Unzählbar sind die Texte, in denen eine Reise als Stimmungswechsel und Erfrischung der Kreativität, als Lebensweg und Grenzerfahrung beschrieben wird. Es zeigt die große Kunst des Imre Kertész und zugleich die Bitterkeit seiner Erfahrungen, dass er diesen Motivkomplex zu einem so bewegenden wie erschreckenden Bild eines Bewusstseins überschreitet, in dem das Erleiden der Diktaturen tiefe und böse Spuren hinterlassen hat. Sein "Protokoll" einer Zugfahrt von Budapest nach Wien im Jahre 1991, in den Zeiten der "Restdiktatur", gerät ihm zur Analyse innerer Gefangenschaft.

          Hinter der Frage eines Zollbeamten nach dem mitgeführten Geldbetrag vernimmt der Erzähler reflexhaft "das Dröhnen von Stiefeln, das Schmettern von Kampfesliedern und das Schrillen von Türklingeln im Morgengrauen". In der Beziehung zum Zöllner, "euphemistisch gesprochen: amtlich, das heißt hundertprozentig entfremdet", zerbricht dem Reisenden die wie immer ehrenhafte Illusion, er könne in Ungarn in der Geheimhaltung seines Wesens, seiner Gedanken und seines Talents frei sein, wenn auch nur als Gefangener.

          Erst im Nachhinein, in der Literatur als Objektivierung des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft, kann diese Einsicht "in ihrer ehrlichen Wildheit" ausgesprochen werden. Literatur erscheint bei Kertész so als Medium, das über die Peinlichkeit der Selbsterkenntnis hinweg in der freien Anerkennung des Ausgestoßenseins die Distanz zu einer Gesellschaft markiert, "in der allein die Lüge ernst genommen wird". Schreiben ist für den Überlebenden, wie er es in seinen Essays ausgeführt hat, vor allem Rückgewinnung des beschlagnahmten Lebens.

          Ein Jahr später hat Péter Esterházy die Zugfahrt als Hommage an Kertész noch einmal unternommen. Seine Geschichte aber wird zur Probe auf das Verhältnis von "Leben und Literatur", alle Motive sind schon vorformuliert und entfalten ihre Erkenntniskraft erst in der Kollision mit der berichteten Erfahrung. Kertészs Protokollsätze werden zitiert, aber sie passen in ihrer Radikalität nicht mehr zur Erfahrung des Reisenden. Beinahe schämt er sich nach der Begegnung mit dem müden Zöllner, dass er sich "als freier Sohn eines freien Landes" in Haltung und Würde geaalt hat. Plötzlich aber, im Nachklappen erst, entdeckt er doch noch die Furcht in sich. Die Erzählung aber erscheint in ihrer Differenz zum Vorbild als Medium einer gleichsam instinktiven und noch immer gebotenen Wachsamkeit. "Ich bin nicht verloren, aber ich kann es im nächsten Augenblick sein. Ich fahre mit dem Zug. Ich bin nicht tot. Sondern beobachte, spähend, wie ein wildes Tier."

          Es zeugt von Selbstbewusstsein, dass Ingo Schulze das literarische Reiseexperiment 1994 wiederholt hat, um seine "Erfahrungen mit denen der beiden bewunderten Schriftsteller zu vergleichen" und auf diese Weise mehr über sich und seine Zeit zu erfahren. Die Absicht seines Erzählers, herauszufinden, wie viel Angst noch in ihm steckt, scheitert, nicht unerwartet, schon daran, dass die Zöllner ausbleiben. "Der Zug fuhr an, er rollte über die Grenze, und er, der freie Sohn eines freien Landes, empfand nichts." Er hat überhaupt andere Probleme: Im Restaurant wird der bestellte Garnelenspieß auch nach einer Stunde noch nicht serviert. So banal, verzettelt und selbstbezogen ist die ganze Geschichte, und die Zitate der Vorbilder nehmen sich darin ziemlich fremdartig aus. Die Banalität soll allzu offensichtlich als Geschenk der Freiheit erscheinen, für das der EU-Bürger im Gedenken an die unsichtbaren Grenzgänger dankbar sein soll.

          - Imre Kertész, Péter Esterházy, Ingo Schulze: "Eine, zwei, noch eine Geschichte/n". Berlin Verlag, Berlin 2008. 96 S., geb., 12,- [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.05.2008, Nr. 119 / Seite Z5

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