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„Und wieder die Liebe“ : Und wieder brennt die Bürste

  • Aktualisiert am

Bild: btb

Die große alte Dame des „Goldenen Notizbuchs“ beglückt ihre Gemeinde mit einem Roman und gestattet sich in der Vorbemerkung ein kollegiales Hinüberwinken zu Goethe.

          Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist Goethe auf dem Weg nach Marienbad, der versucht, dem "freundlichen, aber etwas verlegenen Gruß" von Doris Lessing auszuweichen. Die große alte Dame des "Goldenen Notizbuchs" beglückt ihre Gemeinde mit einem neuen Roman, dem ersten seit acht Jahren, und gestattet sich in der Vorbemerkung ein kollegiales Hinüberwinken zum Geheimrat und zu anderen "berühmten Reisenden in diesen Gefilden". Bewußtseinsreisen, Weltraumreisen hat die unermüdlich produzierende Autorin längst hinter sich; jetzt, als gestandene Mittsiebzigerin, erkundet sie mit ihrem notorischen Engagement für alles Menschliche noch einmal die Gefilde der sogenannten Liebe, Unterabteilung: letzte Leidenschaft.

          Der Eros, der kurz vor Toresschluß die heftigsten Kapriolen schlägt, die Begierde, die sich an einem wesentlich jüngeren Objekt entzündet, bevor die Abgeklärtheit des Alters die Oberhand gewinnt - ein schönes, ein bewegendes Thema, das uns alle angeht, denn mit dem Aufruhr der Triebe im Abendlicht ist es wohl wie mit gewissen Krankheiten: Jeden kann es treffen. Aber nicht jedem gibt ein Gott, zu sagen, was er leidet. Das heißt, wenn jemand, ob Mann oder Frau, sich über die bittersüße Pein des dritten Frühlings verbreitet, entsteht nicht zwangsläufig Literatur von Belang. Nachdem wir uns durch die postklimakterischen Wallungen der Lessing-Heldin Sarah Durham gekämpft haben, wissen wir zu schätzen, was uns überall dort erspart bleibt, wo der Mensch in seiner Qual verstummt. Deshalb winkt der Dichter der Marienbader Elegie nicht zurück, und sogar die leichtgewichtigere Colette, die ebenfalls mit einem Gruß bedacht wird, macht sich nebst ihrem "Chérie" diskret aus dem Staub.

          Das alles wäre in seriös literaturkritischem Zusammenhang kaum der Rede wert, haftete Doris Lessing nicht hartnäckig der Ruf einer bedeutenden Schriftstellerin und Nobelpreis-Dauerkandidatin an. Im Kreis ihrer Verehrer, die bekanntermaßen überwiegend Verehrerinnen sind, wurde gelegentlich gegen die "Greise in Stockholm" polemisiert, die aus Ignoranz, Starrsinn oder Frauenfeindlichkeit die Qualitäten der moralisch integren, stets um Wohl und Weh der Welt besorgten Vielschreiberin nicht zu würdigen wußten. Wie auch immer man Kompetenz und Kriterien jener Jury beurteilen mag - in diesem Fall dürfen die Herren sich zugute halten, daß sie die Kirche im Dorf gelassen haben. Doris Lessing nimmt es ihnen vermutlich nicht einmal übel. In ihrem Alterswerk, wenn es denn eins ist, offenbart sie so unbekümmert die Grenzen ihres intellektuellen Anspruchs und ihres literarischen Vermögens, daß sie damit allen, die ihrem formlos-vordergründigen Erzählstil noch nie etwas abgewinnen konnten, nachträglich die Absolution erteilt.

          Wer aber jene erfolgreiche Mischung aus umschweifiger Unterhaltungsprosa und psychologisierender Lebenshilfe schätzt, die beim Zeitvertreib ein gutes Gewissen macht, der kommt abermals auf seine Kosten. "Und wieder die Liebe" - und wieder ein waschechtes Doris-Lessing-Buch, auch wenn die charismatische Katzenfreundin und Sufi-Sympathisantin sich nunmehr von Zeitkritik und Untergangsvisionen ganz verabschiedet hat, um einen Stoff zu bearbeiten, der ihrer mitgereiften Leserinnenschaft inzwischen gewiß mehr Kurzweil bereitet: kleine, private Dramen in der Wohlstands-Boheme des Londoner Theatermilieus.

          Wie schon in einem Interview kundgetan wurde, ist Sarah Durham, die Fünfundsechzigjährige in Liebesnöten, zu einem guten Teil Mrs. Lessing selbst, der wir gern abnehmen wollen, daß sie vor zehn Jahren und auch später noch junge Männer in Verwirrung stürzen konnte und ihrerseits für deren Reize empfänglich war. Da diese Konstellation in der Gesellschaft traditionell auf größere Vorurteile trifft als der umgekehrte Fall - junges Mädchen, älterer Herr -, konnte die Autorin ihren verbrämten Erfahrungsbericht mit dem sinnstiftenden Gefühl des Tabubruchs verfassen. Allerdings brachte sie es nicht über sich, den Widerspruch zwischen jugendfrischer Empfindung und physischem Alterungsprozeß, der ihrer Heldin so heftig zu schaffen macht, realistisch oder auch nur glaubhaft darzustellen: Sarah, die wie alle Heroinen schlechter Romane dauernd vor dem Spiegel steht, hat noch kein einziges graues Haar, ihr Körper ist "gut in Form", und man schätzt sie "nicht selten zwanzig Jahre jünger".

          Ungeachtet des beneidenswerten Erhaltungszustandes darf die mehrfache Großmutter ihre plötzlich aufflammenden Regungen nur in der Phantasie ausleben, obwohl die anvisierten Jünglinge, zuerst ein bisexueller Schauspieler und dann ein verheirateter Regisseur, durchaus nicht abgeneigt sind. Es geht Doris Lessing eben nicht um etwas so Banales wie Sex im Seniorenalter, sondern um die Macht der Gefühle, das Phänomen der erotischen Anziehung, mit dem sich der Mensch sozusagen von der Wiege bis zur Bahre herumschlagen muß. Schade, daß ihr trotz eines erheblichen Aufwands an Sprachkitsch und Psychojargon so wenig Substantielles, geschweige denn Atmosphärisches dazu eingefallen ist.

          Dabei hat sie für die schüttere Romanhandlung einen schwerromantischen Motor angeworfen: Die späten Gelüste des Theaterfaktotums Sarah Durham erblühen während der Einstudierung eines Stücks, das vom kurzen Leben einer männermordenden, melancholischen, musikalischen Mulattin im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts erzählt. Schrecklich endet die Neigung, die Sarahs Seelenfreund, ein Gutsbesitzer und Mäzen in den besten Mannesjahren, zu der sagenumwobenen Schönen gefaßt hat: Seine Leidenschaft für eine Leiche treibt ihn in tiefe Depression und dann in den Freitod. So kann es im spleenigen England zugehen.

          Die Heldin indes, die - das gab es schon einmal bei Doris Lessing - sich nebenbei noch um eine chaotische Nichte kümmern muß, kommt mit ein paar grauen Strähnen davon, wenngleich sie ihre unerfüllte Sehnsucht nach zwei jungen Kerlen allen Ernstes als "das Große Unglück" verbucht. Am Ende einer Schwermutsphase wird ihr die Einsicht zuteil, daß das ganze Elend anfing, als ihre Mutter damals den kleinen Bruder verzog und die Tochter emotional vernachlässigte - ganz so, wie es die Verfasserin in ihrer Kindheit erlebte.

          Eine traurige Geschichte, alles in allem, aber voll unfreiwilliger Komik, für die man die Übersetzerin diesmal nicht verantwortlich machen kann. Die komischste Stelle verdanken wir dem Lektorat. Dort nämlich, wo Sarah Durham beim Gedanken an den flotten Jungschauspieler von wilder Begehrlichkeit geschüttelt wird, lesen wir: "Ihre Bürste brannten." Preisfrage: Brannten die Brüste, oder brannte die Bürste? KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Doris Lessing: "Und wieder die Liebe". Aus dem Englischen übersetzt von Irene Rumler. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1996. 429 S., geb., 45,- DM.

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