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Justizroman von Ernst Ottwalt : Bestraft wird durch Todesangst

  • -Aktualisiert am

Georg Grosz, Straßenszene am Kurfürstendamm, 1925 Bild: Museo Thyssen- Bornemisza

Das passende Buch zum allgegenwärtigen Weimar-Hype und ein lesenswertes noch dazu: Der vergessene Justizroman von Ernst Ottwalt „Denn sie wissen was sie tun“.

          Heute Nacht sitzen Tausende Gefangene in deutschen Gefängnissen. In Qual und Verlassenheit starren sie an die Decke, können nicht schlafen, jede Hoffnung ist ihnen abhanden gekommen. Sie sind ausgesondert, weil die Gesellschaft durch ihr Verhalten Schaden genommen hat, weil sie gebrochen haben mit geltenden Regeln und Gesetzen. Oder auch, weil sie aus Verzweiflung etwas getan haben, für das es kein Vergessen und Vergeben gibt. Sie sitzen da und lassen ihre Gedanken Schleifen drehen. „Und während sie in fahler Umnachtung vor sich hin stieren“, so heißt es im Schlussabsatz dieses phänomenalen, lange Zeit vergessenen und gerade wiederentdeckten Justizromans, „werfen Tausende von deutschen Richtern jetzt noch einen ruhigen Blick in das freundliche Dunkel ihres Zimmers und schlafen. Sie schlafen gut.“

          Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Bedrückende Schicksals-Synchronität. Von uns verdrängt. Heute wie damals. In der Weimarer Zeit, in der „Denn sie wissen, was sie tun“ von Ernst Ottwalt spielt, war die Justiz noch monarchistisch geprägt. Da hatte der Adel Vorrang, wurde bei gleichem Vergehen je nach Klassenlage geurteilt. Die Ungerechtigkeiten, die daraus erwuchsen und die Ottwalt auf drastische Weise schildert, sind alles Tatsachen, geschehen in den Jahren 1920 bis 1931. Falls irgendwelche Zweifel an dem dokumentarischen Charakter seiner Darstellung auftauchen sollten, so das entschiedene Angebot des Autors zu Anfang, bitte er darum, sich über den Verlag an ihn zu wenden.

          Wo bleibt die Gerechtigkeit?

          Und genau das will man nach Lektüre seines Romans sofort tun, will ihn fragen, ob einer wirklich wegen Bettelns und Obdachlosigkeit zu einem Jahr Arbeitshaus verurteilt und ob der Oberleutnant Marloh trotz illegaler Hinrichtung von 29 Matrosen tatsächlich freigesprochen wurde, ob sich der stolze Kleinbauer Jochen Schütz erhängt hat, weil er wegen Fahrens mit einem unbeleuchteten Fuhrwerk von der gnadenlosen Justiz zu drei Wochen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, und ob es stimmt, dass kommunistische Arbeiter, die Flugblätter verteilten, wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu jahrelangen Zuchthausstrafen verurteilt wurden, während kaiserliche Generäle, die monarchistische Propaganda in der republikanischen Armee trieben, nur von ihrer natürlichen Redefreiheit Gebrauch machten?

          Ernst Ottwalt: „Denn sie wissen was sie tun“. Roman. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2017. 352 S., geb., 25,-
          Ernst Ottwalt: „Denn sie wissen was sie tun“. Roman. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2017. 352 S., geb., 25,- : Bild: Verlag Das kulturelle Gedächtnis

          Wo bleibt bei all dem die Gerechtigkeit, will man fragen. „tja, die Gerechtigkeit‘, sagt Dickmann versonnen und ist sehr weit fort.‘“ Dickmann, das ist der Protagonist dieses 1931 im Malik-Verlag erschienen Justizromans: Landgerichtsrat Friedrich Wilhelm Dickmann, der sich „als Aristokrat fühlt“ und jeden Morgen ins Berliner Kriminalgericht geht, um dort einer kleinen Strafkammer vorzusitzen. In Rückblenden wird sein Leben erzählt, angefangen von der Jenaer Studienzeit, in der er im Studentencorps marschierte, bei einem angeblichen Fluchtversuch auf gefangene Spartakisten schoss und eine Angestelltentochter schwängerte, die beim verzweifelten Versuch der Selbstabtreibung an einer Blutvergiftung starb. Als Assessor und Doktorand am Leipziger Reichsgericht gibt Dickmann kurz Widerworte und verliebt sich in eine kluge Jüdin, aber der Vater holt ihn zurück auf die rechte Bahn: Gesetz ist Gesetz, Gerechtigkeit nur ein anderes Wort für Gesellschaftspyramide, und für Sex geht man im Zweifelsfall einfach ins Dienstmädchenzimmer.

          Die distanzierte Erzählerstimme erinnert von ferne an Erich Kästner, der Protagonist an Heinrich Manns „Untertan“. Neben der harschen Sozialkritik schwingt jedoch auch Mitleid für den von seinem Milieu Zugerichteten mit: „So ist Dickmann Strafrichter geworden. Diesem jungen Mann gibt der Staat die Macht, einen Menschen auf Jahre ins Zuchthaus zu schicken. An seinen wohlgeformten Lippen hängen die Blicke der Angeklagten. Sein Wort ist ihr Schicksal, bedeutet ihnen Glück oder Verzweiflung. Dieser junge Mensch weiß nichts von Not und Elend und weiß nicht, was Hunger heißt. Er kennt von Menschen nur sich selbst.“

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