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Ulrike Draesner: Richtig liegen Fleisch und Wolf

 ·  Paare in beziehungslosen Zeiten: Ulrike Draesners betörende Geschichte zeigen die Egomanie der Melancholie.

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Es kennt keinen Sieger, dieses über siebzehn Runden währende Ringen zwischen Instinkt und Selbstentwurf, Letzteres zu verstehen als radikale Ich-Autarkie, als Ausscheren aus der Horde, weshalb der Preis auch das Arrangement mit der Vereinzelung zu sein scheint. Bedrohlich jedenfalls dämmert hinter den Figurenschicksalen in diesem klugen, feinsinnigen, ungeheuer verdichteten Erzählband die Entgesellschaftung herauf („das Wippen der Köpfe, jeder in seinem iPod-Takt“).

Immer wieder aber funkt selbst in der technoiden, hocheffizient verwalteten Ultramoderne der Erhaltungstrieb der Gattung dazwischen, das Begehren, das viele von Ulrike Draesners Helden und Heldinnen wider besseres Wissen gern metabiologisch interpretieren würden, ganz klassisch als Triumph der Emotion: „Fast hätte sie gelacht. Marius war, laut Zellenanalyse, 23–25 Jahre alt. Es war aber so: Ihr Lächeln wollte zu ihm. Schon den ganzen Tag.“ Und doch kann es, darin besteht die Grundtragik dieser leicht zum Grotesken hin verzerrten, gleichwohl sehr unsrigen Welt – vielfach nehmen die Erzählungen auf Kafkas Surrealismus Bezug bis hin zu einer Versetzung der „Verwandlung“ ins Zeitalter der elektronischen Kommunikation –, nur zu Augenblickskontakten kommen, im besten Fall zu Paarungskaskaden.

„Porsche parking only“

Das heißt keineswegs, dass Draesner einzig Frauen porträtierte, die am Kursverlust der Zweisamkeitsutopie verzweifelten. Manche der Protagonistinnen erklären die Reihung geradezu zum Projekt: Die eine, Listen führend und daher „Listerin“ genannt, will Liebhaber aus allen europäischen Ländern ihr Eigen nennen, scheitert aber vorerst an der unerklärlichen Schweiz. Die andere, eine Fledermausforscherin, versucht es ihren Forschungsobjekten sexuell gleichzutun, was in diesem Fall heißt, den Samen von fünf Männern anzusammeln, um dann im Innern per Kopfstand ein Wettrennen der Spermien auszutragen, wobei auch dieser Plan misslingt. So erfüllend wie trist ist eine austauschbare Geschäftsreisenaffäre zwischen zwei Verheirateten, die mit derselben Professionalität gehandhabt wird wie das unternehmerische Tagewerk in austauschbaren Tagungsräumen.

Es ist eine Routinenwelt, in der Sehnsüchte und Lüste wie Störungen wirken, in ihrem Verunsicherungspotential aber mit den jüngsten Zuckungen des Systems konvergieren: „Man hatte weinende Banker gesehen.“ Dennoch agieren die Protagonistinnen vor allem kühl berechnend. Sie haben Sex mit aseptischen Kollegen in einem aseptischen Bürokosmos kafkaesker Dimension: „In allen Lobbies hängt moderne Kunst, ebenso an den Weggabelungen, das Gebäude gleicht, der Module wegen, an jeder Stelle einzig sich selbst.“ Sie nehmen Rache für Demütigungen, mal sympathisch, mal infernalisch. In „Harmonische Methode“ unternimmt die bespuckte Erzählerin, die ihren Nissan auf einem „Porsche parking only“-Parkplatz abgestellt hatte, einen Brandanschlag, der sich letztlich gegen sie selbst richtet. Die verlachte Nhung wiederum straft ihre Feindin Jahre später, indem sie sich, nun Kindergärtnerin, beiläufig entfernt, als sie deren kleine Tochter im Planschbecken versinken sieht.

„Eiscafés sind ideale Orte, um traurig zu sein“

Verirrte, in ihr Gegenteil umschlagende Zuneigung ist eines der Zentralthemen in diesem Prosaband: Ein Mann wird eingeschlossen, ein anderer setzt Kollegen ein Dal aus Katzenfutter vor, eine ehemals Fress- und nun Laufsüchtige versucht, es ihrer überfordernden Mutter heimzuzahlen, indem sie in einem Glaskubus einen öffentlichen Laufrekord plant, der jedoch erst im Moment des Scheiterns zum Thema wird. So rätselhaft viele der Handlungen im Abgang wirken mögen, so wiedererkennbar zeitgenössisch sind doch die Verhaltensweisen der ökonomisch denkenden Protagonisten, welche die Autorin mit wenigen, treffenden Worten ins Bild zu setzen weiß.

Dass die Geschichten ihrerseits Paare bilden sollen, ist nicht immer allzu deutlich, aber auch nicht allzu wichtig. Ulrike Draesners Erzählen, eine netzwerkartige Narration, lebt nicht von formalistischer Spielerei, sondern von seiner Intensität auf der Ebene der Details. Die Poetin Draesner ist vielleicht dafür verantwortlich, dass man den Geruch „der grünen Lymphe der Sträucher“ der asiatischen Teeplantage förmlich zu riechen meint. Aber auch die vielen kleinen Reflexionen am Rande nehmen gefangen: „Eiscafés sind ideale Orte, um traurig zu sein. Die Becher, die Schmelze, das kleine Geld.“ Auch dieses durch und durch gelungene Buch über die Melancholie der Egomanie erlaubt es einem, auf schöne Weise ein wenig traurig zu sein.

Ulrike Draesner: „Richtig liegen“. Geschichten in Paaren. Luchterhand Verlag, München 2011. 256S., geb., 18,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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