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Veröffentlicht: 26.05.2015, 11:25 Uhr

Prosa von Klaus Johannes Thies Krisenherde auf Kuchenblech

In „Unsichtbare Übungen“ sucht Klaus Johannes Thies die Zumutungen der Wirklichkeit an das sich in ihr bewegende Bewusstsein in wenigen Sätzen zu bannen. Diese Prosa enthält alles, was zählt.

von Jan Volker Röhnert
© Ezzelino von Wedel Michael Krüger prophezeit ihm den Kleist-Preis: Klaus Johannes Thies

In der Prosa von Klaus Johannes Thies geht es zu, als kämen Günter Eichs Maulwürfe ans Licht gekrochen, um sich Robert Walsers Mikrogramme einzuverleiben. Anders lässt sich der wechselweise bis zum Wahnsinn, Tiefernst oder Weltschmerz getriebene Sarkasmus kaum beschreiben, mit denen einer in den vermeintlich absurdesten Kombinationen die Zumutungen der Wirklichkeit an das sich in ihr bewegende Bewusstsein in wenigen Sätzen, kaum länger als eine Seite, bis zur Kenntlichkeit entstellt zu bannen sucht.

Wie ein musikalisches Leitmotiv ziehen sich offenkundige Banalitäten durch diese hintersinnigen „123 Phantasien“, um sich in den gelungensten Fällen zu Monstrositäten von pythoneskem Witz aufzublähen: Torhüter, Nylonbeine, „Frau Erdmann“, „edition suhrkamp“, die Architektur der sechziger Jahre, das Phantasma Bielefeld, das allgegenwärtige Fernsehgerät, Parkuhren, Weisheiten aus kleinbürgerlichem Elternhaus, eine eigentlich ätzende Gemengelage aus Alltags- und Erinnerungsschrott, die Thies grandios recycelt: „Es soll da eine Stelle irgendwo am Ende der Welt geben, eine Art Müllhalde, wo man das noch einmal fein säuberlich durchsortiert: die Fußbälle in den einen Behälter und die Damenstrumpfhosen, nach Farben geordnet, in den zweiten Behälter und die Blinker nach Buchstaben numeriert; und immer wieder diese kleinen Autos, die solch eine schnelle Rolle gespielt haben, bis sie dann alle irgendwann am Rand stehengeblieben sind. Irgendwie funktioniert das wie ,Monopoly‘, jeder mit einer Ereigniskarte in der Hand, die man zuletzt wieder zu den anderen Karten legt, damit man das Spiel wiederholen kann.“

Alles, was zählt

Schon die Titel erwecken eine Vorstellung vom poetischen Prinzip dieser Anti-Geschichten, in denen Tiefsinn und Albernheit, Pathos und Blödelei gnadenlos aufeinanderprallen: „Krisenherde auf dem Kuchenblech“, „Weiterbildung für Torhüter“, „Blues am Blumenstand“, „Tilsiter Tango“, „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“, „Cristiano Ronaldo frei vor Vermeer“, „Grün wie ein Märchen von Grimm“, „Nichts schöneres als bei IKEA Pommes zu verputzen“, „Meine Briefe an Beckett“, „Ein himmelblauer Motorroller und das Wort ,Steffi‘“, „Ein provisorisches holländisches Mädchen“.

34553762 © edition Azur Vergrößern Klaus Johannes Thies: „Unsichtbare Übungen“. 123 Phantasien. edition Azur, Dresden 2015. 148 S., br., 19,- €.

„Haarsträubend“ nennt Michael Krüger im Nachsatz diese Konstellationen und prophezeit Thies dafür den Kleist-Preis. Unvergleichlich ist es allemal, sich bei der Lektüre („Kölnisch Fieber“) etwa in eine „Kühlschrankkabine“ zwischen „Ziegenkäse“, „Erdbeermarmelade“ und „die Reste Pinot Grigio“ versetzt zu fühlen, das Bewusstsein eines Hummers im Aquarium des Feinschmeckerrestaurants anzunehmen („Zwiegespräch mit dem Hummer“) oder - die vielleicht schönste Geschichte - Geborgenheit in der Hand des alten jugoslawischen Nationaltorwarts Milutin Śoskić zu erleben: „Aber vielleicht war das gar nicht Śoskićs Hand, vielleicht war das nur sein Handschuh, mit dem er mir freundlich zugewunken hatte, direkt in mein Fernsehgerät hinein, in dem immer die Schwarz-Weiß-Gestreiften von Partizan Belgrad gewinnen.“

Wie gut, dass es diese Prosa über gar nichts weiter gibt - sie enthält alles, was zählt: „Von Rubens, heißt es, stamme ich ab, und nachher werde ich wieder das graue Fahrrad besteigen, ein Bonbon (citron) wird in meinem Mund herumwandern und abnehmen, und wie schön, dass man so klein werden kann und unauffällig verschwinden zum Horizont hin, einfach nur Hintergrund sein.“

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