Home
http://www.faz.net/-gr4-qzt2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Übers Spiel zum Kampf

08.07.2005 ·  Das Poesiealbum der Guerrilla: Erin Cosgroves RAF-Liebesroman

Artikel Lesermeinungen (0)

Vor vier Jahren wurde der "Mythos RAF" Modelabel und Marke. Zeitgeistgazetten stellten blutverschmierte Prada-Meinhof-Models vor und fragten: "Ist Terror cool?" Filme und Romane wie Leander Scholz' "Rosenfest" entdeckten in Baader die Popikone, unter deren harter Schale ein Märchenprinzherz schlug. Inzwischen ist der Liebhaber scharfer Bräute und schneller Autos sogar in der neueren Geschichtsschreibung angekommen: Karin Wieland beschrieb ihn kürzlich als aufgeblasenen "Dandy des Bösen". Erin Cosgrove, eine sechsunddreißigjährige Underground-Autorin aus Los Angeles, hat diese ästhetische Entmythologisierung jetzt noch einmal radikalisiert.

In ihrer Liebesgroteske "Die Baader-Meinhof-Affäre" feiern die "süßen toten Deutschen" von Stammheim eine Wiederauferstehung als Rasselbande von College-Boys, Groupies und Cheerleadern, um die "romantische Revolution" der Großväter besser auszufechten: "Wir haben den Umsturz auf der Straße geprobt, in den Arbeitervierteln und aus dem Innern des Systems heraus. Nichts hat funktioniert. Jede Antwort war die falsche. Es ist nicht die Zeit, Länder zu besetzen; es ist die Zeit, das Herz zu besetzen. Die romantische Liebe ist der neue bewaffnete Aufstand. Wir kämpfen mit den Waffen der Gefühle, und der Aufstand findet unterhalb der Gürtel·linie statt."

Cosgrove nennt ihren Roman ein "romantisches Manifest" gegen den Zynismus und im Vorwort auch eine "exkrementale Vision" (B-M, bowel movement, heißt soviel wie Stuhlgang), und so liest sich ihr Groschenroman denn auch: Mit dem Kitsch, der aus Andreas' haselnußbraunen Augen und Ulrikes schwellenden Lippen trieft, wird auch der Mythos RAF ins Klo der Geschichte gespült. Die "Baader-Meinhof-Lesegruppe" am College von Norden, eine Clique von Freaks und Fashion Victims, will die Geschichte des RAF-Terrorismus in einer Art Kreuzung aus Passionsschauspiel und MTV-Seifenoper so lebensecht nachstellen wie Trekkies ihre Weltraumopern.

Das Spiel der "Baader-Meinhof-Aficionados" ist cool; aber die Kostüme und Kulissen haben mit dem Deutschland der siebziger Jahre ungefähr soviel gemein wie Benetton-Werbung mit einem RAF-Fahndungsplakat: Es geht nur um Dress-codes und starke Zeichen, Heldenposen und "authentische" Gefühle. Immerhin haben die amerikanischen Enkel der RAF gerüchteweise gehört, daß ganz Nazi-Deutschland damals ihre Idole jagte, und das gibt ihrem Baader-Meinhof-Revival den letzten Kick. Alle wollen dabeisein, wenn die Lesegruppe noch einmal die zehn Stationen des Passionshappenings abschreitet, vom "Wir-müssen-uns-bewaffnen-Tag" bis zur "Todesnacht". Straßen werden abgesperrt, Programmhefte verteilt, die Reporter sind so begeistert wie die Bürger mit dem Opernglas. Vom bewaffneten Kampf hinter den Kulissen ahnt niemand etwas.

Holden, Schwarm aller College-Girls, übernimmt naturgemäß die Hauptrolle; Regan, seine intrigante Ex-Freundin, spielt Ensslin. Mara, die süße, schüchterne Germanistikstudentin, die RAF für so etwas wie GAP hält und bei Professor Mahler Referate über Serienkiller schreibt, ist so hingerissen von Holdens Charme und Waschbrettbauch, daß sie, wenn auch schmollend, die undankbare Rolle der zickigen Meinhof übernimmt. Regans Eifersucht läßt das Spiel fast in Ernst umkippen: Die von ihr entworfene Bombenattrappe ist echt. Noch echter ist freilich das Glück der Liebenden, als sie sich nach einer Kette von Mißverständnissen, Lügen und mißglückten Dates endlich auf der Pritsche ihrer Todeszelle vereinen dürfen. "Sag Baader zu mir", stammelt Holden, "Ulrike ... Mara. Willst du richtig mit mir zusammen sein?" Maras jungfräuliches Herz "hüpft vor Glück in den Himmel", als ihr Abgott sie nimmt "wie ein Mann eine Frau". Auch in der Liebe machen Terroristen keine Gefangenen.

Natürlich ist diese Rocky-Terror-Picture-Show geschmacklose Pulp Fiction, infantiler Trash, aber Cosgroves rosarote Kitsch-Mimikry provoziert womöglich mehr als jede politische Identifikation: Terror ist hier eine Inszenierung für pubertäre Loser und Laiendarsteller, ein Schmierenstück für romantische Teenies und Möchtegern-Performancekünstler, denen es nur um Mr. Big, Erfahrungsdesign und das Styling von schußsicheren Westen und Motiven geht. Die süße, naive Mara studiert eifrig "Kommunismus für Dummies" und weiß doch nie, was gespielt wird: In ihren kühnsten Utopien opfert sie ihr Leben für den Résistance-Heros Holden oder tritt mit gezückter Knarre vor den Traualtar, während ihre Rivalin Regan für ihre Rolle kaltblütig über Leichen geht.

Man täte diesem RAF-Fanclub unrecht, wenn man seine Farce als satirische Wiederholung einer historischen Tragödie ernst nehmen wollte. Cosgroves Affäre mit Baader-Meinhof ist streckenweise hinreißend witzig, aber auf die Dauer so zäh und albern wie das Lieblingsgericht der Veganer: Tofu-Pampe, als Berglöwenfleisch maskiert. FBI-Agenten verkleiden sich mit Boxershorts, Plüschpantoffeln und bunten Gurkenmasken als kichernde Girlies, um ihrer Busenfreundin Mara Dippity Doo, Jell-O-Shooters und allerlei psychedelischen LSD-Glibber einzuflößen. Die Fußnoten, in denen die Autorin ihre Heldin gegen den Hoch- und Unmut der Leser verteidigt, werden durch neckische Bömbchen und geballte Fäustchen markiert. Cosgrove kann zwar besser schreiben, als die ungelenke Übersetzung wiedergibt, und ist, wenn nicht das Genie, für das sie sich ausgibt, doch immerhin vertraut mit marxistischem und feministischem Schabernack. Aber ihr Roman ähnelt doch stark einer ins RAF-Manifest-Deutsch übertragenen Courths-Mahler-Schnulze, und ihre Theorie der romantischen Avantgarde erschließt sich wohl nur dem belesenen Hausmeister.

"Mag sein, daß es unamerikanisch ist, sich über Terrorismus lustig zu machen", rühmte die New Yorker "Village Voice" Cosgroves Terrormädchenroman, "aber es wäre schade, wenn wir nicht mal mehr was zu lachen hätten oder, oops, wenigstens jemand zum Poppen." Mag sein, daß eine Campus-Klamotte über Usama und seine Clique nicht ganz so lustig geworden wäre wie diese spätromantische Seelenwanderung. Aber wenn es gegen die "Faschisten" geht, geht auch eine terroristische Lovestory durch, und so wurde Cosgrove, im Nebenberuf Performancekünstlerin, auch zur Berliner RAF-Ausstellung eingeladen.

MARTIN HALTER.

Erin Cosgrove: "Die Baader-Meinhof-Affäre. Ein romantisches Manifest". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Hans Schmid. Blumenbar Verlag, München 2005. 333 S., geb., 18,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.2005, Nr. 156 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel