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Veröffentlicht: 29.01.2010, 14:12 Uhr

Ulrike Draesner: Vorliebe Amor als Fahrradbote aus dem All

Was sucht Amor im All und wie kommt der Dinosaurier auf die Pobacke? Für ihren neuen Roman „Vorliebe“ hat sich Ulrike Draesner nicht weniger vorgenommen als eine moderne Form von Goethes Wahlverwandtschaften.

von Nicole Henneberg
© Verlag

Warum will Harriet, die Heldin in Ulrike Draesners neuem Roman „Vorliebe“, in den Weltraum fliegen? Sie setzt sich dafür brutalen Tests aus, bei denen ihr Gehirn sich durch die kleinsten Ritzen nach außen zu pressen scheint und die inneren Organe zu platzen drohen. Als Astrophysikerin weiß sie, dass der Weltraum kalt, dunkel und leer ist. Will sie also nur der „Erdenblödigkeit“ entfliehen, von der sie so geringschätzig redet?

Ulrike Draesner, eine kluge und erfahrene Autorin, erzählt in ihrem dritten Roman mit kühler, auktorialer Stimme von einer Liebe, die nicht funktionieren kann. Doch wie vertrackt und symbolträchtig diese Geschichte ist, merkt man erst, wenn man mit den Figuren zu hadern beginnt, weil sie fast klischeehaft wirken. Erst dann öffnet sich der doppelte Boden des Romans, und der Leser findet sich in einer anrührenden, zeitgemäß schwierigen Liebesgeschichte wieder.

Die Forscherin un der Pfarrer

Man meint alle Handelnden zu kennen. Zum Beispiel die mathematisch hochbegabte, in der Schule verspottete Harriet, die eine ehrgeizige und erfolgreiche Forscherin wird. Sie fürchtet nur, dass ihr Freund Ash recht haben könnte und sie einer Maschine immer ähnlicher wird: aufs Funktionieren gedrillt und geübt im Ignorieren von Gefühlen. Bis sie ihrer Jugendliebe Peter wiederbegegnet und sich neu in den evangelischen Pfarrer verliebt, der als Idealbild seiner Zunft erscheint: charismatisch und nicht sehr gläubig, dafür leidenschaftlich in biblische Geschichten verliebt. Man könnte ihn einen modernen Jona nennen, der sich im Bauch des Walfischs häuslich eingerichtet hat. Wir kennen auch das astrophysikalische Institut, in dem Harriet arbeitet: einen tristen Betonbau im Ödland um Berlin, mit schlechter Cafeteria. Der Institutsdirektor schwadroniert über „denbestirntenHimmelübermirunddasmoralischeGesetzinmir“ und denkt vorrangig über Werbemaßnahmen nach, während Harriets Lieblingskollege Erick, schrullig und genialisch, Endlosgleichungen im Kopf löst.

Die Anspielung auf das Sittengesetz der Aufklärung – nicht zufällig zeigt das Licht im Roman zuverlässig wie eine Sonnenuhr den Stand von Harriets Verwirrung – gibt einen ersten Hinweis, Erick den zweiten: Auf einem kreiselnden Drehstuhl schiebt er einen potentiellen Geldgeber rasend schnell den Flur hinunter, damit der versteht, wie sich ein Elektron fühlt – und wir verstehen, dass wir durch die Augen der kühl beobachtenden Erzählerin an einem klassischen Versuch teilnehmen. Was geschieht, wenn zwei moderne, aufgeklärte Paare sich über Kreuz verlieben? Amor selbst überwacht in Gestalt eines Fahrradboten den entscheidenden Unfall, bei dem Harriets Freund die Pfarrfrau anfährt, die auch noch Maria heißt. Die tragischen Gefühlsverwicklungen, die sich daraus ergeben, wird eine der Figuren nicht überleben.

Ein Märchen als Chaostheorie

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